Berninale

Prima Klima

Der Saisonhöhepunkt in der Bernina im Engadin wurde farbenprächtig von fast schon kitschigem Kaiserwetter untermalt, für den Schönwetterwanderer natürlich ideale Startbedingungen. Der tagelang nervöse Blick auf die allmählich schmelzenden Neuschneefelder via Webcam wich vermehrt zugunsten verheissungsvoller Erregung, das Basislager war gebucht und die Aussichten optimal – Form und Material zumindest auf Augenhöhe mit der angestrebten Hochgebirgstour.

Memento Mori

Die kurze aber höhenintensive Akklimatisation beinhaltetet einen Abstecher ins Puschlav, wo in Poschiavo das Opferlicht neumodisch doch albern elektronisch gezündet wird, derweil das nahe liegende Beinhaus eindrücklich mahnte.

Nach dem Einchecken im bezaubernd gelegenen Gletscherhotel und einer kurzen abendlichen Lockerungsrunde zur Zunge des betrüblich rasch dahin schwindenden Morteratschgletschers, stieg die Nervosität nach einem feinen Nachtessen doch spürbar an und führte zu einer annähernd durchwachten Nacht; aufkommendes Lampenfieber liess die Gehirnhälften teilweise nur abwechselnd ruhen, das vegetative Nervensystem riet dem Adlerauge sei wachsam.

Letzte Ölung

Die Knie anderntags frisch geölt, die notwendige Ausrüstung verpackt und der Dresscode abschliessend geklärt kamen noch am Frühstückstisch leichte Zweifel auf, ob die Verfassung für 3000 wirklich reicht, schliesslich heisst es ja sicherheitsrelevant zurecht: der Herausforderung nicht nur gewachsen, sondern überlegen sein. Mit der Rande in der Hand wurde dann bereits etwas zuversichtlicher auf den Zubringer der Rhätischen Bahn gewartet und dabei ein interessierter Blick auf den Rucksack des anderen Frühaufbrechers geworfen, dessen uriger Eispickel dabei besonders ins Auge fiel.

Bhend/Grindelwald hiess es auf dem ins Metall eingeschlagenen Stempel und der rüstige Gletschergänger versicherte, dass dies ein amtliches Teil sei, die modernen nur Spielzeug und nichts taugten. Nun gut, etwas Folklore ist sicher inkludiert, doch ein original Bhend mit Eschenholzschaft würde stilistisch ausgezeichnet zu den geschätzten Ortler passen, da sollte selbst ein Hillary Step kaum mehr ein Hindernis sein…

Auf gehts

Der Randensaft wurde prophylaktisch während des Transports zur Talstation brav getrunken, um auch die letzten Leistungsprozente proaktiv in Bereitschaft zu versetzen. Die Vorfreude stieg immens, das Wetter so was von einladend, Vorsehung und Macht offensichtlich allesamt mit im Bunde. Der untere Teil des Weges ist im Winter der Auslauf der schwarzen Skipiste, zudem erleichtert ein holpriger Fahrweg den Aufstieg bis zum Lej da Diavolezza auf ungefähr halber Höhe. Nach dem Überschreiten der Baumgrenze dann zunehmend steil gewunden, teilweise ausgesetzt und auf der Flanke des Sass Queder angekommen der erste Wow-Effekt mit der sehnsüchtigen erwarteten und wirklich prächtigen Aussicht auf den Berninapass mit dem grossen Lago Bianco, dem mittleren Lej Nair und dem kleinen Lej Pitschen. An den Namen der Bergseen erkennt man die Sprachgrenze, die zugleich die Wasserscheide zwischen Donau und Po bildet.

Karge Rauheit

Der Pfad wurde stetig alpiner, die karge Landschaft gleichwohl intensiver und die wohltuende Stille in den Pausen der monoton summenden Seilbahn beinahe inspirierend. Als Alleingänger frisch geübt wurde das Naturspektakel einfach nur genossen. Die angekündigten ausaperten Firnfelder waren dank Petrus just zurückgewichen, die wenigen Schritte auf Eis im Bergschatten gut machbar und die Grödel verblieben im Rucksack (aber gut waren sie als Versicherung mit dabei!). Das Timing der Aufstiegszeit also wirklich perfekt, besonders da die höher steigende Sonne kräftig mit tat. Zum Glück wurde das zuerst für den Hochsommer anvisierte Unterfangen in den Frühherbst verlegt, was so bestimmt manch (italienischen) Bergfreunden elegant aus dem Weg ging.

