Parteiisch


Trudi Weinhandel war eine Frauenrechtlerin, religiöse Sozialistin und Heilige. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend hat sie sich zeitlebens konsequent für Freiheit und Gerechtigkeit eingesetzt. Mit Hilfe der Suizidbegleitung EXIT ist sie kurz vor ihrem 91. Geburtstag aus dem Leben geschieden.
Bei der stimmungsvollen Abdankung wurde Die Internationale von den anwesenden Gästen verblüffend textsicher vorgetragen. Ein Spontanentscheid sprach die vor Ort gesammelte Kollekte den Roten Falken zu. Auf dem Weg zum Postschalter reichts noch für eine kurze Stippvisite bei August Bebel vis-à-vis auf dem Friedhof Sihlfeld – Freundschaft!

танк 34

Allein bei der Schlacht um Berlin verlor die Rote Armee um die 80.000 Soldaten, insgesamt kostete der vom Deutschen Reich ausgelöste 2. Weltkrieg nach Schätzungen zwischen 60 und 80 Millionen Menschen das Leben. Am Ehrenmal im Tiergarten sind nicht nur Gefallene beerdigt, dort steht auch ein Original T-34, welcher im Frühjahr 1945 bei der Eroberung Berlins von der Sowjetarmee eingesetzt wurde.

pics by joken 08/05/2020

Die zeremonielle Ablösung der Ehrenwache des einst im Britischen Sektor gelegenen Mahn- und Denkmals konnte man im früheren West-Berlin bis 1990 alltäglich und völlig in Ruhe erleben. Auch heute noch ist der Ort kein Touri-Hotspot, obschon zentral und unweit vom Brandenburger Tor gelegen. Der Legende nach soll das Baumaterial zumindest teilweise von der zerstörten Reichskanzlei Hitlers stammen, ähnlich wie bei der zentralen Gedenkstätte im Treptower Park. Dort gipfelt das Arrangement mit einem auf dem Mausoleumshügel stehenden Rotarmisten, der mit zukunftsträchtigem Blick nebst gesenktem Schwert und Kind auf dem Arm symbolkräftig ein liegendes Hakenkreuz zertritt.

Der Militärrat der sowjetischen Militäradministration in Deutschland hatte im Herbst 1946 einen Wettbewerb zur Gestaltung einer Gedenkstätte ausgelobt, in dem ausdrücklich gefordert wurde, dass nicht der Gedanke des Sieges sondern die Befreiung vom Nationalsozialismus im Vordergrund stehen sollte.

Cпасибо!

 

Cliffhanger

Ob die permanente Krise des Kapitals nun systemrelevant ist, wird sich noch weisen. Der selbst reproduzierende Kapitalismus in all seinen globalen Mutationen ist ja bereits der resistente Virus par excellence.

Aus noch sämtlichen Konflikten, gerade und besonders denjenigen, welche kriegerisch ausgetragen werden, geht der krisenerprobte Kapitalismus als strahlender Held & Sieger hervor, scheinbar sämtlichen Gegnern hoch überlegen. Als Alleinherrscher über den Wert – schöpfend und verteilend – gleicht die Abhängigkeit des Einzelnen der eines Junkies. Fetisch Geld gilt als Grundstoff von Austausch und Kommunikation, als universelles Schmiermittel in den Beziehungen der Menschen untereinander. Seit aus Jägern und Sammlern besitzende Hirten und Sesshafte wurden, gewinnt das schwarze Loch der Kapitalisierung von Arbeit und Leben zunehmend an Sogkraft. Dass gerade jetzt, wo viele Menschen «frei gesetzt» werden, keine organisierten Demonstrationen möglich sind, ist kurz vor dem 1. Mai doppelt bitter. Angesichts anhaltender Kontaktsperre lässt sich selbst durch den Schleier von Notverordnung, Versammlungsverbot und Contact-Tracing unschwer die Dystopie von dominanter Exekutive und wachsender sozialer Unzufriedenheit erahnen – Apocalypse now, Revolution later.

Lichtmess

There is a crack, a crack in everything
That’s how the light gets in.

