Heilungsbiotop

1. Juni 2019

Nex Age Spinner Duhm & Lichtenfels fantasieren über freie Liebe.


Aux Armes EU-SALT

20. Mai 2019

Lieber Schengen als pengen — neues Waffenrecht in CH. Howgh.


Einsamkeitsministerium

17. März 2019

Der künftige Single-Staat United Kingdom hat clever vorgesorgt:

The U.K. has appointed a minister for loneliness to deal with what Prime Minister Theresa May called “the sad reality of modern life” for too many people.

in 2017 a British commission found that nearly nine million people in the country either often, or always, feel loneliness — a condition that can have harmful health repercussions.

“It’s proven to be worse for health than smoking 15 cigarettes a day,” Mark Robinson, head of Age UK, Britain’s largest nonprofit working with older people, told the Times.


Jogida

11. Februar 2019


Delikat Essen LXXX

21. Dezember 2018

Dass Frauen im Kanton Tessin und Schwyz am wenigsten zu sagen haben, erstaunt nicht. Dass der Bananenwerfer Doppelbürger ist, wundert niemand in der FCZ-Südkurve. Aber dass Schoggi Nazionale den Rechten nimmer schmeckt, ist eine fette Schlagzeile wert. Die spinnen, die AFDler.


Los Hamburgués

5. Dezember 2018

Hamburg Weltstadt stolz und reich und arm und würdelos. Eine völlig verlebt und zerlumpt aussehende Person schiebt ihre Sieben-Wagen-Karawane, bestehend aus schäbigen Trolleys und Einkaufswagen, wechselweise fünf Schritte das Trottoir entlang. Stau im Pyramidenbau nur Hilfsausdruck. Die Emsigkeit und Akkuratesse dieser seltsamen Performance steht im völligen Kontrast zu der nach wahllos zusammen gelesenen Müll aussehendem Ladung der übervollen Transportmittel. Petflaschen mit trübem Inhalt und andere erbärmliche Habseligkeiten sind eher zu erahnen als erkennbar, weil aus empfundener Scham gegenüber dem rastlos und ungerührt agierenden Menschen einerseits lieber nicht so genau hingeschaut wird, andererseits es nicht wirklich interessiert. Ein trostlos bleiernes Grauschwarz in der vifen Urbanität der agilen Neustadt. Unwirkliche Abscheu gepaart mit Staunen über die fast choreographiert wirkende Aktion stellt sich ein, dazu ein heimlicher Blick zurück. Watsdat?! Aber ja, die anderen Passanten haben es auch gesehen und ebenso sprachlos nicht reagiert. Das Elend in Teutoniens Metropolen wirkt krass im Vergleich zu der helvetischen Insel. Handkehrum fällt der Ex-Sozialministerin aus D das Fehlen solcher Strassenszenen hierorts sofort auf. Selber an der Armutsfront tapfer kämpfend kennen wir natürlich Obdachlose, arme Schlucker, Sans-Papiers und Wanderarbeiter. Aber nicht in solch drastischen Ausschmückungen wie im Harz4land. Sogar im beschaulichen Schwabenländle sind Bettler, Strassenmusikanten und herumlungernde Menschen in den Innenstädten gewöhnlich, in Zürich all dies unter Androhung von Wegweisung aber strikt untersagt. Wenn halbe Zombies durch die Berliner U-Bahn schwankend mit der “haste mal”-Forderung auf Kleingeld drängen, ist für glückselige Inselbewohner derart direkte Konfrontation nur erschreckend. Ein diffuses Gefühl keimt auf: wir sind reich, weil ihr arm seid. Wenig später beim Michel, eine beinah noch groteskere Szenerie. Wo innen wahrhaftig ein Geschäftsführer tituliert, wird aussen überm Hauptportal Satan vom namensgebenden Erzengel stolz mit dem Kreuze bezwungen. Gleich nach dem Sieg dann drinnen das unübersehbare Schild mit der Bitte, gefälligst (s)einen Obulus abzulassen.


