Testflug

Der rasender Reporter hat den Erstflug am Freitag den 13. selbstverständlich wohlbehalten überstanden. Aberglaube bringt Unglück. Sowieso. Gesamteindruck BER ruhig aber bestimmt, viel Platz im Abfertigungsgebäude, längst nicht alle Lokalitäten eröffnet, was dem überpünktlichen Fluggast eine lange Weile verschuf. Auffällig die Mercedessterne allerorten, doch für einen Kauf der Namensrechte ist BER vermutlich ein My zu lahm für die Daimlers. Vielleicht reicht es ja für Tesla…

Imposant die wirklich grosse und beinahe unüberschaubare Parkflotte von Platzhirsch Lufthansa und Easy Jet, bei Maschine Nr. 50 hat unser mutiger Vielflieger das Zählen eingestellt. Bestimmt alle in Quarantäne. Sehr pittoresk bei Nacht natürlich die bunte Pistenbeleuchtung, besser geht es fast nicht, da die schiere Grösse des Flugfeldes ein beindruckendes Lichtspektakel in gelb, orange, blau, violett und weiss bietet. Hier ein Blinken, dort ein Leuchten und hinten ein Funkeln. Ganz grosses Kino. Leider fliegen die Flieger nicht mehr um den Fernsehturm der grossen Stadt, im rechten Seitenspiegel war das rhytmische Leuchtfeuer im Steigflug klar auszumachen.

Fliegen selbst wie immer: erst rauf, dann runter und zwischendurch ein Erfrischungsgetränk. Kleine Schoggis hält Swiss immer als Giveaway vor, jöö wie härzig! Nur blöd, wenn sich der Dutyfreerum im Rollkoffer verflüssigt und breit macht, doch ist daran bestimmt nicht der Freitag schuld.

Los Hamburgués

Hamburg Weltstadt stolz und reich und arm und würdelos. Eine völlig verlebt und zerlumpt aussehende Person schiebt ihre Sieben-Wagen-Karawane, bestehend aus schäbigen Trolleys und Einkaufswagen, wechselweise fünf Schritte das Trottoir entlang. Stau im Pyramidenbau nur Hilfsausdruck. Die Emsigkeit und Akkuratesse dieser seltsamen Performance steht im völligen Kontrast zu der nach wahllos zusammen gelesenen Müll aussehendem Ladung der übervollen Transportmittel. Petflaschen mit trübem Inhalt und andere erbärmliche Habseligkeiten sind eher zu erahnen als erkennbar, weil aus empfundener Scham gegenüber dem rastlos und ungerührt agierenden Menschen einerseits lieber nicht so genau hingeschaut wird, andererseits es nicht wirklich interessiert. Ein trostlos bleiernes Grauschwarz in der vifen Urbanität der agilen Neustadt. Unwirkliche Abscheu gepaart mit Staunen über die fast choreographiert wirkende Aktion stellt sich ein, dazu ein heimlicher Blick zurück. Watsdat?! Aber ja, die anderen Passanten haben es auch gesehen und ebenso sprachlos nicht reagiert. Das Elend in Teutoniens Metropolen wirkt krass im Vergleich zu der helvetischen Insel. Handkehrum fällt der Ex-Sozialministerin aus D das Fehlen solcher Strassenszenen hierorts sofort auf. Selber an der Armutsfront tapfer kämpfend kennen wir natürlich Obdachlose, arme Schlucker, Sans-Papiers und Wanderarbeiter. Aber nicht in solch drastischen Ausschmückungen wie im Harz4land. Sogar im beschaulichen Schwabenländle sind Bettler, Strassenmusikanten und herumlungernde Menschen in den Innenstädten gewöhnlich, in Zürich all dies unter Androhung von Wegweisung aber strikt untersagt. Wenn halbe Zombies durch die Berliner U-Bahn schwankend mit der “haste mal”-Forderung auf Kleingeld drängen, ist für glückselige Inselbewohner derart direkte Konfrontation nur erschreckend. Ein diffuses Gefühl keimt auf: wir sind reich, weil ihr arm seid. Wenig später beim Michel, eine beinah noch groteskere Szenerie. Wo innen wahrhaftig ein Geschäftsführer tituliert, wird aussen überm Hauptportal Satan vom namensgebenden Erzengel stolz mit dem Kreuze bezwungen. Gleich nach dem Sieg dann drinnen das unübersehbare Schild mit der Bitte, gefälligst (s)einen Obulus abzulassen.

