Tellerrand

30. Juli 2015

Willy Tell, SVP, SVP Wahlkampf 2015, SVP Zürcher HB, Wahlkampf Schweiz 2015, SVP 2015, Willy Tell Kampagne

Neulich im Zürcher HB, Rauch- und Tränengasschwaden verzogen sich allmählich, und verwundert erblickte ich den Brunner Toni, den allzeit gesprächigen Wältwuche-Köppel und weitere Schergen,

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die im Kampagnenmodus leibhaftig und öffentlich die freie Schweiz mit Freibier, Wurst und Hymne gegen fremde Vögte verteidigten. Ein Polizeikordon und Willy Tell halfen nötigenfalls gegen irrlichternde Binnen-Protestler. Und der Tell Willy ist jetzt scheinbar ein Weg Wahlkampfschlagerstar. Erschreckend aber wahr.


Unerhört

22. Juli 2015

Schweizer Psalm, 1. August, SVP, Schweizer Psalm SVP

Ausgerechnet die xenophobe Schweizer Volkspartei engagiert zum Nationalfeiertag Ausländer für den Vortrag der rätselhaften Hymne.


Pussy Conquerer

18. Juli 2015

Lee “Scratch” Perry ist ein lebendes Reggae-Fossil, der mit seinen fast 80 Jahren noch regelmässig vor Publikum auftritt, um seine irrwitzigen Toasts zu de­kla­mie­ren. Seine in den 70ern neue Aufnahmetechnik erlaubte ihm, durchgeknallte Dub-Versionen von Studio-Produktionen zu erstellen, und diese gleich in unzähligen Variationen. Hier eine Bassline, dort ein Riddim, alles wurde immer wieder neu zusammen “getaped“, so dass er und die Plattenfirmen langsam aber sicher den Überblick über die ausufernden händische Samplereien verloren.

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In einer Art ewigen Recyclings benutzt er auch heute bei seinen Auftritten Teile jener reggaetypisch stark basslastigen aber melodisch recht einfach gehaltenen und nur durch punktuelle Akzentuierung rhythmisch betonten und dadurch hypnotisierend wirkenden Tonfolgen. Und in seinem Portfolio befinden sich etliche davon, hat er doch in den letzten fünfzig Jahren mit Bob Marley, Max Romeo, King Tubby, Adrian Sherwood, Mad Professor, Sly & Robbie und zahllos anderen Musikern kollaboriert.

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Im Zürcher Club Exil hatte Scratch nun wieder einmal ein Heimspiel; gewohnt humorvoll und spontan spann er seinen epischen Faden um die immer wiederkehrenden Themen Babylon (must die), Devil (is dead) und Pussy (I am the Pussy Conquerer, meow!). Er sprach viel von Liebe und Sonne, dem Tod und dem Wetter und dass er all dies beeinflussen könne. Man mochte ihm fast glauben, als er Marleys “Sun is shining” anstimmte. Here I am. Von der sonst üblichen Jah oder Rastaman-Ideologie war nichts zu hören, dazu ist das phantasievolle Unikum spirituell mittlerweile viel zu universell aufgestellt.

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Es gibt nicht die klare Linie, die Soundstrukturen werden ihm digital vorbereitet live zugemischt und er spricht aus, was ihm gerade durch den Kopf geht. Trotz aller Routine in dem ihm eigenen cartoonesken Sprechgesang ist seine performante Eklektik anrührend. Seine verlautbarten Spinnereien sind liebenswert und wirklich ziemlich crazy. Doch ältere Männer, die etwas Kind in sich bewahrt haben, waren mir schon immer sympathisch. Allerdings ist der Hobbyschweizer nicht mehr gewohnt, dass Konzerte erst um 1.30 Uhr in der Früh anfangen. Mark Stewart konnte sich in der Berliner Maria mit seiner Mafia so was noch erlauben, da war eine gewisse Kreuzberger Grundkondition sowieso Pflicht. Aber früher war halt auch die Nacht noch jünger.


Strobl nervt

15. Juli 2015

Seine Schwester fand ich ja ganz nett. Ihre regionale Karriere als Geräteturnerin verfolgte ich mit lokalpatriotisch angehauchtem Schülerenthusiasmus gerne. Während der Grundschulzeit war meine Klassenkameradin eine richtige kleine Berühmtheit in meiner Schule. Ihren Bruder Thomas lernte ich erst später auf dem Gymnasium kennen, nämlich in der SMV (Schüler-Mit-Vertretung), eine Art Plenum der Klassensprecher mit Beisitz eines von den Schülern gewählten Vertrauenslehrers.

