Post Mortem

29. April 2012

Die Nummer 2 und 3 der Schach-Welt bekamen in Zürich von einem russischen Diamantenhändler einen Match über sechs Partien spendiert. Neben Grossmeistern und vielen Kleinmeistern trafen sich die übrigen Enthusiasten im Festsaal vom Hotel Baur en Ville direkt am Paradeplatz.

Dem Hobbyschweizer war schon etwas wunderlich zumute, als er den mit Holzclogs bewehrten baren Fuss ins vielsternige Refugium setzte. Der Dresscode der ECU scheint glücklicherweise nur für Aktive zu gelten. Vor Ort wandelten zwei oder drei Oligarchenangehörige weiblicher Natur, die den Spielsaal modisch mit einem Ballsaal zu verwechseln schienen, was jedoch angesichts der Üppigkeit an Decken, Wänden und Boden sowie der Boutiquendichte an der Zürcher Bahnhofstrasse fast verständlich ist, und — aus der Holzschuhklasse betrachtet — der Veranstaltung ein durchaus passendes mondänes Flair verlieh.

Immer amüsant ist der Schnarcher, ein äusserst zuverlässiger Gast bei Live-Darbietungen der Denkartisten, der — kaum weggenickt — alsbald schonend aber bestimmt von seinen Nebensitzern wiederbelebt wird. Besonders ausdauernd war der Sesselpupser mit enormer Frequenz von hörbar laut entweichender Flatulenz, der während seiner Sitzung locker einen Gasballon hätte füllen können. Klingeltöne waren zahlreich und mannigfaltig; sie sind jedoch nur nervend und vor allem sehr unhöflich gegenüber den brütenden Maestri. Ganz besonders dämlich stellte sich die stadtbekannte Klatsch-Kolumnistin an, offenbar hat ihr Smartphone eher sie im Griff.

Den an Schachveranstaltungen unweigerlich auftauchenden Sonderling gab ein graumähniger Gast, der sich fortwährend die linke Gesichtshälfte mit einer Zeitung bedeckte. War jene von der üblicherweise bestens durchbluteten Ohrmuskulatur ausreichend angewärmt, wurde einfach eine Seite weiter geblättert und das Profil sogleich wieder dahinter versteckt. Ein wirklich ganz besonders eindrückliches Schauspiel!

Nach dem Ende der Partie wird deren Verlauf mit dem Gegner meist noch etwas analysiert, was in Fachkreisen ironiefrei post mortem genannt wird und selbst für die kleine Tochter des Ex-Weltmeisters völlig harmlos ist.

Die Partie dauerte fast fünf Stunden und war erst zäh, dann zunehmend spannend und kurz nach der Zeitkontrolle urplötzlich remis.

Draussen blühte derweil prall die Frühlingssonne.

Kramnik, Vladimir – Aronian, Levon
Zurich Chess Challenge, Partie 6

1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bb5 Nf6 4.d3 Bc5 5.Nbd2 d6 6.c3 O-O 7.O-O Ne7 8.h3 Ng6 9.Re1 c6 10.Ba4 Re8 11.d4 Bb6 12.Bc2 h6 13.a4 Be6 14.Nf1 exd4 15.Nxd4 Bd7 16.f4 d5 17.e5 Ne4 18.Bxe4 dxe4 19.a5 Bxa5 20.Ng3 Bb6 21.Kh2 c5 22.Ndf5 Bxf5 23.Nxf5 Qxd1 24.Rxd1 Rad8 25.Be3 Rd3 26.Re1 f6 27.exf6 gxf6 28.Nxh6+ Kf8 29.Ra4 Rd5 30.c4 Rd3 31.b4? Rxe3! 32.Rxe3 cxb4 33.Rg3 e3?! 34.Rxg6 e2 35.Ra1 Bf2 36.Rg8+ Ke7 37.Rg7+ Kd6 38.Rxb7 e1=Q 39.Rxe1 Bxe1 40.Nf5+ Kc5 41.Rb5+ Kc6 42.Nd4+ Kc7 43.Rc5+ 1/2-1/2


Homo Novus

27. April 2012

Kein Abschied ohne Schmerz, Schlüsselerlebnis Schlüsselübergabe.

