Parteiisch


Trudi Weinhandel war eine Frauenrechtlerin, religiöse Sozialistin und Heilige. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend hat sie sich zeitlebens konsequent für Freiheit und Gerechtigkeit eingesetzt. Mit Hilfe der Suizidbegleitung EXIT ist sie kurz vor ihrem 91. Geburtstag aus dem Leben geschieden.
Bei der stimmungsvollen Abdankung wurde Die Internationale von den anwesenden Gästen verblüffend textsicher vorgetragen. Ein Spontanentscheid sprach die vor Ort gesammelte Kollekte den Roten Falken zu. Auf dem Weg zum Postschalter reichts noch für eine kurze Stippvisite bei August Bebel vis-à-vis auf dem Friedhof Sihlfeld – Freundschaft!

Cliffhanger

Ob die permanente Krise des Kapitals nun systemrelevant ist, wird sich noch weisen. Der selbst reproduzierende Kapitalismus in all seinen globalen Mutationen ist ja bereits der resistente Virus par excellence.

Aus noch sämtlichen Konflikten, gerade und besonders denjenigen, welche kriegerisch ausgetragen werden, geht der krisenerprobte Kapitalismus als strahlender Held & Sieger hervor, scheinbar sämtlichen Gegnern hoch überlegen. Als Alleinherrscher über den Wert – schöpfend und verteilend – gleicht die Abhängigkeit des Einzelnen der eines Junkies. Fetisch Geld gilt als Grundstoff von Austausch und Kommunikation, als universelles Schmiermittel in den Beziehungen der Menschen untereinander. Seit aus Jägern und Sammlern besitzende Hirten und Sesshafte wurden, gewinnt das schwarze Loch der Kapitalisierung von Arbeit und Leben zunehmend an Sogkraft. Dass gerade jetzt, wo viele Menschen «frei gesetzt» werden, keine organisierten Demonstrationen möglich sind, ist kurz vor dem 1. Mai doppelt bitter. Angesichts anhaltender Kontaktsperre lässt sich selbst durch den Schleier von Notverordnung, Versammlungsverbot und Contact-Tracing unschwer die Dystopie von dominanter Exekutive und wachsender sozialer Unzufriedenheit erahnen – Apocalypse now, Revolution later.

Foreign Virus

Nein, das Kapital hat nichts zu befürchten. Dieses Virus wird zwar mit einigen Gewissheiten aufräumen. Das weltweite Privateigentum allerdings wird, so viel ist sicher, hierzulande auch in Zukunft Asyl finden. Denn ganz im Gegensatz zu flüchtenden Menschen übertragen Sach- und Geldwerte keine ansteckenden Krankheiten.

Und deshalb gewährt man auch den Malern und den Gipsern eine Ausnahme von den geltenden Hygieneregeln: Die Handwerker können den Sicherheitsabstand nicht einhalten. Eigentlich müsste man die Baustellen deswegen schließen. Aber das wäre unverhältnismäßig. Erstens ist das Baugewerbe systemrelevant, und zweitens handelt es sich bei dieser Berufsgruppe in erster Linie nicht um Schweizer, sondern um Ausländer.

              Essay von Lukas Bärfuss über den Virus und die Schweiz

Senizid

In Krisenzeiten wie heute kämpfen in gewohnt übler Manier Natur und Wirtschaft als bloss vorgeschobene Player, das nur Wohlhabende selig machende Goldene Kalb wird von der neoliberalen Denke überhöht. Und schon kommt ein zynisches Statement wie vom Vize-Gouverneur des US-Gliedstaates Texas daher, in dem es unverblümt heisst, Ältere sollten besser sterben bevor die Wirtschaft abstirbt. Stillschweigend wollte man im Vereinten Königreich zunächst auf Herdenimmunität setzen, ehe mathematische Modelle warnend eine abrupt hohe Zahl von Todesopfern prognostizierten. Sozialdarwinismus bleibt moralisch und gesellschaftlich ein ziemlich heisses Eisen, wobei es einige historische und selbst zeitgenössische Beispiele gibt und in Zeiten von Genschere Begriffe wie Euthanasie allzu gerne neu verhandelt werden.