Thomas war irgendwie anders, er war brav seitengescheitelt und Mitglied in einer damals irrelevanten Schülerunion. Es war die bundesrepublikanische SPD-Hoch-Zeit von Brand/Wehner/Schmidt, Annäherung durch Wandel, mehr Demokratie wagen, Kniefall und in jener von der RAF-BRD-Auseinandersetzung innenpolitisch geprägten gerade noch Prä-Grün-Ära waren ein Strauss, Dregger & Co. einfach viel zu deftig und altbacken für weltoffene und revolutionsbereite junge Grossstädter. Dass mit der Schülerunion die Konservativen ganz bewusst der langsam wegbrechenden Wählerklientel der Weltkriegsgeneration entgegenwirkten, entging mir völlig. Thomas und seine eins zwei Mithansel konnte und wollte ich damals einfach nicht ernst nehmen. Spürbar war allerdings, dass der Thomas tapfer ein Vakuum ausfüllte.

Thomas Strobl, CDU, Schwiegersohn Schäuble, Strobl Heilbronn

Thomas war also gewissermassen Exot, der sich an linken Positionen rieb und seltsam angepasst daherkam. In der Schule war er mehr schlecht als recht, er wurde gerade so versetzt und es gab unter uns Schülern Gerüchte, dass nicht alles mit rechten Dinge zugehe, er – weil politisch rechts und systemkonform – quasi einen Sonderstatus bei der Lehrerschaft inne hätte. Zwar tröpfelten die 68er selbst in meiner konservativen Schule langsam ins Lehrerkollegium, aber Ministerpräsident im Ländle war zu jener Zeit noch ein gewisser Dr. Filbinger, ein Marinerichter a. D.. Unter den Talaren war tatsächlich immer noch der Muff von tausend Jahren.

Thomas aber zog sein Ding durch: CDU-Lokalpolitiker, Gemeinderat, erst Landtags- dann Bundestagsabgeordneter, hinzu kam die Heirat einer Schäuble-Tochter. Schliesslich Baden-Württembergischer Generalsekretär, Landesvorsitzender und stellvertretender Bundesvorsitzender. Dass es mit dem Ministerpräsidentenamt entgegen meiner Befürchtung noch nicht geklappt hat, hat nicht nur mich überrascht. Thomas dachte wohl das Ding sei bereits gegessen, hatte jedoch vor der Mitgliederbefragung seiner Partei eindeutig unterperformt, weil zu arrogant, abgehoben und eben siegessicher. Er menschelte einfach nicht genug und die Landespartei zog es ganz pragmatisch vor, mit einer CDU-Version vom wertkonservativen Kretschmann die Macht in Deutsch-Südwest wieder erlangen zu wollen.

Nun erleichterte sich der Thomas süffisant in die TV-Kameras lächelnd mit einem «der Grieche hat jetzt lange genug genervt». Pauschalisierung und Vereinfachung sind ein probates Mittel der populistischen Meinungsmache. Aber auch Öl ins Feuer der Entrüstung über die wirtschaftliche Vormacht der Teutonen in Europa. Denn weil der Teutone bei den Exportweltmeisterschaften immer aufs Treppchen kommt, hat er genug Bares erwirtschaftet was nicht weiter ausgebeutet werden kann, sondern — Hase im Pfeffer — gegen Zins pekunär Bedürftigen verliehen werden muss, um weiterhin profitabel zu bleiben. Kapitalismus vs. tendenzieller Fall der Profitrate usw. etc.. Darum ist es der teutonische Streber, welcher mit seinem permanenten Zuviel nervt: umgeschuldeter Verlierer zweier Weltkriege, kauft sich für fast nix Neufünfland zurück und ist immer noch solvent. Hm.
Sicher ist es familiär belastend, wenn der Schwiegervater als Exponent der teutonischen Marktmacht nicht gerade freundlich karikiert wird, klar kann man bei dem emotionalen Stress auch mal einen raushauen. Das hat der Thomas schon immer gerne gemacht. Als Generalsekretär nahm er das Panzerlied in ein Liederbuch auf, dessen Auflage anschliessend auf Geheiss vom damaligen CDU-Landeschef Oettinger «Ein solches Lied hat in keinem Liederbuch etwas verloren…» eingestampft werden musste. Jaja, der Thomas kann auch einstecken, wie sein rechter Schmiss am linken Mundwinkel wohl beweisen soll: als Mitglied einer pflichtschlagenden Studenten-Verbindung hatte Thomas es bestimmt super lustig in Heidelberg, wahrscheinlich sogar weil ihm eine rein gehauen wurde.

