Landigeister

Die geistige Landesverteidigung ist eidgenössische Metapher für die hiesige Spezialität der Abgrenzung nach Aussen und kulturellen Konzentration auf heimatliche Werte. Diese Art wehrhafter Igelstellung wurde in den 1930er Jahren ursprünglich als antifaschistisch geprägter urchiger “Landigeist” mystifiziert. Noch heute aber spukt jenes Überbleibsel aus heissen und kalten Kriegszeiten speziell in patriotisch gesinnten Köpfen. Beim wilfing schliesslich auf der Hauptseite der heute cybertechnisch gut ausgerüsteten ambulanten Landesverteidiger angelangt, überkam mich ein ungläubiges Staunen über die dort ausgebreitete Banalität helvetischen Gedankengutes mit ordentlich rechter Schlagseite.

Die von einem aus der Ex-DDR (!) stammenden Versicherungsvertreter in seiner angeblichen Funktion als “stellvertretender Pressesprecher” betriebene Internetpräsenz geistige-landesverteidigung.ch bietet neben national-paranoidem Geschwurbel ausserdem diverses “infowar”-Material für den weltläufigen Verschwörungstheoretiker. Am Fuss jeder Seite steht “Unsere Webseite darf aus rechtlichen Gründen nur in der Schweiz genutzt werden.” (Ist dem wirklich so? Kann man vom Grossen Kanton aus nicht auf die landesverteidigende Seite zugreifen?) Unter Nutzungsbedingungen befindet sich der Hinweis: “Telefonate werden mitgeschnitten. Sie erklären sich damit bei einem Anruf einverstanden.”
Das Versicherungsgeschäft scheint eine ausgewachsene Phobie zu erzeugen!

Neben kruden Podcasts – angeboten auf der Subdomain radio-freie-schweiz.ch – stellen die entgeisterten Landesverteidiger auf ihrer Internetbastion jovial Gratis-Banner zur Verfügung, welche aufrechte Eidgenossen zum Schutz vor dem inneren Schweinehund und der Verteidigung ihrer Lieblinge anhalten:

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Innerer Feind? Fast 100 Selbstmorde mit Ordonanzwaffen jährlich!

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Mit dem automatischen Sturmgewehr nationale Patina verteidigen!

Wirklich amüsant süffisant: ein gelernter Ossi stellt anständigen Schweizern den Hort von Freiheit und Demokratie zur Verteidigung anheim…

Schlimme Folgen

Michael Jürgs, Ex-«Stern»-Chefredaktor und Buchautor «Seichtgebiete» befürchtet schlimme Folgen:

Was ist der Unterschied zwischen einem Prolo und einem Proleten?

Ein Prolet ist ein anständig arbeitender Mensch, der vielleicht kein Gymnasium besucht hat. Ein Prolo ist ein tanzender, sich rüpelhaft benehmender Mensch, wie er in den Castingshows zu bewundern ist und dem die Dummheit ins Gesicht geschrieben steht.

Wie erklären Sie sich den Vormarsch der Prolos und deren Castingshows?

Früher gab es genauso viele Blöde, aber sie hatten keine eigenen TV-Kanäle. Diese haben dazu geführt, dass Blödsein salonfähig geworden ist. Schliesslich haben wegen der gestiegenen Arbeitslosigkeit mehr Leute Zeit, sich solche Sendungen anzusehen. Sie müssen die Zeit totschlagen, und genau das wird in diesen Sendungen auch gemacht.

Prolos und blöde TV-Sendungen sind ja keine deutsche Erfindung.

Die meisten werden aus den USA oder England übernommen. Ganz schlimm ist Italien. Berlusconis Fernsehen, das ist ja abenteuerlich. Aber wenn ein Dieter Bohlen oder eine Heidi Klum zu Helden der Nation werden, dann muss man sich ernsthaft fragen: Sind wir eigentlich alle wahnsinnig geworden?

Wie äussert sich das konkret?

Die Kinder benehmen sich in der Schule so, als ob sie jeden Moment auf den Anruf eines Castingservices einer TV-Reality-Show warten würden. Und sie benehmen sich im Alltag wie Rüpel, weil man das im TV ja auch tun darf. Das Fernsehen hat seinen Einfluss ausgeweitet, und das hat schlimme Folgen für die ganze Gesellschaft.