Der Senizid oder Alters-Pflicht-Suizid trat als Sitte global, aber nicht ubiquitär auf. Bis in die Erzählmotive hinein finden wir über weit entfernt liegende Kulturräume hinweg Gemeinsamkeiten und Konstanten, etwa das Tragen der moribunden Alten auf einen Berg. In frühen Erzählungen wird der Senizid umstandslos gerechtfertigt; spätere Berichte lassen bei der Überwindung und Warnung vor dem Töten der Alten humane Argumente zu. Oft äußerst sich die der Senizid rituell, öffentlich und festlich, manchmal auch still und individuell. Dem eigentlichen Senizid konnte eine lange Phase der Segregation – Marginalisierung, Missachtung und Ächtung vorausgehen – und geht heute wieder voraus! Die Alten wurden zunehmend verspottet, ignoriert, dann vernachlässigt, etwa indem ihnen das Essen weggenommen wurde und sie zum Betteln gezwungen waren, bis der Leidensweg in Euthanasie oder dem Verlöschen ein Ende fand. Ein Senizid ist nie Ausdruck einer extrem barbarischen Gesinnung, sondern setzt die hoch entwickelte Gedankenwelt von Bauern oder Hirten voraus und dient dem verantwortungsbewusstem Ziel, das Überleben des Clans zu sichern.

(Pousset,Raimund 2018,Senizid in der Vergangenheit,Springer Wiesbaden)

«Keine Denkverbote, wird man wohl noch sagen dürfen» tönt bereits in den Ohren und womöglich fordere eine kräftige Wirtschaftsbaisse doch viel mehr Opfer, fleissig gerechnet und verglichen wird bereits. Es wird sich weisen, ob der kapitalistische Populismus oder der Gemeinsinn reüssiert. Als kollektives Wesen ist der Mensch soziologisch betrachtet auf Kooperation ausgerichtet, soziale Intelligenz zielführender und essentieller als Konfrontation. Äusserer Druck und innere Ungleichheit werden gerne als Faktoren für wachsenden Chauvinismus im Sinne des auseinander driften der Gesellschaft angeführt (Lagerkomplex — keiner thematisiert oder versteht das Andere). Die sozialökonomische Struktur steht durch die vom Virus ausgelösten Drucksituation vor einer riesigen aber unvermeidbaren Herausforderung, gewohntes gerät ins Rutschen und Diskurse wie ein bedingungsloses Grundeinkommen werden thematisch weiter in den Mittelpunkt rücken. Hasta siempre!

Mehrwertstadl

In den Schweizer Ligen hat das Virus zumindest vorerst die Oberhand, in Fussball-Teutonien hingegen nimmt die Infektion einen speziellen Verlauf, wobei das Resultat bereits kommerziell fixiert sein dürfte.

Präzedenzfall in Hoffenheim

Konsequenterweise müsste (die DFL) Spiele nun nach jeder Beleidigung unter- oder gar abbrechen. Wer öfters in Stadien unterwegs ist, weiß: Ein Gros der Spiele würde sich fortan ziemlich in die Länge ziehen, oder es oft nicht mal bis zur Halbzeitpause schaffen.

Nach Hoffenheim aber drängt sich der Eindruck auf, die DFL schützt nicht die, die Schutz bräuchten, die etwa Ziel von rassistischen oder homophoben Beleidigungen werden, Minderheiten also. Sondern bislang nur Milliardäre. Die sind zwar auch eine Minderheit, kommen meist aber ganz gut klar.

Die Transparente sind das neueste Kapitel eines Kulturkampfes. Sie richten sich nicht gegen die Person Dietmar Hopp, vielmehr gegen den DFB, die DFL und das Symbol Hopp. Sie sind nur ein Teil der langen Auseinandersetzung der Ultras, die dem Fußball-Establishment den Ausverkauf ihres geliebten Sports vorwerfen. Wer sich nämlich die Mühe macht, alle Transparente aus dem Bayern-Block anzuschauen, der erkennt, dass dort mehr steht: “Alles beim Alten, der DFB bricht sein Wort, Hopp bleibt ein Hurensohn.”

Hopp als Hurensohn zu beschimpfen, ist eine billige und fantasielose Beleidigung, die allerdings erst durch Hopps Empörung unter den Fans immer populärer wurde. Wie ein Kind, dem seine Eltern verboten haben, ein bestimmtes Schimpfwort zu sagen, das dieses aber genau deshalb ständig laut über den Spielplatz schreit. Das mag unreif sein, aber die organisierten Fans haben so immerhin einen Weg gefunden, Aufmerksamkeit für ihre Anliegen generieren. Auch weil sie kaum durchdringen, wenn sie sanfter auftreten.