Klar – eine Seilbahn auf zirka 3000 Meter ist ungemein verlockend, der Hobbybergler weiss das nur zu gut, seit er sich selbst vor 25 Jahren inklusive leichter Kreislaufschwäche von quasi Null auf Dreidrei zum Corvatsch katapultierte. Sauerstoffmangel gepaart mit Dummheit oder Unterschätzung der Bergwelt bei Überschätzung der eigenen Konstitution führen unweigerlich zu grotesken bis komischen Szenen auf den Aussichtsplateaus, wie sich später als Reprise auf der Diavolezza erweisen sollte.

Obacht

Unterwegs dann ein kleiner Schreckmoment, als das Donnern eines Rettungshelikopters naht, der auf der Bergstation einen kurzen Zwischenhalt einlegte, um alsbald elegant im Sturzflug wieder ins Tal zu sausen. Oha, memento dingens. Das Bewusstsein um die reale Gefahr einer Solotour in solchen Höhen kam auf und gleichzeitig erfuhr die Konzentration auf Weg und Ziel einen ordentlichen Schub. Erst später an der Talstation sollte sich herausstellen, dass ein Übungstag angesetzt war und die Crew den Ernstfall nur probte.

Gipfelsturm

Das letzte Stück war dann doch noch nervig, da die Pistenraupen bereits den Schnee für die nahende Skisaison auffuhren, welcher von den zahlreich postierten Schneekanonen vorproduziert wird. Oben angekommen fiel dann die Entscheidung für das kleinsten der drei ursprünglichen Zielobjekte. Eine kurze Überlegung war, ob nicht der 100 Meter höhere Piz Trovat bei der grandiosen Tagesform noch obendrein machbar sein könnte. Der Aufstieg lag gänzlich in der Sonne, keinerlei Eis und Schnee im Weg. Dann die nüchterne Analyse, dass das Erreichte durchaus genügen sollte.

Der erste selbst begangene 3er sollte es sein und wurde es, gepaart mit Erleichterung und Verblüffung, das Saisonziel derart mühelos geschafft zu haben. Pilatus was the Preacherman. Nach dem Gipfelfoto und Abstieg folgte auf dem Weg zum Berggasthaus die herzliche Begrüssung durchs Support-Team, angeführt von Cheerleaderin Alexandra B. Aumann (Credit for pic & movie), was dem Möchtegerntrenker wiederum etwas peinlich war.

Hatte er ja bloss den allerkleinsten aller möglichen Gipfelgiganten bezwungen, schliesslich standen da unübersehbar noch ganz andere Kategorien in der näheren Umgebung rum…

Bewegende Eiswelt

Eine Brotzeit aus dem Rucksack folgte, das Ankommen wurde nach dem zögerlichen Verdampfen des Restadrenalins dann noch richtig genossen und der Festsaal der Alpen gründlich in Augenschein genommen. Imposant die Spuren im Neuschnee gleich unterhalb des Ostgipfels vom Piz Palü, furchteinflössend das Rieseln und Poltern der Steine, die von der Sonne enteist auf den Gletscher fielen und an die Weisse Hölle von 1929 erinnerten. Deutlich die Gletscherspalten am Zusammenfluss von Palü, Pers und Morteratsch. Schön und gefährlich zugleich der Biancograd mit Bellavista und dem Berninagipfel selbst, am gefälligsten aber Agüzza; wie ein gerade herauf gekrabbeltes Insekt thront der Fels inmitten des Gruppenbilds.

Gletscherbrille

Ausgelassen die Stimmung auf der Terrasse der Bergstation, wo ausgiebig gespeist und getrunken wird. Jemand schleppte einen Cooler nebst Flasche mit in den frischen Schnee, andere entspannten leger in der Höhensonne und anscheinend soll es auch ein Jacuzzi für Übernachtungsgäste geben. Ein paar augenscheinliche Cracks frisch retour von Hoch- und Gletschertour, denen man das Können und Kennen ansah.

Manche standen und staunten, viele telefonierten, machten Fotos und zählten ehrfürchtig die Namen der eisigen Riesen auf. Ein paar wenige wiederum waren kaum gehfähig. Halt der übliche und typische Rummel auf einem Berg mit direktem Bahnanschluss. Falls aber das Gletscherbüro beim nächsten Besuch geöffnet haben sollte, wäre eine geführte Tour mit einem Original Bhend schon eine Überlegung wert. Fehlt nur noch die passende Gletscherbrille aus Pontresina.

