Strobl nervt

Seine Schwester fand ich ja ganz nett. Ihre regionale Karriere als Geräteturnerin verfolgte ich mit lokalpatriotisch angehauchtem Schülerenthusiasmus gerne. Während der Grundschulzeit war meine Klassenkameradin eine richtige kleine Berühmtheit in meiner Schule. Ihren Bruder Thomas lernte ich erst später auf dem Gymnasium kennen, nämlich in der SMV (Schüler-Mit-Vertretung), eine Art Plenum der Klassensprecher mit Beisitz eines von den Schülern gewählten Vertrauenslehrers.

Thomas war irgendwie anders, er war brav seitengescheitelt und Mitglied in einer damals irrelevanten Schülerunion. Es war die bundesrepublikanische SPD-Hoch-Zeit von Brand/Wehner/Schmidt, Annäherung durch Wandel, mehr Demokratie wagen, Kniefall und in jener von der RAF-BRD-Auseinandersetzung innenpolitisch geprägten gerade noch Prä-Grün-Ära waren ein Strauss, Dregger & Co. einfach viel zu deftig und altbacken für weltoffene und revolutionsbereite junge Grossstädter. Dass mit der Schülerunion die Konservativen ganz bewusst der langsam wegbrechenden Wählerklientel der Weltkriegsgeneration entgegenwirkten, entging mir völlig. Thomas und seine eins zwei Mithansel konnte und wollte ich damals einfach nicht ernst nehmen. Spürbar war allerdings, dass der Thomas tapfer ein Vakuum ausfüllte.

Thomas Strobl, CDU, Schwiegersohn Schäuble, Strobl Heilbronn

Thomas war also gewissermassen Exot, der sich an linken Positionen rieb und seltsam angepasst daherkam. In der Schule war er mehr schlecht als recht, er wurde gerade so versetzt und es gab unter uns Schülern Gerüchte, dass nicht alles mit rechten Dinge zugehe, er – weil politisch rechts und systemkonform – quasi einen Sonderstatus bei der Lehrerschaft inne hätte. Zwar tröpfelten die 68er selbst in meiner konservativen Schule langsam ins Lehrerkollegium, aber Ministerpräsident im Ländle war zu jener Zeit noch ein gewisser Dr. Filbinger, ein Marinerichter a. D.. Unter den Talaren war tatsächlich immer noch der Muff von tausend Jahren.

Thomas aber zog sein Ding durch: CDU-Lokalpolitiker, Gemeinderat, erst Landtags- dann Bundestagsabgeordneter, hinzu kam die Heirat einer Schäuble-Tochter. Schliesslich Baden-Württembergischer Generalsekretär, Landesvorsitzender und stellvertretender Bundesvorsitzender. Dass es mit dem Ministerpräsidentenamt entgegen meiner Befürchtung noch nicht geklappt hat, hat nicht nur mich überrascht. Thomas dachte wohl das Ding sei bereits gegessen, hatte jedoch vor der Mitgliederbefragung seiner Partei eindeutig unterperformt, weil zu arrogant, abgehoben und eben siegessicher. Er menschelte einfach nicht genug und die Landespartei zog es ganz pragmatisch vor, mit einer CDU-Version vom wertkonservativen Kretschmann die Macht in Deutsch-Südwest wieder erlangen zu wollen.

Nun erleichterte sich der Thomas süffisant in die TV-Kameras lächelnd mit einem «der Grieche hat jetzt lange genug genervt». Pauschalisierung und Vereinfachung sind ein probates Mittel der populistischen Meinungsmache. Aber auch Öl ins Feuer der Entrüstung über die wirtschaftliche Vormacht der Teutonen in Europa. Denn weil der Teutone bei den Exportweltmeisterschaften immer aufs Treppchen kommt, hat er genug Bares erwirtschaftet was nicht weiter ausgebeutet werden kann, sondern — Hase im Pfeffer — gegen Zins pekunär Bedürftigen verliehen werden muss, um weiterhin profitabel zu bleiben. Kapitalismus vs. tendenzieller Fall der Profitrate usw. etc.. Darum ist es der teutonische Streber, welcher mit seinem permanenten Zuviel nervt: umgeschuldeter Verlierer zweier Weltkriege, kauft sich für fast nix Neufünfland zurück und ist immer noch solvent. Hm.
Sicher ist es familiär belastend, wenn der Schwiegervater als Exponent der teutonischen Marktmacht nicht gerade freundlich karikiert wird, klar kann man bei dem emotionalen Stress auch mal einen raushauen. Das hat der Thomas schon immer gerne gemacht. Als Generalsekretär nahm er das Panzerlied in ein Liederbuch auf, dessen Auflage anschliessend auf Geheiss vom damaligen CDU-Landeschef Oettinger «Ein solches Lied hat in keinem Liederbuch etwas verloren…» eingestampft werden musste. Jaja, der Thomas kann auch einstecken, wie sein rechter Schmiss am linken Mundwinkel wohl beweisen soll: als Mitglied einer pflichtschlagenden Studenten-Verbindung hatte Thomas es bestimmt super lustig in Heidelberg, wahrscheinlich sogar weil ihm eine rein gehauen wurde.

Thomas Strobl, CDU, Schwiegersohn Schäuble, Strobl Heilbronn, Schmiss, Schlagende Verbindung

Ziemlich schadenfroh verfolge ich, dass sich die mit ihrer langweiligen Angepasstheit, dabei aber machtbewusst und bis in die Haarspitzen karrieregeile Boygroup von Wulff, Koch, Röttgen und vor allem Thomas Strobl zumindest bundesweit nie hat durchsetzen können. All diese seitengescheitelten Laffen gehen nicht als rechte Kronprinzen durch. Höchstens als biedere Schwiegersöhne.

Und Thomas: der Grieche wird auch weiterhin nerven. Versprochen. Ganz vielleicht schlägt er auch irgendwann zurück. Oder der Spanier. Oder der Italiener. Oder ich.

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