Kommentar des vollautomatischen Textroboters auf flashscore.de

Im Kommerzapparat Fußball sind Ultras meist die einzigen, die auch mal unangenehm werden können, die stören und sich einmischen. Die Kritik am reinen Geldverdienen üben. An Trainingslagern in Katar. An überteuerten Ticketpreisen. An der Zerstückelung des Spieltags fürs Fernsehen. Dietmar Hopp stand dabei lange für vieles, was ihnen missfällt: Ein Milliardär, der einen besseren Dorfclub bis in die Bundesliga führt, indem er ihn mit Geld überschüttet und dabei die sogenannte 50+1-Regel, nach der ein Geldgeber keinen entscheidenden Einfluss bei einem Verein ausüben darf, allenfalls auf dem Papier einhält.

Die Szenen am Samstag werden eher nicht zur Befriedung beitragen, ganz im Gegenteil.(…) Der Kulturkampf wird sich noch verschärfen.

(aus Zeit online)

Blase

Die  Klima-Welle hat die Wahl-Schweiz behutsam überschwemmt, beide Grünparteien im Plus und zusammen nominell stärker als die SP. Die Gut-Bürgerliche Mehrheit war jedoch nie in Gefahr, zumal Grün schon lange wenn nicht schon immer ziemlich bourgois ist – da ist klar, dass eine ausgesprochene Arbeiterpartei es besonders schwer hat. Ausser im Ex-Preussischen Kanton Neuenburg wird kein Parlamentsitz gewonnen, da helfen rote Luftballons nicht weiter, wobei derart Wahlkampfriten in Legokritischen Zeiten sowieso fragwürdig sind. Aerostaten sind reichlich kontraproduktiv, wenn sogar jedes Kind weiss, dass es bis zur Verrottung solcher Gummiblasen 160 Jahre dauern kann, falls nicht vorher ein Fisch oder Mensch anbeisst. Vermutlich fehlt Kommunismus à la PDA schlicht der notwendige Biss.

Frauen*streik

Woman is the nigger of the world. (Yoko Ono 1969)

Zum 14. Juni 2019 wird in der Eidgenossenschaft von den Gewerkschaften, verschiedenen Parteien und feministischen Gruppen zum nationalen Frauenstreik aufgerufen. Vor fast 30 Jahren führte ein  auch von bürgerlichen Schichten getragener Streiktag in der Folge immerhin zu einem formalen Gleichstellungsgesetz. Dessen mangelhafte und noch lange nicht vollständige Umsetzung soll am diesjährigen Streiktag deutlich thematisiert und auf die weiterhin bestehende Lohnungleichheit, Diskriminierung, sexuelle Belästigung und ungleiche Verteilung von Care-Arbeit protestierend hingewiesen werden.

Für Männer gibt es eine korrekte Hilfestellung von sozialismus.ch:

Woman is the slave to the slave. (John Lennon 1972)

Prima Klima

Früher war no future heute more. «Gopfrid Stutz jäzz Klimaschutz!» lautet eine der Parolen. Auffällig viele Grosseltern und Eltern. Samstags muss kein Unterricht oder Job geschwänzt werden, und so sind es zu Zürich sicher um die 20.000 Mitläufer.

Kleine und grosse Leute, rote und schwarze Fahnen, Pfadis aus Belgien («On est plus chauds que le climat!») und klimastreikende Frauen, die schon jetzt zum Frauenstreik am 14. Juni aufrufen. Manche müssen erst noch lernen ihr Transparent

plakativ zu gestalten, andere sind Dosenbier trinkend schon nach wenigen Metern nicht mehr ganz klimaneutral und ziemlich heiser. Einige grüssen, Kundschaft aus der weiten Gemeinde und ich frage mich, wo und wie man den Funk nach Frankfurt zur Zeitmessung unterbricht. Eine Turmuhr zeigt in der Stadt bereits fünf vor zwölf.

Alle sind gut drauf, sogar die Nachhut, welche mit Abfallgreifern und Kübeln ausgerüstet all das aufsammeln, was die Vorgänger auf dem Weg verloren bzw. liegen haben lassen. Saubere Sache denke ich noch, Schweiz nur Hilfsausdruck.