Ortler grüsst Ortler

Beim Einstieg in die Gondel talwärts schweifte der Blick ein letztes Mal sehnsüchtig in die weite Ferne, und – wie sich erst später mittels Triangulation bestätigen sollte – fiel der Blick des Hobbysportlers geradewegs auf die Ortlergruppe, welche weiss bedeckt mit ihrer 3900 Meter hohen Spitze aus dem braungrauen Allerlei kontrastreich im nicht allzu fernen Südosten heraus stach. Auf Original Ortler den echten Ortler zu erspähen, das war ein passendes Finale für jenen abenteuerlichen Tag!

Epilog

Ausser dem Pfiff eines Murmeltieres und den bettelnden Alpendohlen war nichts tierisch erwähnenswertes unterwegs, dies sollte sich erst am Folgetag beim Auslaufen ändern, als eine Kreuzotter sich wohlig im Gras sonnte. Den Abschluss bildete ein Besuch auf der Chünetta, wo ein von englischen Gästen im Gedenken errichtetes Steinsofa (!) bequem den Blick auf Gletscher und Bergwelt erleichtert. Allegra!

Von Pontius zum Pilatus

Der ehrgeizige Plan über 1700 Meter aufwärts als Solist aufzutreten entsprang einem vermeintlichen Besserwetterloch. Wetter immer matchentscheidend im alpinen Gelände und dazu kam die drängende Dringlichkeit eines wirklichen Belastungstests, bevor es auf ganz andere Gefilde gehen konnte.

Um die vertrödelte Zeit (verpasster Zug, falscher Bus) wieder aufzuholen, wurde die Sache etwas zu überhastet angegangen. Dabei hätte jene gut 30-köpfige Kindergartengruppe im Zug, deren Reservierung schief ging und die daher im Mittelgang des Waggons tapfer und stoisch, aber voller Vorfreude auf den Ausflug ins Planetarium die gesamte Fahrt über wankend aber stehend verbrachten, beispielgebend sein sollen.

Wer schnell sein will, muss langsam werden

Zu Beginn gelang es überraschend zügig eine halbe Stunde aufzuholen, doch sollte der Einbruch unweigerlich folgen. Die ersten 900 Höhenmeter waren eher leichtes Terrain und verteilten sich auf gut sieben Kilometern. Allerdings setzte die nach den Regengüssen der vergangenen Tage hoch gesättigte Luftfeuchtigkeit dem Hobbysteiger rasch zu und die Transpirationautomatik  der Funktionswäsche lief permanent auf Hochtouren. Fixiert auf das mögliche Tagesziel in akzeptabler Zeit sowie der kurzzeitige Zusammenschluss mit einer interrailenden Studentin aus dem Ruhrgebiet führten dazu, dass alle antrainierten Vorsichtsmassnahmen leichtfertig ausser Acht gelassen wurden. Spürbar dehydriert, leicht unterzuckert und offenkundig in keiner bestechenden Tagesform wurde viel zu spät auf eindeutige Körpersignale geachtet, zu spät wurde gerastet, getrunken und der Puls wieder auf Normal reguliert. Ein Bergab sausender E-Biker prophezeite einen Wolkenaufriss innert 30 Minuten – ganze drei Stunden sollte es noch dauern, bis die Sonne zumindest ein wenig vom Hochnebel weg schleckte.

Tempowechsel

Mit knapper werdender Kraft wurde das erste Etappenziel auf schlappen 1500 Metern erreicht und nach dem Adieu mit der Zufallsbekanntschaft nun ein adäquates Tempo nach ureigenem Rhythmus angeschlagen. Geht doch. Direktnach der Querung einer lehmig-seifigen Alp ging es dann in den ersten serpentinenartigen Anstieg im Felsmassiv. Trotz ausbleibender Sicht waren Wasserfall und rascher Höhengewinn verlockend, als jedoch die Nebelschwaden allmählich den Ausguck auf nur noch 20 Meter runter dimmten wurde klar, dass Rast und Ruhe dringend nötig waren, zumal eine Umkehr bei weiterer Verschlechterung noch immer möglich war. Im Berg dann eher nicht. Der Gedanke vom schnaubenden Drachen kam und ging schnell. Ein junger blonder Held in Turnschuhen zog vorbei, zwei vorlaute Deutsche immerhin in Wanderschuhen wenig später. Egal, die längst fällige Regeneration mit Weintrauben und Bouillon war unabdinglich und versprach die erforderliche Auffrischung der Kraftreserven, denn ab jetzt nur noch steil. Das Innehalten mit Zwiesprache war zugleich eine Konzentrationsübung für das nun kommende anspruchsvolle Terrain.

