Porös

24. Oktober 2014

Im Glarner Land, oberhalb von Elm am Sernf, gibt es inmitten einer markanten Gebirgskette ein Felsenloch. Zweimal im Jahr schickt die Sonne ihren Morgenstrahl durch das Felsenfenster hinunter ins Tal, wo er auf den dort extra errichteten Kirchturm trifft. Dieser wird jeweils Mitte März sowie Ende September vom Zentralgestirn etwa zwei Minuten lang beschienen. Falls man sich durch das Loch traut, landet man im Nachbarkanton Graubünden; der Ausflugsort Flims ist dann in (Berg-) Wanderdistanz zu erreichen. Allerdings liegt die zu überquerende Passhöhe auf 2600m, und schien für einmal dem Flachlandtiroler nebst Chindsgichind trotz Kaiserwetter noch zu gewagt.

Martinsloch. Tschinger Hörner, Tschingler Alp

Auf dem Weg durch das Sernftal fallen die vielen Verkehrsschilder auf, auf denen Panzer-Limite vermerkt sind. Und tatsächlich ist in Elm eine Übungsanlagen für scharf schiessende Tanks zu finden. Am Vreni-Schneider-Weg vorbei geht es dann zur Talstation der Luftseilbahn Richtung Tschinglen-Alp, wo die Susi wirtet. Obwohl die Saison für Schweizer Berghütten wetterbedingt eher mager war, wird Susi 2015 wieder am Start sein. Ich auch. Und das Loch sowieso.


Konsumkritik

20. Oktober 2014

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Sklaverei in der Komfortzone (getabstract)
Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die unter einer Glaskuppel lebt. Ihre Mitglieder arbeiten, schlafen, lieben und konsumieren in dieser künstlichen Welt. Natürlich läuft das Leben nicht immer friedlich ab: Es gibt schon mal Streit mit dem Nachbarn, dem Chef oder den Politikern. Aber dann greifen bewährte Mechanismen der Deeskalation und Konfliktlösung. Niemand käme auch nur im Traum darauf, einen Blick auf die andere Seite der Glaskuppel zu riskieren oder gar sie zu zertrümmern. Warum auch: Es geht allen doch ganz ausgezeichnet, selbst der Ärmste ist noch zufrieden. So ist das Leben in der Komfortzone. Das ist keine Science-Fiction à la Brave New World oder Matrix, sondern eine Gesellschaftsbeschreibung aus der Sicht von Herbert Marcuse. Seine Zeit: die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Marcuse zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die von den Annehmlichkeiten eines Systems – egal ob kapitalistisch oder sozialistisch – eingelullt wird und sich das gern gefallen lässt. Medien, Politik und Wirtschaft ziehen an einem Strang, um das Individuum zufriedenzustellen und zu unterdrücken. Die Konsumwelt aus Luxus, Medien und Waren ist getarnte Sklaverei. Eine beunruhigende Bestandsaufnahme des modernen Kapitalismus.

Der eindimensionale Mensch wird 50 — nix wie hin.


Jodler

18. Oktober 2014

Ah — Post von der Schweizer Armee:

Jod-Tabletten, Schweizer Jodtabletten. Fukushima, Atomkraft, Schilddrüse, Jodierung Schweiz


Feindbild

14. Oktober 2014

Ja nein, entweder oder. Schwarzweissdenken ist fussballtypisch, quasi immanent. Darum und trotzdem auch hier der rot-weisse TV-Tipp: Mittwoch, 15. 10. 2014 um 20.15h auf ARD

Kurt Landauer, FC Bayern München, Fussball, Juden, Nachkrieg, Nachkriegsdeutschland

Dass es überhaupt zu diesem Film kommen konnte, liegt zum guten Teil an den noch unlängst durch den Verein die Fussball-AG verfemten Ultras von der Schickeria München, die seit langem beharrlich an den einstigen Präsidenten erinnern. So gibt es seit bald zehn Jahren  das  von der Schickeria alljährlich veranstaltete antirassistische Kurt-Landauer-Turnier. Eine Landauer-Fahne weht schon lange vor der erst 2013 und damit 52 Jahre verspätet erfolgten Ernennung zum Ehrenpräsidenten in der Fankurve. Jetzt wird die politisch aktive Gruppierung sogar vom grossen DFB heilig gesprochen mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet, und das völlig zurecht.

Zugabe:
Aufschlussreich für die FCB-Geschichte ist die bereits 2005 in Duisburg vom Journalisten und Schiedsrichter Alex Feuerherdt vorgetragene Analyse über Deutsche und Linksdeutsche Ressentiments gegen den FC Bayern München.


