Senizid

In Krisenzeiten wie heute kämpfen in gewohnt übler Manier Natur und Wirtschaft als bloss vorgeschobene Player, das nur Wohlhabende selig machende Goldene Kalb wird von der neoliberalen Denke überhöht. Und schon kommt ein zynisches Statement wie vom Vize-Gouverneur des US-Gliedstaates Texas daher, in dem es unverblümt heisst, Ältere sollten besser sterben bevor die Wirtschaft abstirbt. Stillschweigend wollte man im Vereinten Königreich zunächst auf Herdenimmunität setzen, ehe mathematische Modelle warnend eine abrupt hohe Zahl von Todesopfern prognostizierten. Sozialdarwinismus bleibt moralisch und gesellschaftlich ein ziemlich heisses Eisen, wobei es einige historische und selbst zeitgenössische Beispiele gibt und in Zeiten von Genschere Begriffe wie Euthanasie allzu gerne neu verhandelt werden.

Der Senizid oder Alters-Pflicht-Suizid trat als Sitte global, aber nicht ubiquitär auf. Bis in die Erzählmotive hinein finden wir über weit entfernt liegende Kulturräume hinweg Gemeinsamkeiten und Konstanten, etwa das Tragen der moribunden Alten auf einen Berg. In frühen Erzählungen wird der Senizid umstandslos gerechtfertigt; spätere Berichte lassen bei der Überwindung und Warnung vor dem Töten der Alten humane Argumente zu. Oft äußerst sich die der Senizid rituell, öffentlich und festlich, manchmal auch still und individuell. Dem eigentlichen Senizid konnte eine lange Phase der Segregation – Marginalisierung, Missachtung und Ächtung vorausgehen – und geht heute wieder voraus! Die Alten wurden zunehmend verspottet, ignoriert, dann vernachlässigt, etwa indem ihnen das Essen weggenommen wurde und sie zum Betteln gezwungen waren, bis der Leidensweg in Euthanasie oder dem Verlöschen ein Ende fand. Ein Senizid ist nie Ausdruck einer extrem barbarischen Gesinnung, sondern setzt die hoch entwickelte Gedankenwelt von Bauern oder Hirten voraus und dient dem verantwortungsbewusstem Ziel, das Überleben des Clans zu sichern.

(Pousset,Raimund 2018,Senizid in der Vergangenheit,Springer Wiesbaden)

«Keine Denkverbote, wird man wohl noch sagen dürfen» tönt bereits in den Ohren und womöglich fordere eine kräftige Wirtschaftsbaisse doch viel mehr Opfer, fleissig gerechnet und verglichen wird bereits. Es wird sich weisen, ob der kapitalistische Populismus oder der Gemeinsinn reüssiert. Als kollektives Wesen ist der Mensch soziologisch betrachtet auf Kooperation ausgerichtet, soziale Intelligenz zielführender und essentieller als Konfrontation. Äusserer Druck und innere Ungleichheit werden gerne als Faktoren für wachsenden Chauvinismus im Sinne des auseinander driften der Gesellschaft angeführt (Lagerkomplex — keiner thematisiert oder versteht das Andere). Die sozialökonomische Struktur steht durch die vom Virus ausgelösten Drucksituation vor einer riesigen aber unvermeidbaren Herausforderung, gewohntes gerät ins Rutschen und Diskurse wie ein bedingungsloses Grundeinkommen werden thematisch weiter in den Mittelpunkt rücken. Hasta siempre!

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