Kehren und Wenden ohne Ende

Der Aufstieg dann teilweise mit Ketten gesichert, die Furten und Wasserfälle sind problemlos, doch aufgrund der talwärts strömenden Wassermassen zumindest heikel. Hinzu kommt, dass der permanente Nebel alles übrige sowieso mit einem feuchten Film überzog. Teilweise haben die Wegbereiter eiserne Stufen ins Gestein geschraubt, teils mit Knüppeln abgesicherte Stufen geschlagen. Jedenfalls Hochachtung für die vielen Putzer, die jeweils am dritten Wochenende im Juni den Pfad begehen, kontrollieren, von Altschnee befreien und falls nötig ausbessern. Einige verewigen sich mit Namensschildern nebst Baujahr, wobei manche der Namen einen fast den gesamten Aufstieg hinweg begleiten. An ein paar Stellen ging es nur mit Klettern auf allen Vieren, Stockeinsatz bei den vielen grossen Tritten äusserst hilfreich. Einmal wurde der Schuh aufgrund einer etwas unrunden Bewegung zwischen zwei Felsblöcken eingeklemmt, zum Glück federte der volllederne Ortler derart Missgeschick gekonnt ab, kaum Wirkung im Fuss selbst. Überhaupt war neben der gebotenen Trittsicherheit (Schwindelfrei war heute abgesagt, zu trüb und milchig die Abgründe) der Bergschuh essentiell – ohne Profilsohle mit Grip geht hier gar nichts (ausser Jungsiegfried in Turnschuhen).

Der Aufstieg wollte kein Ende nehmen, noch ne Kehre, noch eine Sicherungskette an ausgesetzter Stelle. Plötzlich frische Erde auf dem Pfad, Blick nach oben und Oha!, überhängender Fels, unübersehbar erst jüngst gefallenes Gestein direkt auf dem Weg. Abwechselnd den Blick vor Furcht hoch und auf den Steig gerichtet, in der stillen Hoffnung, eventuellen Steinschlag durch Reaktionsschnelle wettzumachen wurde die Gefahrenstelle zügig durchgangen. Danach wartete wieder eine in den Fels gehauene und endlos erscheinende (schlechte Sicht!) treppenförmig gewundene Schlüsselstelle. Zwei weitere Wandersleute überholten und lieber wurde etwas abseits der direkten Falllinie einen Moment lang ausgeharrt, nicht dass es durch einen womöglich oben ausgelösten Brocken just nach der heil überstandenen Gefahrenstelle doch noch zum Bingo käme.

Die Tierwelt hielt sich analog zum Wetter weiterhin schön bedeckt, nur Losung vom Steinwild war wiederholt zu erkennen. Das wiederkehrende Pochen der Halsschlagader aufmerksam verfolgend, wurde der Puls auf Stöcke gestützt im Stehen reguliert. Stop-and-Go, gut war wenig Betrieb auf der Piste. Beim Überschreiten der Baumgrenze kam die Frage auf, wieso der Pfad eigentlich Heitertannliweg genannt wird.

Lichtblick

Der letzte Fruchtriegel tat seinen bitter nötigen Dienst und endlich etwas mehr Licht, noch trüb zwar, doch heller Schein lies vermuten, dass die Bergflanke nun tatsächlich durchstiegen war. Nineteenhundred down, twohundredfifty to go. Ohne bislang je das Ziel auf dem beschwerlichen Weg erkennen zu können, gab die schiere Ahnung weiteren Auftrieb. Die Zuversicht kehrte zurück, der Fruchtzucker zündete und der vorletzte Schluck aus der Pulle war reiner Treibstoff.

Und dann riss es auf: zweihundert Meter unterhalb der zahlreichen Gipfel vom Pilatusmassiv traten Tomlishorn, Esel, Oberhaupt und wie sie alle heissen sonnenbeschienen und geradezu unwirklich wuchtig derart scharf gezeichnet ins Rampenlicht, als würde ein Vorhang mit einem Vergrösserungsglas getauscht – ein doppeltes Wunder der Natur. Ein zwar nur kurz währendes Spektakel, aber in seiner momentanen Eindrücklichkeit fast unbeschreiblich. Respekt und Vorfreude, der letzte Anstieg im zerkarsteten Schrattenkalk steinhart jedoch trocken und bedächtigen Schrittes zog der Gebirgsmagnet den sich wie in Trance befindlichen Hobbybergler durch die letzten Kehren nach oben. Jungsiegfried kam derweil von dort im zügigen Turnschuhschritt mit einem aufmunternden «Sali!» entgegen. Vermutlich hatte er den Drachen besiegt, da der Nebel zunehmend lichter wurde.