Nein zum Ja

27. November 2018

Die eigentlich griffig als «Fremde Richter», dann als «Selbstbestimmungs-Initiative» weichgespülte nationalistische Kampagne ist mit nur einem Drittel der Stimmen an der Urne gescheitert. Die SVP erhält seit dem Schock der Masseneinwanderungs-Initiative von 2014 genügend Contra, um keinen Durchmarsch in Sachen Eigenstaatlichkeit mehr erzwingen zu können. Die ureigenen Klientel werden zwar weiterhin gemäss Stimmanteilen gut bedient, aber es sind eben keine Zuwächse erkennbar. Im Gegenteil: das Zweckbündnis aus Wirtschaftsliberalen, Jungen, und Menschenrechtlern scheint nicht gewillt, der SVP mit ihrer hetzerischen Stimmlage in Sachen EU und Fremdarbeitern den Ton angeben zu lassen. Auch stilistisch hat die Plakatform der Gegner augenscheinlich zugelegt. Zudem verfängt die Angstmacherei momentan nicht, sämtliche Zahlen bei Asylgesuchen und Arbeitsimmigration sind weiter rückläufig. Was natürlich auch an den zuvor aufgebauten hohen Hürden liegen mag. Trotzdem ein feiner Erfolg für die Gutmenschen und Linken, die der dumpfen SVP-Propaganda weiterhin ein Dorn im Auge sein dürften. Und der schmerzt richtig seit die Allianz konkret mit gleicher Münze und koordiniert zurückzahlt: werbetechnisch, finanziell und ideell wird der SVP und ihren Kampagnen keinerlei Freiraum mehr gewährt, der argumentativen Konfrontation nicht (wie früher noch viel zu oft) aus dem Wege gegangen. Für den Hobbyschweizer wieder kurios, wie sich das Volk dreht und wendet und sich am liebsten von Niemanden nasführen lässt.


semper reformanda

25. November 2018

Memento Mori, Tod wartet, semper reformanda

«Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird bald Witwer sein.»

(Søren Aabye Kierkegaard, 1813 - 1855)

Deutschrand

17. September 2018

Der Begriff Heimat hat Hochkonjunktur. Dabei wäre Heimat da am konkretesten, wo ich mir eine Wohnung leisten kann.

Der Begriff der Heimat hat seine Unschuld verloren, er ist nicht mehr nur eine harmlose Form der sentimentalen Selbstverortung, sondern ein Begriff der politischen Abschottung geworden. In dieser Eigenschaft wird er von den Kosmopoliten auch kritisiert, die dagegen Weltoffenheit und Toleranz halten. Allerdings ist das nicht weniger weltfremd, da Solidarität stets auf soziale Exklusivität angewiesen ist. Es gibt keine solidarische Weltgemeinschaft

Koppetsch, Hamburg, Heimat, Fraktur

Die Kosmopoliten nutzen andere Möglichkeiten der Abschottung?

Sie bewohnen die attraktiven Kieze und Innenstadtquartiere, die inzwischen so hohe Mieten und Immobilienpreise aufweisen, dass sich soziale Exklusivität wie von selbst einstellt. Zu den wirkungsvollsten kosmopolitischen Grenzanlagen gehört die kapitalistische Ausrichtung des Lebensstils. Kulturelle Offenheit wird somit kompensiert durch ein hochgradig effektives Grenzregime, das über Immobilienpreise und Mieten, über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen sowie über den Zugang zu exklusiven Freizeiteinrichtungen und Clubs gesteuert wird. Die Abgrenzung erfolgt nicht nach außen, denn hoch qualifizierte MigrantInnen sind hier selbstverständlich willkommen, sondern nach unten.

Für die Kosmopoliten, die Welterfahrenen, bedeutet Heimat allenfalls die Liebe zum regional produzierten Schwarzbrot?

