Licht

3. Dezember 2019


Blase

20. Oktober 2019

Die  Klima-Welle hat die Wahl-Schweiz behutsam überschwemmt, beide Grünparteien im Plus und zusammen nominell stärker als die SP. Die Gut-Bürgerliche Mehrheit war jedoch nie in Gefahr, zumal Grün schon lange wenn nicht schon immer ziemlich bourgois ist – da ist klar, dass eine ausgesprochene Arbeiterpartei es besonders schwer hat. Ausser im Ex-Preussischen Kanton Neuenburg wird kein Parlamentsitz gewonnen, da helfen rote Luftballons nicht weiter, wobei derart Wahlkampfriten in Legokritischen Zeiten sowieso fragwürdig sind. Aerostaten sind reichlich kontraproduktiv, wenn sogar jedes Kind weiss, dass es bis zur Verrottung solcher Gummiblasen 160 Jahre dauern kann, falls nicht vorher ein Fisch oder Mensch anbeisst. Vermutlich fehlt Kommunismus à la PDA schlicht der notwendige Biss.


Shop till drop

18. Oktober 2019


Heilungsbiotop

1. Juni 2019

Nex Age Spinner Duhm & Lichtenfels fantasieren über freie Liebe.


Frauen*streik

10. April 2019
Woman is the nigger of the world. (Yoko Ono 1969)

Zum 14. Juni 2019 wird in der Eidgenossenschaft von den Gewerkschaften, verschiedenen Parteien und feministischen Gruppen zum nationalen Frauenstreik aufgerufen. Vor fast 30 Jahren führte ein  auch von bürgerlichen Schichten getragener Streiktag in der Folge immerhin zu einem formalen Gleichstellungsgesetz. Dessen mangelhafte und noch lange nicht vollständige Umsetzung soll am diesjährigen Streiktag deutlich thematisiert und auf die weiterhin bestehende Lohnungleichheit, Diskriminierung, sexuelle Belästigung und ungleiche Verteilung von Care-Arbeit protestierend hingewiesen werden.

Für Männer gibt es eine korrekte Hilfestellung von sozialismus.ch:

Woman is the slave to the slave. (John Lennon 1972)

Prima Klima

6. April 2019

Früher war no future heute more. «Gopfrid Stutz jäzz Klimaschutz!» lautet eine der Parolen. Auffällig viele Grosseltern und Eltern. Samstags muss kein Unterricht oder Job geschwänzt werden, und so sind es zu Zürich sicher um die 20.000 Mitläufer.

Kleine und grosse Leute, rote und schwarze Fahnen, Pfadis aus Belgien («On est plus chauds que le climat!») und klimastreikende Frauen, die schon jetzt zum Frauenstreik am 14. Juni aufrufen. Manche müssen erst noch lernen ihr Transparent

plakativ zu gestalten, andere sind Dosenbier trinkend schon nach wenigen Metern nicht mehr ganz klimaneutral und ziemlich heiser. Einige grüssen, Kundschaft aus der weiten Gemeinde und ich frage mich, wo und wie man den Funk nach Frankfurt zur Zeitmessung unterbricht. Eine Turmuhr zeigt in der Stadt bereits fünf vor zwölf.

Alle sind gut drauf, sogar die Nachhut, welche mit Abfallgreifern und Kübeln ausgerüstet all das aufsammeln, was die Vorgänger auf dem Weg verloren bzw. liegen haben lassen. Saubere Sache denke ich noch, Schweiz nur Hilfsausdruck.


Los Hamburgués

5. Dezember 2018

Hamburg Weltstadt stolz und reich und arm und würdelos. Eine völlig verlebt und zerlumpt aussehende Person schiebt ihre Sieben-Wagen-Karawane, bestehend aus schäbigen Trolleys und Einkaufswagen, wechselweise fünf Schritte das Trottoir entlang. Stau im Pyramidenbau nur Hilfsausdruck. Die Emsigkeit und Akkuratesse dieser seltsamen Performance steht im völligen Kontrast zu der nach wahllos zusammen gelesenen Müll aussehendem Ladung der übervollen Transportmittel. Petflaschen mit trübem Inhalt und andere erbärmliche Habseligkeiten sind eher zu erahnen als erkennbar, weil aus empfundener Scham gegenüber dem rastlos und ungerührt agierenden Menschen einerseits lieber nicht so genau hingeschaut wird, andererseits es nicht wirklich interessiert. Ein trostlos bleiernes Grauschwarz in der vifen Urbanität der agilen Neustadt. Unwirkliche Abscheu gepaart mit Staunen über die fast choreographiert wirkende Aktion stellt sich ein, dazu ein heimlicher Blick zurück. Watsdat?! Aber ja, die anderen Passanten haben es auch gesehen und ebenso sprachlos nicht reagiert. Das Elend in Teutoniens Metropolen wirkt krass im Vergleich zu der helvetischen Insel. Handkehrum fällt der Ex-Sozialministerin aus D das Fehlen solcher Strassenszenen hierorts sofort auf. Selber an der Armutsfront tapfer kämpfend kennen wir natürlich Obdachlose, arme Schlucker, Sans-Papiers und Wanderarbeiter. Aber nicht in solch drastischen Ausschmückungen wie im Harz4land. Sogar im beschaulichen Schwabenländle sind Bettler, Strassenmusikanten und herumlungernde Menschen in den Innenstädten gewöhnlich, in Zürich all dies unter Androhung von Wegweisung aber strikt untersagt. Wenn halbe Zombies durch die Berliner U-Bahn schwankend mit der “haste mal”-Forderung auf Kleingeld drängen, ist für glückselige Inselbewohner derart direkte Konfrontation nur erschreckend. Ein diffuses Gefühl keimt auf: wir sind reich, weil ihr arm seid. Wenig später beim Michel, eine beinah noch groteskere Szenerie. Wo innen wahrhaftig ein Geschäftsführer tituliert, wird aussen überm Hauptportal Satan vom namensgebenden Erzengel stolz mit dem Kreuze bezwungen. Gleich nach dem Sieg dann drinnen das unübersehbare Schild mit der Bitte, gefälligst (s)einen Obulus abzulassen.