Tohuwabohu

Dann der Aufstieg durchs Chriesiloch, ursprünglich ein natürlicher Kamin. Oben hallten amerikanische Stimmen, «Where does this way lead to, lets find out!», ein finaler Zwischenspurt, um einer drohenden Kollision auf der Eisentreppe zu entgehen, eine ungläubige Frage: «Did you come up all the way?» gefolgt vom freundlichen «Welcome!» und der nun in Sicht kommende babylonische Touristenpfuhl auf Pilatus Kulm erschien als reinster Postkartenkitsch mitsamt tutender Alphörner als Icing.

 

Der Dank an die eifrigen Bläser für die tolle Begrüssung wurde artig überbracht, gefolgt von einem breiten Grinsen aufgrund des kuriosen Emblems – da blies leibhaftig ein stämmiger Baggerfahrer ins Horn!

Gewiss, nach Burkaverbot, Covid, Masken- bzw. Zertifikatspflicht war die Lage oben bestimmt noch harmlos, eingedenk der Anekdote, als der Hobbyhiker noch vor wenigen Jahren verblüfft staunte, dass Downtown Luzern die Beschriftungen der Ladengeschäfte neben Englisch teils auch auf Chinesisch und Arabisch angebracht waren.

Unweigerlich schüttelte der ehrliche Aufsteiger dennoch innerlich den Kopf, angesichts der nervös staksenden Menge dort oben, manche ihren Schosshund auf Armen tragend, andere verzweifelt ihre Kinder zähmend und allesamt innerhalb einer halben Stunde mit Zahnrad- oder Drahtseilbahn nach oben verbracht, um im Bratwurstduft die heute nicht existierende Aussicht leicht desorientiert trotzdem zu suchen.

2118

Oberhaupt und Esel wurden beide direkt vor Ort bezwungen, danach rasch das Ticket für die Talfahrt gelöst und dank eines widerspenstigen Kinderwageninsassen fuhr die Gondel den Einzelgänger im Solo durch die Wolken ins wärmende und lichtdurchflutete Tal mit der frisch gewonnen Einsicht, dass in und über den Wolken Freiheit wohl Grenzen hat.

Kriechspur

Auf den gut 2000 Höhenmetern des Oberengadiner Seitentals Val Bernina wird für den Unterländer Hobbyausflügler die Luft bereits etwas dünn. Bunte Farben flirren wie wild über den Schneeteppich und es scheint, als wäre die gleissende Sonne eine transzendente Discokugel. Die monotone Konzentration auf Schritt und Tritt wirkt fast meditativ. Geh-Rhythmus und Atem-Tempo üben ein inniges Duett, welches bei den kurzen Anstiegen aus einem gemächlichen Largo in ein wildes Allegro auszubrechen droht, bevor ein obskures Metronom am Wegrand an das Adagio erinnert und letztlich sich alles in einem endorphingesättigten Lento karthatisch prima auflöst.

Grạzcha fich!

Langsamverkehr-Netz Bündnerland

Nebelflor im Wolkenmeer

Auf Gitschenen, einem Hochtal oberhalb von St. Jakob im Isenthal (UR) zieht vor dem winterlichen Föhnsturm der Hochnebel in Schwaden an den Bergflanken entlang. Kleine Lichtblicke erlaubt die knapp über den Gipfelkuppen stehende Sonne, die den Nebel an- und vertreibt. Trotz aller Wandererfahrung immer wieder neue Erkenntnisse für den Hobbyschweizer – alpine Wintertouren benötigen bei Neu- und Tiefschnee besondere Unterlagen – Schneeschuhe gehören unbedingt zur Grundausrüstung. Dank gespurter Pisten waren immerhin ein paar Kilometer Schneewanderung machbar und der Gipfelrum bei aller Kälte und frischen Luft hoch verdient.