Los Hamburgués

Hamburg Weltstadt stolz und reich und arm und würdelos. Eine völlig verlebt und zerlumpt aussehende Person schiebt ihre Sieben-Wagen-Karawane, bestehend aus schäbigen Trolleys und Einkaufswagen, wechselweise fünf Schritte das Trottoir entlang. Stau im Pyramidenbau nur Hilfsausdruck. Die Emsigkeit und Akkuratesse dieser seltsamen Performance steht im völligen Kontrast zu der nach wahllos zusammen gelesenen Müll aussehendem Ladung der übervollen Transportmittel. Petflaschen mit trübem Inhalt und andere erbärmliche Habseligkeiten sind eher zu erahnen als erkennbar, weil aus empfundener Scham gegenüber dem rastlos und ungerührt agierenden Menschen einerseits lieber nicht so genau hingeschaut wird, andererseits es nicht wirklich interessiert. Ein trostlos bleiernes Grauschwarz in der vifen Urbanität der agilen Neustadt. Unwirkliche Abscheu gepaart mit Staunen über die fast choreographiert wirkende Aktion stellt sich ein, dazu ein heimlicher Blick zurück. Watsdat?! Aber ja, die anderen Passanten haben es auch gesehen und ebenso sprachlos nicht reagiert. Das Elend in Teutoniens Metropolen wirkt krass im Vergleich zu der helvetischen Insel. Handkehrum fällt der Ex-Sozialministerin aus D das Fehlen solcher Strassenszenen hierorts sofort auf. Selber an der Armutsfront tapfer kämpfend kennen wir natürlich Obdachlose, arme Schlucker, Sans-Papiers und Wanderarbeiter. Aber nicht in solch drastischen Ausschmückungen wie im Harz4land. Sogar im beschaulichen Schwabenländle sind Bettler, Strassenmusikanten und herumlungernde Menschen in den Innenstädten gewöhnlich, in Zürich all dies unter Androhung von Wegweisung aber strikt untersagt. Wenn halbe Zombies durch die Berliner U-Bahn schwankend mit der “haste mal”-Forderung auf Kleingeld drängen, ist für glückselige Inselbewohner derart direkte Konfrontation nur erschreckend. Ein diffuses Gefühl keimt auf: wir sind reich, weil ihr arm seid. Wenig später beim Michel, eine beinah noch groteskere Szenerie. Wo innen wahrhaftig ein Geschäftsführer tituliert, wird aussen überm Hauptportal Satan vom namensgebenden Erzengel stolz mit dem Kreuze bezwungen. Gleich nach dem Sieg dann drinnen das unübersehbare Schild mit der Bitte, gefälligst (s)einen Obulus abzulassen.

Volksmission

Die ursprünglich aus dem Kongo stammende Eglise Eternel est Bon wird von einer überaus stimmgewaltigen Frontfrau leidenschaftlich unterstützt:

Evangelisation der Migrationskirche GBG Samstags 15 Uhr Stauffacher

Auffällig hierbei: die Propagandisten mit dem dunkleren Teint bleiben völlig im Hintergrund. Betont zurückhaltend, fast im Kontrast zur lautstarken Mission, jedenfalls keineswegs offensiv offerieren sie ihre kleinen bunten Flyer mit Hinweisen auf ihre in Suburbia beheimatete Gemeinde. Ein Junge überreicht mir schüchtern eines der Pamphlete. Die lärmende Aktion dauert genau eine Stunde, nonstop wird den Passanten gepredigt, kaum jemand interessiert sich dafür, doch die eifrige Verkünderin bleibt verblüffend ausdauernd.

Genauso wie die in Schildkrötenformation aufgestellten Veganer nebenan. Diese verharren stoisch — auch dank ihrer Guy-Fawkes-Masken. Sie verdeutlichen bildhaft das Elend der Tiere mittels ihrer bereit gehaltenen Laptops. Schocktherapie. Als Satelliten tätige Aktivisten verteilen dazu Infomaterial und beantworten Fragen. Schliesslich kommt ein ganz in Scharz gewandeter und schier endlos erscheinender Bandwurm um die Ecke — eine Schweigedemo im Gänsemarsch, welche trauernd auf leider immer noch real existierende Sklaverei und Menschenhandel in der Welt hinweist. Der Zug ist lang und beeindruckt. Die enervierende Schreierei der furios auftretenden Konkurrenz wird glücklicherweise lautlos erstickt.

Jesus lebt.

Deutschrand

Der Begriff Heimat hat Hochkonjunktur. Dabei wäre Heimat da am konkretesten, wo ich mir eine Wohnung leisten kann.

