Automagisch

Zu den Limousinen von Hilfssheriffs und Möchtegern-Patrouillen gesellt sich nun ein eher kompakter Zweitakter de-Luxe, klar erkennbar an den verchromten Stossstangen. Korallrot als ungewöhnlich kräftige Farbgebung lässt auf Baujahr ≧ 1973 schliessen. Der CH-Trabi parkierte im Halteverbot, was den Faktor Seltenheitswert hierzulande signifikant erhöht.

Lichtmess

There is a crack, a crack in everything
That’s how the light gets in.

Leonard Cohen, Anthem 1992

Obiges Zitat zitiert Igor Levit auf seinem Twitter-Account. Levit ist ein kluger Kerl, einst rübergemacht, angekommen und weitergereist. Einer der sagt was er denkt und denkt was er sagt. Und mitteilt. Auf Twitter führt er seit dem Lockdown täglich seine Hauskonzerte durch, immer um 19 Uhr streamt er live aus seinem Berliner Wohnzimmer. Zwar mit bescheidener (weil selbstgestrickter) Bild- und Soundqualität, dennoch eine grosse Geste eines grossen Musikers, der so auch auf die Existenznöte nicht ganz so berühmter und erfolgreicher Künstler hinweist, deren Auftrittsmöglichkeiten in naher Zukunft nur mehr eingeschränkt, wenn nicht sogar unmöglich sein werden. Gewiss hat Levit als hoch subventionierter Act einen ganz anderen Stand, er ist als Pop-Star der klassischen Klaviermusik aber immer zugänglich und aufmerksam geblieben. Auf Levits Twitter-Account sind die Konzerte jederzeit nachzuhören, gleichzeitig sind Details über Werk und Komponist sowie Levits eigene Verfassung zu erfahren. Ein Geschenk.

Levit is quite unique.

Delicat Essen XCIII

My dear friend, former colleague, once but still fan-of, one-time lover and such, the both undisputed and unconquered Super-8-Queen of todays known universe, the one and only Dagie B is just spending her time at a tiny house in a sort of art quarantine in the South of Sweden. As a guest of the Goethe-Institut she is transforming the sea to see, merging light and shadow into vision to present her very imagination of our wobbling and yet so curious planet. No doubt agitated by the ongoing outbreak of the sad disease her personal impressions will certainly highlight some dagiesque insights of nature in development.

from tram by chance © dagie 2020

Happily she will research for an antidote to the current crisis with her best and strongest ingredients: beautiful pictures and well handcrafted artistic movies. Me is really looking forward to enjoy her funky Baltic work and it remains a whishful thinking that D. Longstocking will return save with a pocketful of gems plus some glitter of hope – heja!

 

Nesselhaft

Der Zwergensiedlungsasylant kommt mächtig ins Schwitzen.

Derweil die Temperaturen sich spätsommerlich in verblüffend hohe Bereiche verirren, tut der innerstädtische Geräuschpegel auf Strassen, Gassen und Höfen dergleichen – es ist LAUT. Durch die Nacht, bis zum Morgen. Der Pizzaservice gegenüber wärmt seinen Ofen nachtnächtlich bis um 5 Uhr, das Gewerbecenter vis-à-vis schliesst erst um 3 Uhr seine Pforten. Parkierende PKW, knatternde Töffs, Spätheimkehrer, Frühaufsteher, Angetrunkene, glucksende Pärchen, orientierungslose Nachtschwärmer, emsige Nachtarbeiter halten mich erfolgreich wach. Zusätzlich fungiert die Pizzeria gleichzeitig als eritreischer Männertreff und atmet permanent hektisch diskutierende Draussenraucher. Eine Nacht, zwei Nächte, drei Nächte. Bis sich schliesslich die Blattern breit machen und zu einem sehr hartnäckigen Reizhusten dazu gesellen, na danke, geht doch. Prima. Erschrecken, Erstaunen, Unglaube, nicht-wahrhaben-wollen kosten zunächst Zeit und Nerven bevor das Antihistaminikum endlich zu wirken beginnt. Allergisch sediert sieht die Welt dann schon ganz anders aus.

Die bei der Vorab-Besichtigung nicht wahrgenommene grandiose Remise neben dem für Zürcher Verhältnisse ziemlich verwahrlosten Hinterhaus. Erst die mit einmaldrei Meter überdimensionierte und beleuchtete Hausnummer weckt meine Aufmerksamkeit. 166. Der Spalt zwischen Vorhang und Fenster. Im Treppenhaus beim Aufstieg sicherlich kein Scharfblick, eher Irritation — Whirlpool, Monitore mit eindeutigen Filmsequenzen. Körpersilhouetten hinter Sichtblenden, dauerrotierende flackerhafte Discobeleuchtung. Eine neugierige Abscheu. Das Internet weiss alles über das euphemistische Gewerbecenter Grandios. Räume, Mieter, Angebote. Such is real life.

Eines frühen morgens höre ich einige Frauen auf dem Hof ungarisch reden – würde soziologisch passen, denn der Schweizer Markt für Sexarbeiterinnen ist noch immer osteuropäisch dominiert. Womöglich ist der Status einer vorübergehenden Untermieterin aka Empfangsdame in einem Gewerbecenter im Vergleich zu normaler Strassenarbeit oder gar Verrichtungsboxen  sogar noch erträglich. Dass Frischfleisch immer auf der Durchreise ist, um ja nicht zu langweilen sieht man am einsichtigem Gepäckzimmer, das die üblichen plastifizierten Rollkoffer en masse beherbergt. Auch mein selbstgewähltes Exil findet immerhin sein automatisches Ende. Und beim nächsten Mal besser alle Augen auf im nervigen Strassenverkehr.

Happy Bruno

Mit Siebenmeilenstiefeln aka ICE wurde Hilfsbierbär Bruno nun aus seiner misslichen Lage errettet. Seit dem Wochenende war der Ärmste in einem Burgerladen am Rande des Schwarzwaldes völlig schuldlos isoliert und wartete sehnsüchtig auf die Befreiung. Nun wurde mit einem zünftigen Festmahl seine Auferstehung tüchtig gefeiert und das Plüschtier gesund und munter flugs zurück in seine angestammte Heimat überführt, wo er sich von den erlittenen Strapazen erst einmal ganz in Ruhe erholen wird.

Secondo Front

Ausländer ist man bekanntlich fast überall auf der Welt, so auch in der Schweiz. Eine kulturpolitische Intervention versuchen die Macher vom Salon Bastarde. Idealerweise fand der Kickoff im Zürcher Club EXIL statt.

Salon Bastarde, Uslaender, Secondos, kulturelle Intervention

Die normative Kraft des Faktischen wurde betont und Jurzcok verhandelte diese genial absurd unter dem Stichwort Scheinbevölkerung. Bis zur zweiten Generation besitzen beinahe 40% einen Migrationshintergrund, und bilden in manchen Städten bereits die Mehrheit. Der von den überraschenden Resultaten jüngster eidgenössischer Initiativen ausgehende Schwung gelte es mitzunehmen. Spoken Word und Rap, eine dauerassimilierte Nationalrätin, Interviews und szenische Rück- und Ausblicke auf Fremd- und Gastarbeiter, Flüchtlinge und Migration generell öffneten Augen, Ohren und Herz und machten viel Mut und gute Laune. Die Schweiz bewegt sich doch.