Ja, und die Heimatsuchenden betrachten sie mit Herablassung. Aber sie haben gut reden, da sie zumeist keine Berührungspunkte mit Migranten aus dem globalen Süden aufweisen. Die Perspektive auf die Dinge ändert sich umgehend, wenn ich mit Asylsuchenden in Konkurrenz um Sozialtransfers, Wohnungen, Sexualpartner oder Jobs treten muss.

(Soziologin Cornelia Koppetsch in einem TAZ-Interview, Juli 2018)


Dachbodenfund

1. Mai 2018

Wespennest


Psycho Killer

20. März 2018

Psychometrie, manchmal auch Psychografie genannt, ist der wissenschaftliche Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen zu vermessen. In der modernen Psychologie ist dafür die sogenannte Ocean-Methode zum Standard geworden. Zwei Psychologen war in den 1980ern der Nachweis gelungen, dass jeder Charakterzug eines Menschen sich anhand von fünf Persönlichkeitsdimensionen messen lässt, den Big Five: Offenheit (Wie aufgeschlossen sind Sie gegenüber Neuem?), Gewissenhaftigkeit (Wie perfektionistisch sind Sie?), Extraversion (Wie gesellig sind Sie?), Verträglichkeit (Wie rücksichtsvoll und kooperativ sind Sie?) und Neurotizismus (Sind Sie leicht verletzlich?). Anhand dieser Dimensionen kann man relativ genau sagen, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben, also welche Bedürfnisse und Ängste er hat, und aber auch, wie er sich tendenziell verhalten wird. Das Problem aber war lange Zeit die Datenbeschaffung, denn zur Bestimmung musste man einen komplizierten, sehr persönlichen Fragebogen ausfüllen. Dann kam das Internet. Und Facebook.

(aus: Tagesanzeiger Zürich)

Die Skandalisierung erschöpft sich, der Euphomismus ist asbach1984alt:

Tim Pritlove: «Um US-Präsident zu werden braucht es anscheinend zwei Dinge: Facebook und viel Geld. Zuckerberg hat von beidem reichlich.»


Urban Prayers Zürich

4. März 2018

Bereits die im Bayrischen Rundfunk von 2014 gesendete Hörspielfassung war eine genüssliche Offenbarung. Der globalisierte Chor der Gläubigen fragt im Stück von Autor, Dramatiker und Theatermacher Björn Bicker die Ungläubigen, das Publikum und sich selbst offen, direkt und provokativ:

Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Was wir glauben. Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Wo wir wohnen.
Wo wir schlafen.
Wo wir arbeiten.
Wo wir beten.
Wo wir uns zeigen.
Wo wir uns verstecken. Wovon wir schweigen.
Worüber wir sprechen. Leise. Freundlich. Niemals zu laut.
Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte.
Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören.
Wo wir uns treffen sollten.
Wo wir Euch begegnen könnten.
Wo wir euch begegnen wollen.
Wo wir euch nicht begegnen wollen.
Was glaubt ihr denn, wer ihr seid.
Was glaubt ihr denn, wer wir sind.