Max Frisch im Lochergut, Max frisch, Lochergut, Zürich

Anstelle der Aussicht aus der 800-köpfigen Wohnmaschine über die kleine grosse Stadt mit dem himmelweiten Horizont geht nun der Blick auf die sozialdemokratischen Kleingartenparzellen in einer familienfreundlichen Rasenmähersiedlung inklusive des gar 900-köpfigen Monstrums namens Plenum, welches mit eidgenössisch disziplinierter Chropfleerete (Kropf leeren tut gut bei dicken Hals!) über die bauliche Zukunft einer alternden Genossenschaft mit Hilfe von gestellten Fresspäckli gegen den allmählich fallenden Blutzuckerspiegel am immer später werdenden Abend dennoch eine Beschlussfassung nahe handelsüblicher SED-Quoten erreicht.

Im Zweifel für den Zweifel und immer Volldampf voraus!


Bahnblick

24. April 2012

Street View muss von der gegenüber liegenden Gleisseite die familiäre Zwergensiedlung abbilden, da hüben lediglich ein Fussweg entlang führt. Darum kann in Googles grösstem Forschungsstandort ausserhalb der USA selbst das geländegängige G-Bike nicht das aktuelle Grillgut abspeichern.


Moombahton

21. April 2012

klingt schon als reiner Wortlaut mächtig und ist der letzte Schrei in der hippen Club-Szene. Moombahton ist runter gepitchter basslastiger House mit ner Prise Exotik. Nett, aber etwas zu viel multi-ethno Schnickschnack.

Old-School-Reggae, Dub und Dubstep bleiben aber in post-adoleszenten Plattenlegerkreisen beliebt und Räuchermann Saetchwo mischt getreu der Parole: «Don´t drink and drive, smoke and fly!» nur gute Originalzutaten.

Ein Kurztrip mit Flug 420 ist selbst für Nichtraucher interessant, die auch ganz ohne transzendentale Bordverpflegung leicht und locker abheben. Routinierten Fluglotsen wie Neumann könnte es gefallen — Donnerstags streamt der berlinernde DJ ab 22h live ins Netz. Die letzte Lektion (noch nicht online) behandelte profund das riesige Forschungsgebiet Echobeach.

One dopi said to the next one, will you be my friend,
come let me dance beneath the moon light,
dopi dopi out of time.

One dopi said to the next one,
come let we call pal old dopi man John.
Old John does drop under the sun beat drum,
he does not all the old time song.
One dopi said to the next one,
come let we call pal old man dopi John.
Old John does drop on the jahless and he does beat dopi drum.
He does not all the old time song.

Dopi Johnny wake up, believe in dread,
riddim soundsystem pumping around graveyard.
I´m skeleton skunking odd, I´m skeleton and skunking odd.
All the anchestors from every nation — be saluted.
With libation.

When he was a child, playing in the strand
where the blue rainbowfish does swim.
And the mountain man and the woman would tell you about
the circle of life and how it began.

A Miss of reality, a Legend of earth story…

(Transglobal Underground, Dopi
transcription by swisspa)


Trainspotting

19. April 2012

schneiderzug schweiz, nähatelier schweizer bahn
Keine 600 Züge mehr in 24 Stunden im vierspurigen Gleisbett vor der Hochhausanlage, nur die vergleichsweise eher gemütliche Uetlibergbahn tangiert mit bis zu 79 Promille Steigung künftig das Familienbiotop. Die Bergundtalbahn aber fährt ja mittels gesundheitsförderndem Gleichstrom.


Winter ade

17. April 2012

Scheiden tut weh.
Aber Dein Scheiden macht, dass mir das Herze lacht.
Winter ade — Scheiden tut weh.

Die zwölfminütige Brenndauer bis zur Detonation des Böögg-Kopfes ist laut abergläubischen Privat-TV die Prophezeiung für einen guten Sommer.


Wappenschmiede

12. April 2012

Das patriarchalische Zünfterwesen der Stadt Zürich befördert geradezu das Wappenwesen. Jeder Stadtbezirk und jedes Quartier pocht auf ein eigenes Wappen und am Zürcher Sechseläuten, dem Frühlingsfest in der Deutschschweiz, werden sie allesamt während eines kostümierten Umzuges durch die Strassen der Stadt stolz präsentiert. Als begeisterter Umzugsfan zieht der Hobbyschweizer auch privat des öfteren um, mit der hehren Absicht, sich in Sachen Wappenkunde gründlich weiterzubilden.