Publiziert am 13.09.2009
von: sonntagszeitung.ch

Ausschuss

Beim traditionellen Knabenschiessen spielt das bewährte Sturmgewehr der Schweizer Armee eine Hauptrolle. Halbwüchsige Knaben und schiessfertige Meitli haben beim Abfeuern der ausgewachsenen Armeewaffe mordsmässig Spass und erhalten zudem eine Gratiswurst bei diesem quasi stammestypischen Initiationsritus der Zürcher Helveten.

Einen lesenswerten historischen Hintergrund (nicht nur) des Knabenschiessens liefert hierzu brauchtumschweiz.ch:
Jugendliche Schiesswut wird – gesellschaftlich akzeptiert und kanalisiert – schliesslich militärisch prima verwertbar.

Eigentlich sind die Zürcher mit ihren beliebten volkstümlichen Feiertagen ja ziemlich sparsam: neben der frühjährlichen Böögg-Einäscherung ist auch das herbstliche Knabenschiessen lediglich ein halber Feiertag. Bis Mittag wird brav gearbeitet, erst in der zweiten Hälfte des (Mon-)Tages wird gefeiert gezündelt respektive geschossen.

knabenruhe

Angenehm flauschig ist das Verlässliche: am Dienstag nach dem Ausschiessen wird wieder zu den üblichen Zeiten bedient…

Milizion

Für die Wehrhaftigkeit der einst tapfer reislaufenden Eidgenossen steht in geradezu fundamentaler Weise das helvetische Milizsystem, eine kriegerisch klingende Bezeichnung für die Bereitschaft des Einzelnen zum Wohle des Gemeinwesens freiwillig mitzutun. Nach landläufiger Meinung gehört zu diesem Mittun unbedingt eine ausreichende Bewaffnung, schliesslich sind Staat, Freiheit und Eigentum einer permanenten Gefahr ausgesetzt. Das hier leicht verpixelt wiedergegebene Emblem von proTell (eine “Bürgerrechtsorganisation” à la National Rifle Association in den USA) ist ein naiv erscheinendes Symbol für die von bestimmten Kreisen geforderte Aufrechterhaltung der allgemeinen Wehrbereitschaft.

potell

Der für die Bildung einer Nation wünschenswerte Gründungsmythos ist im Tyrannenmord Tells geradezu märchenhaft dargestellt: äussere Gefahr und drohende Unterdrückung wird freiheitsliebend durch aktives Einschreiten bekämpft und resultiert in einem einig Bund.

Eine wesentliche Rolle spielt bei diesem militanten Thema ein weiterer helvetischer Mythos, nämlich die uneinnehmbaren Alpenfestung, das “Réduit”. Hierzulande hält sich hartnäckig die Meinung, dass die schiere Wehrhaftigkeit der quasi eingeschlossenen Eidgenossenschaft eine drohende Unterjochung durch das Dritte Reich und dessen Verbündete einst verhinderte. Allmählich erst setzt sich die Erkenntnis durch, dass die neutrale Schweiz den faschistischen Achsenmächte auch als sicheres Transitland, stabile Bank und zuverlässiger Munitionslieferant diente.

In der Schweiz ist die Heimabgabe der Schusswaffe während der Militärzeit grundsätzlich üblich. Auf Wunsch geht die Dienstwaffe nach erfolgter Ausmusterung ganz in das persönliche Eigentum über – diese Art der Volksbewaffnung ist weltweit einmalig!

Die Gegner der Heimabgabe der zahlreichen Ballermänner verweisen auf die Unfälle und Verbrechen, welche mit Dienstwaffen wie dem traditionell im Stubenschrank aufbewahrten Schweizer Sturmgewehr immer wieder vorkommen.

Mit geschätzten 2,5 Millionen Schusswaffen in ca. 3,5 Millionen privaten Haushalten wird sich die Schweizer Schiesswut noch etwas länger austoben und die vernunftbetonte Abrüstung dauern.