Se di nubi un velo m’asconde il tuo cielo
pel tuo raggio anelo Dio d’amore!
Fuga o sole quei vapori
e mi rendi i tuoi favori:
di mia patria deh! Pietà,
brilla, sol di verità.                                                                   °

Talwärts beim Zwischenhalt in Bauen am Urner See eine freudige Überraschung – der Hobbyschweizer trifft auf den Komponisten vom meteorologischen Schweizer Psalm und schwört sich schon mal warm.

© pics by abauma

Problembär Ahoi

Hier nun der abschliessende Teil der Bruno-Trilogie, diesmal direkt aus den Bergen knapp oberhalb der Baumgrenze, dort wo sich Murmeltier und Gämse Grüezi sagen und der kreisende Steinadler den Überblick behält. Natürlich fiel dem Hobbyschweizer sofort ein aufgelegter Prospekt im Naturparadies ins Auge, in welchem für die in Bälde anstehenden Innerschweizer Handmähmeisterschaften hingewiesen wird.

Handsensen

Selbst eingefleischter Handmäher nebst Spindel und Kleinsense scheint der Wettbewerbscharakter im bäuerlichen Universum auf einem völlig anderen sportiven Niveau zu liegen, als das kleinliche Nachbarn nerven mittels Motor in der Zwergensiedlung am Wochenende. Wobei, der jüngst verzogene Sepp drei Nachbarn weiter mähte tatsächlich mit der Sense und beim Leichenzug mit Sargwagen durchs Quartier gab der Zuggefährte wirklich Sensenkurse — ohne Quatsch jetzt. Die Wahrheit scheint wie immer auf dem Platz zu liegen, selbst mitten in der Stadt.

Aussicht Ybrig

Bestens angeschwitzt endlich am Grat angelangt (Steinadler, Murmeli und Gämse2 verbucht, gell Jochen!?), bot sich dem hochalpinen Wanderbären eine himmlische Aussicht über Berg und Tal, wofür man glatt eine Kerze anzünden könnte. Gab aber keine in der örtlichen Kapelle, was vielleicht am Feuerverbot liegen mochte. Immerhin hing der Alpsegen gerade.

Alpsegen

Eilends aber immer die Entgegenkommenden brav grüssend (Grüezini sind überall!) weiter zum Mittag und saurem Most, dann über einen Sattel mit Blick auf den wunderschön rosamarmorierten Mythen, Lac des Quatre-Cantons, Gletscher und Berge, Berge, Berge auf zum Sternen, geschwind vorbei am Wildä Maa und wilden Jungbullen hin zu der steril wirkenden künstlichen Zwergensiedlung; Kitsch as Kitsch can, hart an der Sauerstoffgrenze.

Dort wurde dann dem abtrünnigen Ex-Bierbären Bruno mittels Seilrutsche eine rasante Abreibung zu verpasst: für 50 Stutz 110 Sachen, das passt schon prächtig ins voll durchorchestrierte sommerliche Gäste-Konzept.

Wie dort wohl im Winter der Bär steppen wird, wenn die Pistenraupen losgelassen werden und Murmeli und Adler abtauchen müssen, weia…

Porös

Im Glarner Land, oberhalb von Elm am Sernf, gibt es inmitten einer markanten Gebirgskette ein Felsenloch. Zweimal im Jahr schickt die Sonne ihren Morgenstrahl durch das Felsenfenster hinunter ins Tal, wo er auf den dort extra errichteten Kirchturm trifft. Dieser wird jeweils Mitte März sowie Ende September vom Zentralgestirn etwa zwei Minuten lang beschienen. Falls man sich durch das Loch traut, landet man im Nachbarkanton Graubünden; der Ausflugsort Flims ist dann in (Berg-) Wanderdistanz zu erreichen. Allerdings liegt die zu überquerende Passhöhe auf 2600m, und schien für einmal dem Flachlandtiroler nebst Chindsgichind trotz Kaiserwetter noch zu gewagt.

Martinsloch. Tschinger Hörner, Tschingler Alp

Auf dem Weg durch das Sernftal fallen die vielen Verkehrsschilder auf, auf denen Panzer-Limite vermerkt sind. Und tatsächlich ist in Elm eine Übungsanlagen für scharf schiessende Tanks zu finden. Am Vreni-Schneider-Weg vorbei geht es dann zur Talstation der Luftseilbahn Richtung Tschinglen-Alp, wo die Susi wirtet. Obwohl die Saison für Schweizer Berghütten wetterbedingt eher mager war, wird Susi 2015 wieder am Start sein. Ich auch. Und das Loch sowieso.