Verhandelt wird die City of God, die weitgehend im verborgenen ablaufende Verdichtung der Privatsache Glauben im grossstädtischen Umfeld, einer quasi pseudo-paradiesischen Megalopolis. Wo im Abendland das Morgenland aufgeht, wo christliche Tradition leise vergeht und doch besteht. Wo mehr über- als miteinander gesprochen wird. Der sichtlich multiethnisch und multireligiös aufgestellte Chor ist beim Auftakt des Zürcher Reigens in einer Hinterhofmoschee auf einem kleinen Catwalk untergebracht. Das Publikum hockt in Socken auf dem Teppich. Nach dem Gebetsruf des hauseigenen Imams tritt das Ensemble des Theaters am Neumarkt aus dem (Laien-)Chor ins Publikum hinein und nimmt dort gekonnt variirend teils völlig diametrale Positionen ein, um diese gleich wieder mit und unter den Mitspielern ein- und auszutauschen. Eben noch Jude, und schon Buddhist, gerade noch Katholik und bereits reformiert, doch gerne Schweizer. Nur: Tamilischer Schweizer oder Schweizer Tamile? Gegenteiliges wird von derselben Figur kundgetan, und dann treffen sich alle wieder im Chor, der jetzt nicht mehr einstimmig sondern vielstimmig und nu­an­cen­reich tönt, um sich alsbald aufzulösen, um sich später wieder zu finden. Bicker hat den Text geschickt für die Schweizer bzw. Zürcher Verhältnisse adaptiert, Minarettverbot und Parkplatznot sorgen für heitere Lacher. Aber nichts im Stück ist lächerlich, zu Ernst ist die Sache. Die Abstraktion, Reduktion und Verallgemeinerung auf den Glauben — früher Türke heute Moslem, ach ihr Christen — heizt die Lage und hetzt die Menschen auf und erzeugt zusammen mit jedwedem Fundamentalismus ein Klima der Furcht, obwohl im Grunde doch nur das miteinander Teilen wirklich zählt und im Vordergrund stehen sollte. Und die Liebe.

Der Auftakt war vielversprechend, Theater am und vor Ort hat halt besondere Wirkmacht. Die Compagnie zieht weiter durch diverse Zürcher Gotteshäuser, Tempel und andere Kultstätten und wird zum Abschluss den Jakob missionieren. Ick freu mir schon.


#MeToo

23. Januar 2018

Die Liebe höret nimmer auf, Liebe, Love, Make Love,

Die Coverversion war — stark abhängig von der aktuellen Tanzpartnerin, der hormonellen Grosswetterlage sowie der Dichte des Trockeneisnebels — des Öfteren der ersehnte Stehblues, damals in der Schülerdisco…


Strahlenbad

17. August 2017

Die Harmlosigkeit der Natur übertüncht den hässlichen Ausschlag von Armut, Ausländerfeindlichkeit und Provinzialität. Spürbar, sichtbar und doch sanft eingebettet in das grosse Ganze, in Hügel und tiefe Wälder, Kuhglockengebimmel und meckernde Ziegen, jagende Fledermäuse und rauschende Bäche, äsendes Rotwild und grau harrenden Fischreihern.

Stahlbad, Schwarzwald 2017, Bad Peterstal

Entschleunigung und Prokrastination bekommen artgerechten Auslauf. Putzi & Schmutzi auf Tour: The kids are alright – Kinder brauchen Kinder und ich habe Zeit zum brummen und für den Gesundheitsschnaps, den die trachtengewandete Brennersfrau empfiehlt. Jaja, heute seien alle so auf Gesundheit und Fitness konditioniert, dabei sei ein guter Blutwurz halt verdauungsfördernd und der Meerrettich dort blutreinigend. Meerrrettichschnaps, Schwarzwald, SchnapsDie Dosis sei ja entscheidend, aber Schnaps habe eben einen eher schlechten Ruf heutzutage. Dabei ist der örtliche Champ vielfacher Medaillengewinner bei diversen Spirituosen-Tests und die letztjährige Zwetschge — mit absolut verdienter Goldmedaille — ein wirklich würdiger Vertreter von Land und Leuten, da bekommt der sommerliche Verdunstungsnebel gleich eine positiv besetzte Note.

Unlängst in den Schweizer Kolonien wurden die Mazeration und das Brennen von Spirituosen noch arg laienhaft verhandelt, leidlich befeuert von den 130 Kartäuser Kräutern, welchen ich selbst mitgebracht ausgiebig frönte. Eine leicht befreundete Gartenliebhaberin mit serbischen Wurzeln schien sich spirituell mindestens ebenso gut auszukennen und wollte demnächst, dereinst jedenfalls einmal einen Brennkurs belegen. Ich war nahe dran den Brennofen des offenkundigen Schwarzwälder Meisterbrenners zu besuchen, alleine das arg trübe Wetter und die Verkostung machten mir etwas Sorge. Erziehungspflichten plus Vorbildfunktion gleich demnächst.