Sprachverlust

Wenn es jemanden die Sprache komplett verschlägt, muss schon ein ziemlich einschneidendes Erlebnis vorangegangen sein. Eine solche traumatische Blockade ist meiner Mutter widerfahren, nachdem sie als Kind ihr Heimatland verlassen musste und fortan kein ungarisches Wort mehr sprach. Etwa eine halbe Million Donauschwaben wurden nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus Ungarn deportiert. Der Treck führte westwärts nach Bayern, wo die Ungarndeutschen versuchten sich in einer für sie neuen und fremden Welt wieder zu etablieren.

Donauschwaben, Flucht Donauschwaben

Zwanzig Jahre später folgte dann der erste Besuch in der inzwischen fremd gewordenen Heimat, wo ein nicht unerheblicher Rest der Verwandtschaft als deutschsprachige Minderheit verblieb. Im Geburts- und Elternhaus wohnten inzwischen Fremde, aber innerhalb der ortsansässig gebliebenen Familie wurde der altertümliche klingende donauschwäbische Dialekt gesprochen und meine Mutter konnte mitreden. Selbst heute ist die sog. Schwäbische Türkei die noch immer grösste deutsche Sprachinsel in Ungarn. Nach weiteren Besuche in der alten Heimat ging meine Mutter schliesslich ihren Sprachverlust in einem Sprachkurs an und erarbeite sich die verlernte ungarische Aussprache noch einmal.

Ausländer

Krieg und Flucht hinterlassen nach Erkenntnissen vom Konstanzer Epigenetiker und Neuropsychologen Thomas Elbert* ihre traumatischen Spuren aber nicht nur im Gehirn der Betroffenen, sondern auch in deren Erbgut. Zwar ändere sich das Genom nicht selbst, wohl aber die genetische Lesart und hat so direkte Auswirkungen auf Hirnstruktur, Hormonhaushalt und Nervensystem des Kindes — das Kind reagiert schlicht sensibler auf seine Umwelt; Elbert spricht von einer verstellten Stressachse:

Jetzt kommt das Kind mit dieser vorprogrammierten Stressachse zur Welt und wird sozusagen mehr aufmerksam auf eine Welt: hier lauern Gefahren auf mich und ist daher weniger explorativ, aber ängstlicher und vunerabler für psychische Störungen.

Auswanderung

Elberts Ansatz zur Traumabewältigung beinhaltet eine eigentlich alte Technik, nämlich die erzählte Leidensgeschichte, welche von ihm einschliesslich der Gefühle rekapituliert, schriftlich fixiert und den Opfern übergeben wird. Diese quasi beglaubigte Lebensgeschichte ermöglicht den Betroffenen Gefühl und Ereignis wieder zusammen zu bringen, eine Vervollständigung der Erinnerung, welche helfen soll, wieder die Kontrolle über seine Gefühle zu gewinnen.

Die Situation am Ende des Zweiten Weltkriegs wird unterschätzt, weil man sie vollständig tabuisiert hat: man durfte nicht zugeben, dass man traumatisiert war. Wir haben in den letzten Jahren nochmal die Frauen befragt, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben und jetzt natürlich schon auf die 90 zugehen: 20% der Frauen sagen, sie sind vergewaltigt worden und haben es nie jemanden gesagt. Jetzt kurz vor dem Tod sei es auch egal, jetzt kann ich mal auf den Tisch legen, was passiert ist. Es war die Unfähigkeit in der Nachkriegsgesellschaft darüber zu sprechen, die zu viel stillem Leid geführt hat.

Das verlogene Narrativ des Integrationswunders im Nachkriegsdeutschland, die Erfolgsstory von Aufschwung und Integration camouflierte perfekt die gleichzeitige vonstatten gehende Verdrängung von Schuld und Vergangenheit.

Damals gab es ca. 13 Millionen Rucksackdeutsche; heute schätzt das UNHCR die Zahl der weltweit Vertriebenen auf ca. 60 Millionen liegt — ein mutmasslich nicht zu bewältigendes Trauma per se.

* Professor Thomas Elbert ist u. a. Vorstandsmitglied von “vivo international” (victims voice), die mit Überlebenden organisierter Gewalterfahrungen arbeitet.

FdGO > Gott

(…) Viele Menschen, die jetzt zu uns kommen, werden mehr lernen müssen als nur die deutsche Sprache. Wir müssen ihnen den freiheitlichen Besitzstand unseres Landes vermitteln – und zwar nicht irgendwann, sondern vom ersten Tag an. Jeder Flüchtling sollte auf dem Kopfkissen seines Betts im Notaufnahmelager einen Willkommensbrief in seiner Sprache vorfinden.