Leonard Cohen, Anthem 1992

Obiges Zitat zitiert Igor Levit auf seinem Twitter-Account. Levit ist ein kluger Kerl, einst rübergemacht, angekommen und weitergereist. Einer der sagt was er denkt und denkt was er sagt. Und mitteilt. Auf Twitter führt er seit dem Lockdown täglich seine Hauskonzerte durch, immer um 19 Uhr streamt er live aus seinem Berliner Wohnzimmer. Zwar mit bescheidener (weil selbstgestrickter) Bild- und Soundqualität, dennoch eine grosse Geste eines grossen Musikers, der so auch auf die Existenznöte nicht ganz so berühmter und erfolgreicher Künstler hinweist, deren Auftrittsmöglichkeiten in naher Zukunft nur mehr eingeschränkt, wenn nicht sogar unmöglich sein werden. Gewiss hat Levit als hoch subventionierter Act einen ganz anderen Stand, er ist als Pop-Star der klassischen Klaviermusik aber immer zugänglich und aufmerksam geblieben. Auf Levits Twitter-Account sind die Konzerte jederzeit nachzuhören, gleichzeitig sind Details über Werk und Komponist sowie Levits eigene Verfassung zu erfahren. Ein Geschenk.

Levit is quite unique.

Foreign Virus

Nein, das Kapital hat nichts zu befürchten. Dieses Virus wird zwar mit einigen Gewissheiten aufräumen. Das weltweite Privateigentum allerdings wird, so viel ist sicher, hierzulande auch in Zukunft Asyl finden. Denn ganz im Gegensatz zu flüchtenden Menschen übertragen Sach- und Geldwerte keine ansteckenden Krankheiten.

Und deshalb gewährt man auch den Malern und den Gipsern eine Ausnahme von den geltenden Hygieneregeln: Die Handwerker können den Sicherheitsabstand nicht einhalten. Eigentlich müsste man die Baustellen deswegen schließen. Aber das wäre unverhältnismäßig. Erstens ist das Baugewerbe systemrelevant, und zweitens handelt es sich bei dieser Berufsgruppe in erster Linie nicht um Schweizer, sondern um Ausländer.

              Essay von Lukas Bärfuss über den Virus und die Schweiz

Senizid

In Krisenzeiten wie heute kämpfen in gewohnt übler Manier Natur und Wirtschaft als bloss vorgeschobene Player, das nur Wohlhabende selig machende Goldene Kalb wird von der neoliberalen Denke überhöht. Und schon kommt ein zynisches Statement wie vom Vize-Gouverneur des US-Gliedstaates Texas daher, in dem es unverblümt heisst, Ältere sollten besser sterben bevor die Wirtschaft abstirbt. Stillschweigend wollte man im Vereinten Königreich zunächst auf Herdenimmunität setzen, ehe mathematische Modelle warnend eine abrupt hohe Zahl von Todesopfern prognostizierten. Sozialdarwinismus bleibt moralisch und gesellschaftlich ein ziemlich heisses Eisen, wobei es einige historische und selbst zeitgenössische Beispiele gibt und in Zeiten von Genschere Begriffe wie Euthanasie allzu gerne neu verhandelt werden.

Der Senizid oder Alters-Pflicht-Suizid trat als Sitte global, aber nicht ubiquitär auf. Bis in die Erzählmotive hinein finden wir über weit entfernt liegende Kulturräume hinweg Gemeinsamkeiten und Konstanten, etwa das Tragen der moribunden Alten auf einen Berg. In frühen Erzählungen wird der Senizid umstandslos gerechtfertigt; spätere Berichte lassen bei der Überwindung und Warnung vor dem Töten der Alten humane Argumente zu. Oft äußerst sich die der Senizid rituell, öffentlich und festlich, manchmal auch still und individuell. Dem eigentlichen Senizid konnte eine lange Phase der Segregation – Marginalisierung, Missachtung und Ächtung vorausgehen – und geht heute wieder voraus! Die Alten wurden zunehmend verspottet, ignoriert, dann vernachlässigt, etwa indem ihnen das Essen weggenommen wurde und sie zum Betteln gezwungen waren, bis der Leidensweg in Euthanasie oder dem Verlöschen ein Ende fand. Ein Senizid ist nie Ausdruck einer extrem barbarischen Gesinnung, sondern setzt die hoch entwickelte Gedankenwelt von Bauern oder Hirten voraus und dient dem verantwortungsbewusstem Ziel, das Überleben des Clans zu sichern.