Vom dreckigen Arbeiter- und Zuwandererbezirk Aussersihl, genauer dem Hard-Quartier mit stadtweit spitzenmässigen 42 Prozent Ausländern hinein ins beschauliche Wiedikon, wo im grünen Wohnquartier Friesenberg anteilig die meisten Inländer ganz Zürichs wohnhaft sind. Und dies offenbar mit guter Tradition:

1787 trennte der Rat von Zürich die Gegend westlich der Sihl/Limmat auf Wunsch der Bewohner vom Kreuel und Hard von Wiedikon. Grund war die Weigerung der Gemeinde Wiedikon, neue Bürger, die sich im Kreuel und Hard ansiedelten, aufzunehmen. Nur wer Bürger war, besass alle Rechte. Die nun selbständig gewordene Gemeinde nannte sich Aussersihl. (-> Quartierverein Aussersihl-Hard)

Vorher

Nachher

Von der Heraldik her betrachtet fällt der Ortswechsel mehr als dürftig aus. Drei Sterne in schwarzer Nacht über Grün sind wie das Quartier schön schlicht; beim Bezirkswappen aber kann doch gegen einen ordentlichen Anker kein Reichsapfel anstinken, selbst wenn der ausgesprochen farbenfroh daherkommt.


Sehkrank

10. April 2012

(credit: Jan Tißler)


Blinzeltest

6. April 2012

“Dave!? Can you hear me, Dave?”
Mehr Loops dort.


Gegensteuer

3. April 2012

Eine kleine feine Schweizer Privatbank übernahm nur allzu bereitwillig ab 2008 das aufgrund einer in den USA erhobenen Anklage gegen die UBS brachliegende US-Privatkundengeschäft. Und dies — notabene — ohne selbst eine Niederlassung in den USA zu betreiben, was bei einer Strafverfolgung nicht ganz unnützlich sein kann. Als die Amis dies mitkriegten und Ermittlungen gegen die Bank anstrengten, drohten sie alsbald mit harten Handelssanktionen, einer Art Sippenhaft bis hin zum Auschluss Schweizer Banken vom wichtigen US-Handelsplatz.

spinnennetz, kreuzspinne, spinne, netz

In der Folge wurde die älteste (!) Schweizer Privatbank eilig abgewickelt: das prekäre US-Geschäft wurde schleunigst in eine Bad Bank überführt und der gute Rest unter Zuhilfenahme einer Neugründung einfach an die hiesige Raiffeisenbank abgetreten.

Im Zuge der Affäre trat dann im Frühjahr 2012 der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Neuen Zürcher Zeitung zurück; war er doch in Personalunion zugleich geschäftsführender Miteigentümer («Wer Steuern zahlt, ist dumm.») der vordem kleinen feinen Privatbank…

*     *     *

Die NZZ jedoch bildet weiterhin die publizistische Speerspitze des Paradeplatzes und bietet als dessen unbeugsames Kampfblatt ihrem Redaktor Beat Gygi die Plattform für einen mehr als polemischen Kommentar zum anhaltenden Steuerstreit mit dem Grossen Kanton:

Dass eine einigermassen liberale Regelung für den Umgang mit «altem» deutschem Vermögen in der Schweiz derart schwierig ist, hängt stark damit zusammen, dass in Deutschland eine andere Art von Demokratie und ein anderes Verständnis vom Staat dominieren als in der Schweiz. Das ursprüngliche Steuerabkommen wurde primär mit Vertretern einer Regierung ausgehandelt, die die politische Mitte und angrenzende linke Segmente vertritt. Mit diesen Politikern war ein Kompromissvorschlag möglich, der der Privatsphäre der Bürger und ihrem Schutz vor allzu dreistem staatlichem Zugriff einigermassen Rechnung trägt.

Einigermassen liberal, aha — neo-liberal wäre gewiss genehmer. Dreist? Naja. Die Steuergesetzgebung der beiden Streithähne ist schon allein darum verschieden, weil die Staatsaufgaben anders verstanden werden. Dort Sozialstaat mit Ganztagsbetreuung, hier Eigenverantwortung und traditionelles Familienbild. Mit wechselnden Regierungen ändern sich zudem die politischen Zielvorgaben viel geschwinder, ganz im Gegensatz zur Allparteien-Regierung der Eidgenosschenschaft, wo unentwegt gemauschelt wird.

Der deutsche Scheinföderalismus, der den 16 Bundesländern keine echte Steuer- und Ausgabenverantwortung zugesteht, sondern eher als Lizenz zum Mitmischen im oberflächlichen Umverteilungskampf zu sehen ist, führt aber dazu, dass die Länderkammer, der Bundesrat, plötzlich eine zentrale Rolle spielt. Die Linke, die die Mehrheit in dieser Kammer hat, nutzt die Gelegenheit nun offenbar, sich durch ein Nein zum Steuerabkommen für den Wahlkampf ideologisch zu profilieren. Aus deutscher Sicht kann dies teuer werden, das sozialistische Nein kann bedeuten, dass Deutschland erhoffte 10 Mrd. € plus «Jahresraten» nicht zukommen.