Ein klarer Willkommensbrief für alle Flüchtlinge

„Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann, willkommen in Deutschland! Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgestanden: Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch die halbe Welt. Das ist nun vorbei. Sie werden in Deutschland weder hungern noch dursten noch frieren noch um ihr Leben fürchten müssen, denn Deutschland ist ein reiches und friedliches Land.

Gegen die kleine Minderheit von Deutschen, die Gewalt gegen Flüchtlinge anwendet, wird dieser Staat mit aller Härte seiner Gesetze vorgehen. Dass Deutschland ist, wie es ist, verdanken wir nicht nur, aber auch Gesetzen, Regeln und Konventionen, von denen sich manche deutlich unterschieden von jenen, die Sie aus Ihrer alten Heimat kennen. In diesem Land, so hat es viele Jahre vor Angela Merkel einst ein anderer deutscher König gesagt, darf jeder auf seine Art glücklich werden.

Viele der Regeln, die bei uns gelten, sind im sogenannten Grundgesetz nachzulesen. Das Grundgesetz steht bei uns über dem Koran, der Bibel oder jedem anderen Buch, und sei es noch so heilig. Eine Übersetzung des Grundgesetzes in Ihre Sprache liegt am Heimeingang aus, gleich neben den Stapeln mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948, die wir dort ebenfalls in vielen Sprachen für Sie bereitgestellt haben.

Wir können hier nicht auf alle deutschen Gesetze, europäischen Werte und allgemeinen Regeln eingehen, weshalb wir nur einige Beispiele aufzählen, die wir vor allem unsere männlichen Leser aufmerksam zu studieren bitten:

Bei uns sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Das beginnt schon in der Schule, wo Mädchen selbstverständlich am Schwimmunterricht und an Klassenfahrten teilnehmen. Und sollten Ihre Töchter oder Schwestern später mit einem Mann zusammenleben wollen, der einer anderen Nation oder Religion angehört, dann ist das in Deutschland kein Verbrechen.

Wenn Sie, liebe Väter oder Brüder, Ihre volljährigen Töchter oder Schwestern hingegen gewaltsam daran zu hindern suchen, ihr Leben so zu leben, wie sie das wünschen, dann ist das durchaus ein Verbrechen. Dafür kann man in Deutschland ins Gefängnis kommen.

Vergessen Sie am besten alles, was Sie in Ihrem Land über „Ehre“ oder „Schande“ für die Familie gehört haben – die meisten dieser Vorstellungen gelten bei uns nämlich nicht, manche sind sogar verboten. Es ist in Deutschland übrigens auch erlaubt, dass Männer Männer oder Frauen Frauen lieben und gemeinsam eine Familie gründen. Niemand kommt deshalb ins Gefängnis.

Die meisten von Ihnen teilen solche Auffassungen vom Zusammenleben der Menschen gewiss ohnehin, denn Sie sind ja zu uns gekommen, um endlich in Frieden und Freiheit zu leben. Sollten Sie diese Ansichten jedoch ablehnen, ist es besser, wenn Sie unser Land rasch wieder verlassen – denn Deutschland kann und will keine Heimat sein für Menschen, die sich diesen Regeln nicht beugen.

Da können wir leider null Toleranz zeigen. Mit herzlichem Gruß, Ihr Deutschland.“

Formulierungsvorschlag von Michael Martens in der FAZ vom 14.9.2015 – merci Fee P.

Bankrun

Falls in der Schweiz ein Run auf die Franken-Automaten anstünde, wäre er wahrscheinlich eher gesittet, wie das hilfsbereite Post-it eines Bankomaten-Kunden erahnen lässt. Ausserdem beruhigend: das Land besitzt sowieso mehr als genug Geldreserven.

Bankomat, Geldautomat leer, Schweizer Höflichkeit, Sozialkompetenz

Zudem wird der Eidgenosse ständig daran erinnert Vorräte anzulegen «Kluger Rat — Notvorrat», wobei der Armeechef natürlich mit gutem Beispiel stets vorweg marschiert. Gut, der letzte Sonnensturm ging nochmal glimpflich ab, aber steht nicht der Russe Flüchtling Grieche bereits draussen vor der Türe?

unfuck greece, greece 2015, EU, Euro 2015