(Pousset,Raimund 2018,Senizid in der Vergangenheit,Springer Wiesbaden)

«Keine Denkverbote, wird man wohl noch sagen dürfen» tönt bereits in den Ohren und womöglich fordere eine kräftige Wirtschaftsbaisse doch viel mehr Opfer, fleissig gerechnet und verglichen wird bereits. Es wird sich weisen, ob der kapitalistische Populismus oder der Gemeinsinn reüssiert. Als kollektives Wesen ist der Mensch soziologisch betrachtet auf Kooperation ausgerichtet, soziale Intelligenz zielführender und essentieller als Konfrontation. Äusserer Druck und innere Ungleichheit werden gerne als Faktoren für wachsenden Chauvinismus im Sinne des auseinander driften der Gesellschaft angeführt (Lagerkomplex — keiner thematisiert oder versteht das Andere). Die sozialökonomische Struktur steht durch die vom Virus ausgelösten Drucksituation vor einer riesigen aber unvermeidbaren Herausforderung, gewohntes gerät ins Rutschen und Diskurse wie ein bedingungsloses Grundeinkommen werden thematisch weiter in den Mittelpunkt rücken. Hasta siempre!

Transsubstantiation

Das aktuell grassierende Virus bewirkt eine gespenstisch wirkende Wesensveränderung: Furcht, Abwehr, Misstrauen und Xenophobie sickern ein. Chancenlos scheinende Rationalität. Galgenhumor und Panik als mulmige Zerrbilder im medialen Feuerwerk. Hier wird Feststellung der Personalien gefordert, dort sind Zusammenkünfte vorsorglich ganz abgesagt. Dort schliesst man Grenzen, hier riegelt man ab. Hier nach Auslandsbesuch Quarantäne, dort Einreiseverbote. Fluchtreflexe scheitern an willkürlichen Grenzen. Fallzahlen dominieren Nachrichten, ernsthaft wird Social Distancing lanciert. Konjunktur für asoziale Wucherer und falsche Propheten.  Wie oft bei unklarer Bedrohungslage zerfällt die Gesellschaft in zwei Lager: die besonnen Mahner und die hektischen Apokalyptiker. Angst irritiert. Angst inflationiert. Angst katalysiert. Angst generiert Hass.

Dieser schleichenden Vergiftung des Zwischenmenschlichen muss das Gegengift in Form von Menschlichkeit ausdauernd verabreicht werden.

 

First Contact

Der Tagesanzeiger erklärt wie die Zürcher Virus-Detektive vorgehen:

Wer mit einem Corona-Infizierten engeren Kontakt hatte, erhält schon bald einen Anruf vom sogenannten Contact Tracer.

Tritt dieser Fall ein, wird die Person isoliert und gepflegt – und es beginnt die Arbeit der sogenannten Contact Tracer. Sie haben die Aufgabe, alle Personen zu ermitteln, die in den vergangenen Tagen engeren Kontakt zur infizierten Person hatten. Zielpersonen sind jene, die mindestens eine Viertelstunde lang in einem Abstand von bis zu einem Meter in Kontakt zur infizierten Person standen.

Zusammen mit dem Corona-Patienten wird eine Liste dieser Personen erstellt. Die Contact Tracer telefonieren ihnen und halten sie an, zu Hause zu bleiben. Zudem erkundigen sich Spezialisten täglich nach dem Befinden. Auch wird bei Bedarf die Versorgung sichergestellt. Weitere Personen, die zum Beispiel mit der Kontaktperson wohnen, sollen ausziehen. Hier kommt bei Bedarf wie bei der Versorgung der Zivilschutz ins Spiel, der Räumlichkeiten vermittelt.