Volksmission

5. November 2018

Die ursprünglich aus dem Kongo stammende Eglise Eternel est Bon wird von einer überaus stimmgewaltigen Frontfrau leidenschaftlich unterstützt:

Evangelisation der Migrationskirche GBG Samstags 15 Uhr Stauffacher

Auffällig hierbei: die Propagandisten mit dem dunkleren Teint bleiben völlig im Hintergrund. Betont zurückhaltend, fast im Kontrast zur lautstarken Mission, jedenfalls keineswegs offensiv offerieren sie ihre kleinen bunten Flyer mit Hinweisen auf ihre in Suburbia beheimatete Gemeinde. Ein Junge überreicht mir schüchtern eines der Pamphlete. Die lärmende Aktion dauert genau eine Stunde, nonstop wird den Passanten gepredigt, kaum jemand interessiert sich dafür, doch die eifrige Verkünderin bleibt verblüffend ausdauernd.

Genauso wie die in Schildkrötenformation aufgestellten Veganer nebenan. Diese verharren stoisch — auch dank ihrer Guy-Fawkes-Masken. Sie verdeutlichen bildhaft das Elend der Tiere mittels ihrer bereit gehaltenen Laptops. Schocktherapie. Als Satelliten tätige Aktivisten verteilen dazu Infomaterial und beantworten Fragen. Schliesslich kommt ein ganz in Scharz gewandeter und schier endlos erscheinender Bandwurm um die Ecke — eine Schweigedemo im Gänsemarsch, welche trauernd auf leider immer noch real existierende Sklaverei und Menschenhandel in der Welt hinweist. Der Zug ist lang und beeindruckt. Die enervierende Schreierei der furios auftretenden Konkurrenz wird glücklicherweise lautlos erstickt.

Jesus lebt.


Auch das noch

5. Oktober 2018

 


Deutschrand

17. September 2018

Der Begriff Heimat hat Hochkonjunktur. Dabei wäre Heimat da am konkretesten, wo ich mir eine Wohnung leisten kann.

Der Begriff der Heimat hat seine Unschuld verloren, er ist nicht mehr nur eine harmlose Form der sentimentalen Selbstverortung, sondern ein Begriff der politischen Abschottung geworden. In dieser Eigenschaft wird er von den Kosmopoliten auch kritisiert, die dagegen Weltoffenheit und Toleranz halten. Allerdings ist das nicht weniger weltfremd, da Solidarität stets auf soziale Exklusivität angewiesen ist. Es gibt keine solidarische Weltgemeinschaft

Koppetsch, Hamburg, Heimat, Fraktur

Die Kosmopoliten nutzen andere Möglichkeiten der Abschottung?

Sie bewohnen die attraktiven Kieze und Innenstadtquartiere, die inzwischen so hohe Mieten und Immobilienpreise aufweisen, dass sich soziale Exklusivität wie von selbst einstellt. Zu den wirkungsvollsten kosmopolitischen Grenzanlagen gehört die kapitalistische Ausrichtung des Lebensstils. Kulturelle Offenheit wird somit kompensiert durch ein hochgradig effektives Grenzregime, das über Immobilienpreise und Mieten, über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen sowie über den Zugang zu exklusiven Freizeiteinrichtungen und Clubs gesteuert wird. Die Abgrenzung erfolgt nicht nach außen, denn hoch qualifizierte MigrantInnen sind hier selbstverständlich willkommen, sondern nach unten.

Für die Kosmopoliten, die Welterfahrenen, bedeutet Heimat allenfalls die Liebe zum regional produzierten Schwarzbrot?

Ja, und die Heimatsuchenden betrachten sie mit Herablassung. Aber sie haben gut reden, da sie zumeist keine Berührungspunkte mit Migranten aus dem globalen Süden aufweisen. Die Perspektive auf die Dinge ändert sich umgehend, wenn ich mit Asylsuchenden in Konkurrenz um Sozialtransfers, Wohnungen, Sexualpartner oder Jobs treten muss.

(Soziologin Cornelia Koppetsch in einem TAZ-Interview, Juli 2018)