Der Wiedereintritt in die heimischen Atmosphäre war heftig, die Bremsfallschirme versagten und die Nachbarin verbat sich die Ruhestörung durch die Fugees. Grüezimiteinand. Zum Glück der Literaturtipp aus Berlin, passenderweise ein zuletzt dort lebendiger Autor, den ich bloss vom Querlesen des Feuilletons her kannte, weil er sich Hirnkrebstodeskrank plangemäss selbst erlöste. Das verfilmte Buch Tschick interessierte mich thematisch nicht, an den Auftritt in Klagenfurt konnte ich mich nicht erinnern, obwohl ich jahrelang die auf 3Sat zelebrierte Vivisektion mit klammheimlicher Freude sogar genoss. In Plüschgewittern ging an mir völlig vorbei, gehörte schlicht nicht zur der zeitgenössischen Posse, meine adoleszente Selbsterfahrung lag seit den 80ern glücklicherweise weit hinter mir. Intellektuelle Unbedarftheit gepaart mit generationsbedingter Ignoranz also. Sand wurde von Vorleserin Tiger empfohlen, und ich forschte erstmal im Netz. Kam auf des Autors Blog «Arbeit und Struktur», in dem er die Zeit zwischen erkannter Erkrankung und selbst gewähltem Tod unbarmherzig und witzig zugleich beschreibt. Nein, auch nicht mein Thema, zumal das ungute Ende leider bereits feststeht und man für die Katharsis selber zuständig ist. Wobei ich mir momentan nicht völlig sicher bin, was denn überhaupt mein akutes Thema ist. Etwa Dauerbrummen?! Der Trafikant war historisch angelegt, Die Hütte ungemein evangelikal, Der neue Berg unterhaltsam leicht letztjahrhundrig. Herrndorf da quasi Frischfleisch.

Beim ziellosen Flanieren dann, gleich neben dem Kafi Paradiesli in Hottingen, fast vorbei an einem 350 Jahre alten Haus mit Heimatschutzschild das interessierte, lag das gedruckte Blog als Taschenbuch gratis angepriesen auf einem Fenstersims zur freien Verfügung. Verblüfft las ich im Stehen jene Stellen die ich aus dem Internet bereits kannte, las das Impressum, ja, das ist der Kerl mit seiner Geschichte, war unschlüssig und äugte kurz durchs Fenster, wo eine Frau gerade ihr ebenerdiges Büro betrat, nickte ihr unmerklich zu und ging mit dem Buch in Händen ins Paradies.

Feigenbaum, Kronleuchter, Pradiesli

Dort hing ein Kronleuchter in einem Feigenbaum, ich platzierte mich darunter und las bis Seite 47, gute drei Jahre vor dem Ende, wo steht:

Wir treffen uns wieder in meinem Paradies
Und Engel gibt es doch
In unserem Herzen lebst du weiter
Einen Sommer noch
Noch eine Runde auf dem Karussell
Ich komm´ als Blümchen wieder
Ich will nicht, dass ihr weint
Im Himmel kann ich Schlitten fahren
Arbeit und Struktur

Hm. Das Todesurteil hat ein jeder im Gepäck, nur geht das gerne vergessen. Also ein Sterbejournal im Spätsommer, passt schon irgendwie, roll ich das Feld halt von hinten auf, schon weil ichs kann. Just in der Zeit des Krebsblogs («Was Status betrifft, ist Hirntumor natürlich der Mercedes unter den Krankheiten. Und das Glioblastom der Rolls-Royce. Mit Prostatakrebs oder einem Schnupfen hätte ich diesen Blog jedenfalls nie begonnen.») hat Herrndorf wie mit Vollgas auf der Überholspur sowohl Tschick wie Sand geschafft, Respekt.