Sozialkredit

Im Umbruchjahr 1989 wurde nicht nur das erstarrt scheinende Blockgefüge zwischen Ost und West zerstört, auch die insulare Unschuld der helvetischen Konförderation ging zu Bruch. Der Rücktritt von Bundesrätin Kopp, relativ knapper Entscheid für die Beibehaltung der Schweizer Armee (65 zu 35 an der Urne) und die Enttarnung der elitären Kaderorganisation P-26 im Zuge des Fichen-Skandals. Mit verblüffend Stasi-ähnlichen Methoden und ebenso übereifrigem Archivierungswahn wurden bei 6,78 Mio Einwohnern bis zu 900.000 Akten angelegt. Via Konsultation der Bestände wurden somit quasi Berufsverbote verhängt und für den Ernstfall Szenarien zur Masseninhaftierung politisch unliebsamer Eidgenossen zwar unter Verschluss, doch detailliert parat gehalten. «Moskau einfach!» war das Äquivalent zum bundesdeutschen «Geh doch rüber!» und ist nun Titel einer filmischen Komödie, welche die problematische Thematik entlang einer Lovestory inklusive Saulus-Paulus-Genese verhandelt.

Eindrücklich der Auftritt der Protagonistin im Zunftsaal vor Militärs, wo nach einem alten Soldatenlied den zunächst schenkelklopfenden Militärs dann doch der Atem stockt, als deutlich ausgesprochen wird was in den Betonköpfen der Kalten Kriegern wirklich steckte. Aus heutiger Sicht urkomisch und surreal, doch in Zeiten von staatlich sanktioniertem Sozialkredit nebst Erziehungsanstalten mit Brisanz.

Mercury 13

Was wäre wenn ein Sowjetmensch den ersten Fussabdruck im Mondstaub hinterlassen hätte — dieses Szenario  thematisiert «For all mankind», eine US-Serie, von der die ersten zehn Folgen seit Herbst 2019 als Stream verfügbar sind. Das Wettrennen zum Mond verlieren die USA darin gleich zweimal, da die Sowjetunion auch die erste Frau erfolgreich landen. Die Mischung von Fiktion und Geschichte erlaubt dem Drehbuch das tatsächlich privat initiierte Mercury 13-Programm als NASA-Projekt erscheinen zu lassen und blendet Frauen-Demos mit «A woman’s place is in space»-Plakaten als alternative Fakten ein. Bereits 1960 sollte durch Mercury 13 bewiesen werden, dass Frauen durchaus weltraumtauglich sind, doch erst 1978 änderte die NASA schliesslich die Zulassungsbedingungen und schoss 20 Jahre nach der ersten Kosmonautin ihrerseits eine Frau ins All. Mir war das reale Mercury 13 völlig unbekannt, Walentina Tereschkowa dafür ein Star in einer Reihe mit Laika, Yuri Gagarin und Neil Armstrong.

Die erfundene Story endet einstweilen auf dem Mond, wo Astronauten und Kosmonauten am Südpolkrater Shackleton konkurrierend einen Rohstoff abbauen, nämlich Wassereis. Der kalte Krieg wird selbst dort oben etwas sinnfrei weiter geführt, ist wohl so ein Ami-Ding, denn auch in Ad Astra sind militärische Auseinandersetzungen auf dem Erdtrabanten üblich. Musikalisch spannt sich der Bogen von den Sixties durch die Seventies bis in die Eighties, von Ruffins «What becomes of the broken hearted», Bowies «Moonage Daydream» zu «Everybody wants to rule the world» von Tears For Fears. Eine eigentümliche Phantasterei, welche ihre Dramatik aus Eventualitäten gewinnt, deren irdische Komponenten (SS-Mann von Braun wird noch zu Lebzeiten demaskiert, Präsident Nixon wird Watergate verziehen) Zeitzeugen gegenüber arg übersteuert daher kommen. Serieller Quatsch halt.

Nach dem Abspann dann ein Steve Jobs-artiges «one more thing», when eine Big Fucking Rocket majestätisch aus dem Meer gen Himmel steigt und ihre Triebwerke knapp über der Wasseroberfläche zündet. Die kontrollierte Rückführung der erste(n) Stufen hätte ich bitte gerne von SpaceX als Wasserballett oder Synchronschwimmen inszeniert.