Scheinförderalismus? Oha, die Bundesrepublik ist aber nun mal förderal strukturiert. Nicht ganz so kantönlikleingeistig comme ici, aber immerhin, es gibt auch drüben zwei Kammern und das ist durchaus gewollt. Einen absurden Steuerwettbewerb mit der hierzulande üblichen Krassheit, welche die Zersiedlung der Landschaft und die Entstehung von Millionärs-Ghettos befördert, gibt es dort trotz bestehenden Nord-Süd-Gefälles tatsächlich nicht. Und die SPD ist jetzt plötzlich sozialistisch? Potzblitz, da tönt ja jemand mächtig säuerlich, vielleicht weil der Ablassbrief nicht wunschgemäss ausgestellt wird?

Dabei springt ins Auge, dass ein rational kaum fassbarer Kampfbegriff wie «Gerechtigkeitslücke» als Hauptargument zur Ablehnung dienen kann. Gerechtigkeit scheint aus dieser Sicht eine Staatsaufgabe zu sein, und offenbar soll diese in Form von Gleichmacherei ziemlich totalitär durchgesetzt werden.

Kampfbegriff? Gut, in Zeiten der Globalisierung herrscht Wirtschaftskrieg an allen Fronten. Die Wortschöpfung Gerechtigkeitslücke aber ist doch metaphorisch gut gelungen und sehr eindrücklich. Mag die schwer rationale Schweizer Zunge kein Wort schöpfen? Gerechtigkeitslücke strikes!

Und überhaupt: Gerechtigkeit ist keine Staatsaufgabe? Gottgegeben vielleicht? Oder wird sie von Banken kreditiert?  Womöglich als reine Selbstgerechtigkeit à-les-riche? Soziale Gerechtigkeit scheint hier ein Fremdwort zu sein. Totalitäre Gleichmacherei? Oh my god, the commies are coming! Wenn in einem Land fiskalische Gesetze für alle Staatsbürger gelten sollen, so kann man keine Ausnahmeregelung gestatten, nur weil besonders Gierige ihr Scherflein mit Hilfe von sich dem Verdacht der Beihilfe aussetzenden halbseidenen Vermögensberatern sanft in Steueroasen betten und die Oase selbst im Grunde als Raubritterburg fungiert und profitiert. Krawallerie!

Die schillernde Rolle der offiziellen Schweiz hat solche Taktiken allerdings begünstigt. Der Bundesrat, etwa Eveline Widmer-Schlumpf, hat in jüngerer Zeit den USA und europäischen Verhandlungspartnern praktisch signalisiert, die Schweiz habe eine etwas flexible Linie und werde immer ein Schrittchen nachgeben, wenn der Druck wachse.

Mönsch Beat. Schlumpfs Vorgänger und Bankenlobbyist wurde bereits vor über vier Jahren aus der Regierung gewählt; er hat eine Haussuchung just hinter und ein Strafverfahren noch vor sich, doch auf seine Nachfolgerin wird wegen der von ihr aufgegleisten Weissgeldstrategie und aus schierer Rachsucht noch immer feste eingeprügelt. Derweil die USA die finanzpolitischen Daumenschrauben bis hin zur Schmerzgrenze anzogen, verhandelt der Grosse Kanton immerhin tapfer weiter.
Die NZZ dagegen gibt sich gemeinsam mit der SVP als radikal fundamentalistischer Hort, wo «…die Werte der freien, unabhängigen, neutralen Schweiz, die sich nicht schämt, gegenüber dem Ausland stets den Fünfer und das Weggli zu verlangen» bedingungslos verteidigt werden.

Warum nur löst sich die Eidgenossenschaft nicht endlich aus den Händen der helvetischen Banken-Maffia, die ihr Ansehen zusehends ramponiert? Der Banken-Lobby ist es über die Jahre hinweg gelungen, das Land quasi zur Geisel zu nehmen und das Bankgeschäft gleichwohl als ein dem Gemeinwesen dienendes und daher absolut schützenswertes nationales Symbol darzustellen.

Und dabei entrichten die einheimischen Banken teilweise nicht einmal Steuern! Fürwahr parasitäre paradiesische Zustände.