Thomas Strobl, CDU, Schwiegersohn Schäuble, Strobl Heilbronn, Schmiss, Schlagende Verbindung

Ziemlich schadenfroh verfolge ich, dass sich die mit ihrer langweiligen Angepasstheit, dabei aber machtbewusst und bis in die Haarspitzen karrieregeile Boygroup von Wulff, Koch, Röttgen und vor allem Thomas Strobl zumindest bundesweit nie hat durchsetzen können. All diese seitengescheitelten Laffen gehen nicht als rechte Kronprinzen durch. Höchstens als biedere Schwiegersöhne.

Und Thomas: der Grieche wird auch weiterhin nerven. Versprochen. Ganz vielleicht schlägt er auch irgendwann zurück. Oder der Spanier. Oder der Italiener. Oder ich.


Herzig

14. Juli 2015

Pluto, New Horiozons, Pluto 2015, NASA, Pluto Flyby 2015

Herzliche Grüsse von Pluto


Fly-bye

13. Juli 2015

Endlich ist Pu 94 samt Sonde dort, wo es hingehört. Zum Abbremsen oder Einschwenken in eine Umlaufbahn ist dann aber doch zu wenig Atomenergie an Bord, so dass das Rendezvous nur von bescheidener Dauer ist.

Plutonium, Pluto, New Horizons

Beim Speed-Dating mit dem Plutosystem steht die Tachonadel von New Horizons immerhin auf 50.000 km/h und die Plutoniumsonde rast zügig weiter Richtung Kuiper-Gürtel, wo sie auf weitere Kleinplaneten treffen könnte.

kuiperbelt, Kuipergürtel, New Horizons, Pluto, Pluto Mission 2015

Die auffallend exzentrische Plutobahn und der Kuiper-Gürtel. Pluto befindet sich dabei noch bis 2113 innerhalb der blauen Neptunbahn.


Jesus Christ Superstar

9. Juli 2015

Zum Tag des Rock´n´Roll ein Verweis auf einen bekannten Kuschelrocker mit weltweiter Fangemeinde:

Abendmahl, Eucharistiefeier, DJ Jesus, Jesus Christ Superstar


Machtfrage

6. Juli 2015

Als sich einst West- und Ostblock noch mächtig konkurrierten, war ein soziales Feigenblatt für die freie Marktwirtschaft zugleich dekorativ und zweckdienlich. Der real existierende Kapitalismus moderner Prägung will sich aber einen Wohlfahrtsstaat à la Sozialdemokratie immer weniger leisten.

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Karl Geiser (1898–1957), «Denkmal der Arbeit»,
1952–1957, Helvetiaplatz Zürich

Der Hauptgrund hierfür ist, dass Erträge aus der Finanzwirtschaft lukrativer sind als jene aus der Realwirtschaft. Deswegen sind nicht die von Menschen erwirtschafteten Güter und damit die Menschen selbst wichtig. Nein, diese werden immer verzichtbarer.

An der Regulierung der Finanzmärkte muss angesetzt werden, wenn auf die aktuell bleibende ideologische Frage — wer ist wichtiger: die Rendite oder die Menschen — die richtige Antwort gegeben werden soll.


Plutographie

4. Juli 2015

New Horizons rückt Pluto langsam auf die Pelle.

Aus Bildern der Raumsonde New Horizons hat das Johns Hopkins Institut der NASA eine nette GIF-Animation erstellt. Zu sehen ist die zeitgeraffte Rotation Plutos und seines Mondes Charon aus einer Entfernung von 24 bis 18 Millionen Kilometern.

Der Fly By der Sonde ist für den 14. Juli angesagt; die Entfernung von Pluto zur Erde beträgt dann rund 4,77 Milliarden Kilometer, was (dividiert durch die Lichtgeschwindigkeit) einem Funksignalweg von viereinhalb Stunden entspricht.