Blase

Die  Klima-Welle hat die Wahl-Schweiz behutsam überschwemmt, beide Grünparteien im Plus und zusammen nominell stärker als die SP. Die Gut-Bürgerliche Mehrheit war jedoch nie in Gefahr, zumal Grün schon lange wenn nicht schon immer ziemlich bourgois ist – da ist klar, dass eine ausgesprochene Arbeiterpartei es besonders schwer hat. Ausser im Ex-Preussischen Kanton Neuenburg wird kein Parlamentsitz gewonnen, da helfen rote Luftballons nicht weiter, wobei derart Wahlkampfriten in Legokritischen Zeiten sowieso fragwürdig sind. Aerostaten sind reichlich kontraproduktiv, wenn sogar jedes Kind weiss, dass es bis zur Verrottung solcher Gummiblasen 160 Jahre dauern kann, falls nicht vorher ein Fisch oder Mensch anbeisst. Vermutlich fehlt Kommunismus à la PDA schlicht der notwendige Biss.

Cybercompost

Alexander Giesche, vormals Münchner, jetzt Zürcher Kunstschaffender inszenierte einen mit Trockeneisnebel gefüllten farbig-bunten Kubus, in dem das einfallende Sonnenlicht zig Farbnuancen erzeugt, welche im Nebel in weitere Farbtöne reflektieren, zerfallen und ersticken. Eine immersive analoge Scheinwelt, deren Ein- wie Ausdruck durch dreisprachige Audio-Collagen noch etwas befeuert wird. Als Annäherung an die neue Intendanz und Spielzeit des Schauspielhauses Zürich durchläuft die DAS INTERNET titulierte Installation vier Etappen quer durch die Stadt, um schliesslich am Schiffbau festzumachen. Vorm Jakob traf dann der schauspielernde Kompostmann zufällig (?) den obdachlosen Blumenmann, verhandelte Kompostwerdung generell und propagierte zwischenmenschlichen Kompostaustausch. Zum Finale gab es live eingeschweisste Kompost-Starterpacks to go. Mir ging Internet und Kompost nicht ganz so zusammen, auch die vom Darsteller rezitierte profane Farbgleichung alle Farben gemischt ergibt Braun erschloss sich mir zumindest kontextuell nicht wirklich. Ist das Internet jetzt bloss braune Kacke?

The female is future

Der Nationale Frauenstreik, rein eventmässig etwas ungeschickt gleich anderntags von der eintönig hedonistischen Tangente Zurich Pride schon rein abfalltechnisch fast torpediert, war schlicht enorm. Massenwirkung durch gute Laune – Frauenpower pur, eine ganz spezielle Energie versetzte die Atmosphäre in Vibration. Fast 200.000 alleine in Züri (quasi die Hälfte der BewohnerInnen), weit über eine Million schweizweit (immerhin ein Achtel) waren auf den Gassen, Strassen und Plätzen und taten kund, was weiter im Argen liegt: unbezahlte Reproduktionsarbeit, schlechter entlohnte soziale Arbeit und patriarchal zementierte Normen. War nicht immer so, wird nicht immer so sein. Männer sterben schliesslich früher (aus). Natürlich war die Eidgenössische Historie des arg verspäteten Frauenstimmrechts (1972!) mitsamt sehr zögerlicher Umsetzung von Gleichstellung ein neuerlicher Auslöser für die grösste politische Kundgebung der vergangenen Jahrzehnte, sicherlich sind die Strukturen in vielen anderen europäischen Ländern (Kriege, Männer, Tod, Frauen erobern Männerberufe) völlig anders. Als outgesourcter Randständiger war die weibliche Flut inspirierend und beängstigend zugleich. Vaginal reduzierte Plakate wechselten mit freizügigen Outfits, eine Demonstrantin trug mutig und stolz nur wenig mehr als ein transparentes Etwas. Die permanente Spiegelung von lüsternem Abschätzen und altherrrenklugem Verständnis für korrekte Anliegen war blamabel. Dass bei Tampons der Staat aber steuerlich profitiert, bleibt jedoch skandalös und findet die väterliche Solidarität unbedingt.

Atmen. Punkt. Schleichberechtigung.