Die angehende Meerjungfrau brachte mich wieder ins Jetzt. Blogs sind zwar mittlerweile ziemlich out und meist gewöhnlich, aber nicht völlig grundlos. Dieses hier ist auch für Stella Marie, weil das Netz nichts vergisst und alles bei Bedarf wiedergibt.


Entebbe

6. Juli 2017

Am Jahrestag der Operation Entebbe wurde im Volkshaus Zürich eine Diskussionsrunde über die Anti-Israelische Organisation BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) abgehalten. Vor der Tür äusserten die BDS-Aktivisten ihre «Apartheid»-Vorwürfe plakativ, drinnen gab es einen zunächst theoretisch-historischen Diskurs über die Hintergründe und Entstehung von BDS. Darüber hinaus wurde das Verhältnis der Linken zu Israel beleuchtet und an Entebbe 1976 und den Golfkrieg 1990/91 erinnert, was in beiden Fällen zu erbitterten Auseinandersetzungen innerhalb der emanzipatorischen Linken führte. Bei der Flugzeugentführung 1976 fand unter massgeblicher Beteiligung westdeutscher Kämpfer eine Selektion von Israelischen Staatsbürgern statt. 1990 ging es um das Existenzrecht Israels angesichts irakischer Scud-Raketenangriffe. Laut Referent Alex Feuerherdt sollte es gerade für aufgeschlossene Linke die vornehmste Aufgabe sein, den reflektorischen Antisemitismus in der Linken gesamthaft zu hinterfragen.

Der 2005 u. a. von Omar Barghoudi gegründete BDS fordert den völligen Abbruch aller Gespräche mit Israel, Stichwort Antinormalisierungskultur. Der Staat Israel fungiert in BDS-Augen als kollektiver Jude, wird in Kollektivhaft genommen und gilt als Paria-Staat. Letztlich ginge es BDS gar nicht um die Belange der Palästinenser, sondern um die Existenz Israels. Wie auch in der jüngst von ARTE-TV zunächst nicht ausgestrahlten Dokumentation deutlich gemacht wurde, entstanden aus anfänglich 500.000 bis 700.000 Flüchtlingen über die Vererbung des Flüchtlingsstatus heute 5 Millionen palästinensische «Heimatvertriebene». Eine eigenständige UN-Organisation (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East/UNWRA) kümmert sich ausschliesslich um deren Belange, wird vom Westen alimentiert und ist nach der palästinensischen Regierung der grösste Arbeitgeber in Gaza und Westjordanland. Für den ganzen Rest der momentan weltweit 65 Millionen Flüchtlingen fungiert übrigens der eigentlich zuständige UNHCR!

Aus dem Finanztopf der UNWRA finanzierte Lehrer, Schulbücher und Schulen sorgen weiter für eine einseitige Tradierung der historischen Ereignisse, wo nur dem Palästinensischem Volk ein Heimatrecht zugesprochen wird, nicht aber der ebenfalls lange ansässigen jüdischen Bevölkerung. Gleichzeitig bleibt unklar wohin und wie die Geldströme fliessen, da UNWRA quasi von den Palästinensern selbst ohne UN-Kontrolle geführt wird. Im Gegensatz zur palästinensischen Gesellschaft und den arabischen Nachbarstaaten existiert in Israel eine vergleichsweise offene Gesellschaft, die palästinensische Bevölkerung hingegen wird als Faustpfand von Israel-Gegnern missbraucht.

Obwohl der BDS sich weitgehend um sich selbst dreht und bislang keine wirtschaftspolitischen Erfolge erreichen konnte, bleibt er eine Gefahr für ausserhalb Israels lebende Juden wegen der einseitigen Stimmungsmache und schafft so ein Klima von Hass und Antisemitismus.