Der Begriff der Heimat hat seine Unschuld verloren, er ist nicht mehr nur eine harmlose Form der sentimentalen Selbstverortung, sondern ein Begriff der politischen Abschottung geworden. In dieser Eigenschaft wird er von den Kosmopoliten auch kritisiert, die dagegen Weltoffenheit und Toleranz halten. Allerdings ist das nicht weniger weltfremd, da Solidarität stets auf soziale Exklusivität angewiesen ist. Es gibt keine solidarische Weltgemeinschaft

Koppetsch, Hamburg, Heimat, Fraktur

Die Kosmopoliten nutzen andere Möglichkeiten der Abschottung?

Sie bewohnen die attraktiven Kieze und Innenstadtquartiere, die inzwischen so hohe Mieten und Immobilienpreise aufweisen, dass sich soziale Exklusivität wie von selbst einstellt. Zu den wirkungsvollsten kosmopolitischen Grenzanlagen gehört die kapitalistische Ausrichtung des Lebensstils. Kulturelle Offenheit wird somit kompensiert durch ein hochgradig effektives Grenzregime, das über Immobilienpreise und Mieten, über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen sowie über den Zugang zu exklusiven Freizeiteinrichtungen und Clubs gesteuert wird. Die Abgrenzung erfolgt nicht nach außen, denn hoch qualifizierte MigrantInnen sind hier selbstverständlich willkommen, sondern nach unten.

Für die Kosmopoliten, die Welterfahrenen, bedeutet Heimat allenfalls die Liebe zum regional produzierten Schwarzbrot?

Ja, und die Heimatsuchenden betrachten sie mit Herablassung. Aber sie haben gut reden, da sie zumeist keine Berührungspunkte mit Migranten aus dem globalen Süden aufweisen. Die Perspektive auf die Dinge ändert sich umgehend, wenn ich mit Asylsuchenden in Konkurrenz um Sozialtransfers, Wohnungen, Sexualpartner oder Jobs treten muss.

(Soziologin Cornelia Koppetsch in einem TAZ-Interview, Juli 2018)

Pink Blow Up

Der selbsternannte Reverend Bill, Kunstfigur und politischer Aktionist aus NYC, welcher zusammen mit seinem Stop-Shopping-Choir während der Haupteinkaufszeit vor Weihnachten schon mal Kreditkarten exorziert und in US-Walmarts und Disneyland mit seinem bunten Gospel Chor gegen Konsumterror, Konsumismus, Kaufsucht younameit lautstark bis zur vorläufigen Festnahme protestiert (Filmdoku What Would Jesus Buy? über die Xmastour von 2009), trat bei der diesjährigen Ausgabe vom Zürcher Theater Spektakel predigend auf der Landiwiese am See in Erscheinung.

Pink Church, Reverend Bill, Theater Spektakel Zuerich 2019

Dort wurde eine leuchtend magentafarbene Kirche aufgeblasen, als Hüpfburg für Kids, als rosa Flash für Besucher und als Interimsbühne für den Reverend & Co., die selbst wie Kinder zu Beginn der Show durch die Seitenfenster ins Innere purzelten, um alsdann singend, tanzend und predigend vergnügt Konsumverhalten, bigotten Kapitalismus und aufkommende Xenophobie bis hin zum Zwitscher-Präsidenten kritisch zu beleuchten. Garniert mit freudigem Jubilieren und Zwischenrufen ganz in Art der Gospelchurches und in fantastisch rosa Licht geradezu ertränkt.

In der Predigt ging es um den ursprünglichen buchreligiösen Deal vom patriarchalischen Gott mit dem auserwählten Volk, welcher besagt, dass JHW sie vor allen Unbill und Schrecken der Erde beschützen wolle, falls JHW von ihnen als alleinig rechtmässigen Gott anerkannt würde. Earth Justice mit dem Kampfruf Earthaluya! ist die Weiterentwicklung der Stop Shopping Kampagne. Klimaveränderung, erdausbeutende Grosskonzerne bis Umweltsch(m)utz generell werden thematisiert und der heuchlerische Glaube an Geld, Waren und sonstige Gottheiten heftigst kritisiert.

«We are wild anti-consumerist gospel shouters and Earth loving urban activists who have worked with communities on four continents defending community, life and imagination and resisting Consumerism and Militarism.» erläutert Reverend Bill. Ausserdem müsse kein Gott Erdlinge vor ihrer Erde beschützen, man solle einfach sie und sich selbst und alle Anderen lieben — Love No Border, also wie meist: Love is the message!

Durch geschicktes Spiel mit kirchlichen Mustern und religiösem Brauch erzeugt die Aufführung quasi einen doppelten Code, der sich mit dem Herzen aber leicht und vor allem äusserst gewinnend entschlüsseln lässt.