Sprachkunst

12. Oktober 2014

Für 756 Pfannkuchen braucht man 22 Kilogramm Mehl und 189 Eier. Das zumindest erzählte Melinda Nadj Abonji anlässlich ihres Auftritts im St. Jakob, wobei sie geräuschvoll von Bals Nill unterstützt wurde.

Der soldatische Koch hatte aber nur 170 Eier zur Hand, und Probleme, die Eier zu trennen, hatte er auch, aber Befehl ist Befehl und befohlen waren 756 Pfannkuchen. Das Dilemma wurde nicht aufgelöst, vielleicht findet sich die Lösung im nächsten Buch von Frau Nadj Abonji, aus dem sie eben jenen humorigen Auszug vortrug.

Der Rest der Veranstaltung aber wurde ernst und zu einem linguistischen Seminar, indem anhand einer Bibelstelle der Glaube an das Wort thematisiert wurde. Auf Befehl glauben quasi. Obey-Thematik also. Sprache als Aktion, Sprache als Macht. Die Sprechaktheorie nach Austin besagt, dass man etwas tut, indem man etwas sagt («How to do things with Words»). Melinda zitierte in der Folge aus einem längeren Wortwechsel mit dem Philosophen Sreten Ugričić, dem Urheber von Meadyrade.

Mir schwirrte alsbald etwas der Kopf, weil zusätzlich Raumkontrolle und Zuspätkommer stören immer. Dazu mitten in der Vorlesung ein sanitärer Schaden im Kundenbereich, welcher zwar zu beheben war, doch die Konzentration blieb anschliessend im Orkus. Ausserdem waren drei Kleinkinder im Saal, die ich zwar mit einer Spielbox zu besänftigen versuchte, deren Langeweile aber offensichtlich ebenso gross wie die Kirche selbst war. So verpasste ich leider die Quintessenz des intellektuellen Diskurses und bekam nur noch mit, wie Melinda abschliessend sagte, wie sehr es ihr Spass mache, sich gerade in dieser Zeit mit Bibel-Texten sprachtheoretisch zu befassen. Amen.

So blieb mir die Erkenntnis, dass die Endorphinausschüttung diesmal besonders heftig ausfiel, weil das sonntägliche Zirkeltraining die kleinen grauen Zellen ungemein anregte. Fünf Blitzpartien im Online-Schach sind nichts dagegen und das übliche Lobpreisen und Beten ist nur blosse Litanei ohne das Hochfahren der Denkapparatur. Sprechen ist Handeln und Glaube versetzt Berge.

Ach ja, das 2010 zurecht preisgekröntes Buch der serbisch-ungarischen Schweizerin ist immer noch gut. Es geht darin um Entwurzelung und fast zur völligen Unsichtbarkeit führender Assimilation. Und sowieso stellt Jurczok1001 klar:

«Wir sind alle suchend, besorgt, ängstlich, voller Energie, wir schwitzen alle mehr oder weniger, und wir sind alle nicht wirklich zu Hause. Wir glauben nicht an den Schweizer, an den Jugo, sondern an offene Ohren. Wir glauben nicht an Information, sondern ans Zuhören, ans Erzählen. Und der Kopf, er kann selber denken. Und das Herz, es kann mitfühlen.» (http://daslebenistausland.net/)


Waffelexport

8. Oktober 2014

Über ein Drittel der Toggenburger Waffelspezialität Kägi werden weltweit exportiert, während das Marketing auf dem Binnenmarkt die Marke mit dem Begriff Glück unterdessen derart überfrachtet, dass bei manch Unglücklichen dies zu Mangelerscheinungen führen kann, deren gewaltige Folgen wiederum die Spusi verfolgt, um die unglücklichen Glückssucher gegebenenfalls selber zu exportieren.

Münzschlucker, Kägi fret, Waffel, Toggenburger Waffel

In der Schweiz ist Glück durch Panzerglas geschützt.


Oktagon

6. Oktober 2014

Erst gehen,

Sufisms, Derwisch,Mevlana

dann drehen.

Mevlana, Sufismus, Derwisch, Sema

Fotos machen ist während des Rituals der Mevlevi-Derwische nicht erlaubt; obige Bilder sind daher direkt von Mevlana.ch entliehen. Man erkennt aber gut das abgezirkelte Achteck auf dem Parkett. Ausserdem arbeiten die supertollen raufundrunterfahrbaren ehernen Kerzenleuchter unter Volllast. Im Dezember wird Mevlanas nächster Hochzeitstag gefeiert, dann wieder mit Weihnachtsbaum, Krippe und leibhaftigen Sufi-Musikern im Chor unterhalb der Orgel.