L´chaim

4. Mai 2017


Secondo Front

17. Februar 2017

Ausländer ist man bekanntlich fast überall auf der Welt, so auch in der Schweiz. Eine kulturpolitische Intervention versuchen die Macher vom Salon Bastarde. Idealerweise fand der Kickoff im Zürcher Club EXIL statt.

Salon Bastarde, Uslaender, Secondos, kulturelle Intervention

Die normative Kraft des Faktischen wurde betont und Jurzcok verhandelte diese genial absurd unter dem Stichwort Scheinbevölkerung. Bis zur zweiten Generation besitzen beinahe 40% einen Migrationshintergrund, und bilden in manchen Städten bereits die Mehrheit. Der von den überraschenden Resultaten jüngster eidgenössischer Initiativen ausgehende Schwung gelte es mitzunehmen. Spoken Word und Rap, eine dauerassimilierte Nationalrätin, Interviews und szenische Rück- und Ausblicke auf Fremd- und Gastarbeiter, Flüchtlinge und Migration generell öffneten Augen, Ohren und Herz und machten viel Mut und gute Laune. Die Schweiz bewegt sich doch.


Wahl der Qual

6. November 2016

US 2016, US Election 2016, Hilary Trump


Hass hilft

11. Oktober 2016

hass hilft


Gewissensbisse

1. Oktober 2016

Ein weisser T3 Minibus inkusive am Dach angebrachter Ausleger für Licht- und Tonanlage reicht völlig, um an das Gewissen zu appellieren. Das ambulantes Strassentheater von Laura Huonker und ihrer Kleincompagnie «rock the babies» verhandelt mit ihrem Rollenden Gewissen und minimer Technik beeindruckende Szenen zum Thema Was ist das Gewissen?

Rock the babies, Gewissensbus, Laura Huonker, Mona Petri

Ein auf dem Wagendach thronendes Supergewissen, das fragmentarische vorgetragene Sätze erst gar zu Ende spricht, sondern dem Publikum Platz lässt für eventuell lückenfüllende Gewissensbisse eröffnet den munteren Reigen der Gewissensfragen. Im Kleinbus zuvor aufgezeichnete Interviews mit Passanten zum Generalthema Was-Wo-Wie-Warum-Wann-Gewissen werden als Zwischenszenen projiziert. Es geht um Sexismus, Manipulation, Gewissenskonflikt. Eine Spieluhr klimpert den Lennon-Song Imagine, während auf einem Overheadprojektor Bilder gezeichnet, anschliessend mit Verdünner und Pfauenfeder modifiziert bis hin zur völligen Unkenntlichkeit immer mehr verwischt werden. Gewissensauslöschung. Dann tauchen die unbeantwortbaren Fragen der unsäglichen Gewissensprüfung bundesdeutscher Wehrdienstverweigerer wieder auf, «Was würden sie machen, wenn Wald, Russe, Freundin». Originalaussagen von Adolf Eichmann und Lance Armstrong bieten ein dokumentarisches Stelldichein, welches von den zutiefst ehrlich wirkenden Interviewschnipseln wiederum konterkariert wird. Eine systembedingte Gewissenslosigkeit wird offenbar und das Ganze mündet in dem Verweis auf die Tragödie von Antigone, die vom Gewissen getrieben Suizid begeht.

Das da capo vom rührseligen Imagine umrahmt die finale Wiederholung aller gestellten Interviewfragen, und nach dem Schlussapplaus wird verlautbart, dass dies ein weiterhin offenes Projekt sei, dass der Gewissensbus weiterziehe, weiter Fragen stelle, um unser aller Gewissen möglichst umfassend abbilden zu können.

Eine starke Vorstellung. Und Mona Petri ist einfach toll!

I hope someday you’ll join us
And the world will live as one