Zusammenfassende Einfassung

Der vorliegende Text wurde im Rahmen eines Kapital-Lektürekurs am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin bereits Mitte der neunziger Jahre verfasst. Hier erscheint er nur leicht redigiert als insgesamt eintausendster Beitrag.

Karl Marx: Das Kapital
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Die “Kritik der politischen Ökonomie” schrieb Marx zum einen als Kritik an den zu seiner Zeit vorherrschenden ökonomischen Lehren, welche ihm theoretisch unvollständig sowie nicht radikal genug erschienen, zum anderen als Kritik der vorherrschenden gesellschaftlichen Beziehungen überhaupt. Nicht radikal meint hier, dass sie die grundsätzliche Bedeutung der ökonomischen Verhältnisse und deren Entwicklung in einer Gesellschaft kaum oder gar nicht berücksichtigten. Marx jedoch wies nach, dass der Kapitalismus immanente Widersprüche hervorbringt, und die kapitalistische Produktionsweise ein bestimmtes Stadium gesellschaftlicher Entwicklung im Laufe der Geschichte darstellt. Den Hauptwiderspruch im real existierenden Kapitalismus sah Marx darin, dass einerseits die gesellschaftliche Produktion, andererseits der Privatbesitz an den Produktionsmitteln (inklusive privat-kapitalistischer Aneignung des Produkts) sich gegenüberstehen. Dieser immanente Antagonismus – auf immer höherer Stufe reproduziert – drängt aber zur Auflösung.

Ein weiterer Ansatzpunkt der Marxschen Kritik geht aus von der erkenntnistheoretischen Prämisse (historischer Materialismus), dass das gesellschaftliche Sein das gesellschaftliche wie das individuelles Bewusstsein bestimmt[1]. Basis und Überbau sind hier zentrale Begriffe. Nach Marx bildet die ökonomische Struktur das Fundament der Gesellschaft, auf der sich dann allmählich der Staat[2] als Überbau mit allen Säulen wie Justiz, Armee, Kirche usw. erhebt. Die Beziehung zwischen Basis und Überbau ist korrelativ, gegenseitige, wechselseitige Beeinflussung[3]. Allerdings geht die Entwicklung der Basis nicht parallel vonstatten mit der des Überbaus und führt zwangsläufig zu Spannungen.

In seinem Hauptwerk DAS KAPITAL legt Marx ausführlich dar, wie der Kapitalismus die Verhältnisse von Personen zueinander immer mehr durchdringt und bestimmt. Dies führt über eine Subjekt-Objekt-Umkehrung (Entfremdung) hin zu einer Mystifikation des Warencharakters, zur Bildung des Waren-, Geld- und Kapitalfetisches. Der Hauptwiderspruch im Kapitalismus führt zu einer Bildung von sozialen Klassen in Form von Kapital und Lohnarbeit, zu der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Im “Kommunistischen Manifest” von 1848 erklären Marx und Engels:

Die Geschichte aller Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. (…) Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt. Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei grosse feindliche Lager, in zwei grosse, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.

Die Marxsche Analyse betrachtet die ökonomischen Kategorien zunächst abstrakt und führt dann zur Sicht der Dinge so wie sie an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheinen (Wesen und Erscheinung). Das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten ist für diese Untersuchung typisch. Die von Marx verwandte Methode der Dialektik wird von Engels charakterisiert als “…die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens.” Für Engels besteht die Dialektik aus folgenden Grundgesetzen:

  • Einheit und Kampf der Gegensätze, der Widerspruch als treibende Kraft der Entwicklung
  • Umschlag von Quantität in Qualität, d. h. es kommt zu dialektischen Sprüngen in eine neue Qualität (und umgekehrt)
  • Negation der Negation, d. h. dass jede langfristige Entwicklung dadurch gekennzeichnet ist, dass an einem bestimmten Punkt ein bestehender Zustand aufgehoben (negiert) wird, die anschliessende Entwicklung sich in der neuen veränderten Richtung vollzieht, bis es erneut zu einer Aufhebung, dann allerdings auf einer höherer Stufe kommt (F. Engels: Anti-Dühring, MEW 20, S. 131f)

Tauschverhältnis

Aufgrund der in das Auge förmlich springenden “ungeheuren Warensammlung”, welche den Reichtum einer Gesellschaft mit kapitalistischer Produktionsweise kennzeichnet, beginnt die Untersuchung von Marx mit der Analyse der “Elementarform”, nämlich der einzelnen Ware. Hierbei werden nun zwei Aspekte augenscheinlich: Zum einen ist jede Ware einem bestimmten Zweck dienlich (Konsumtion), besitzt einen anerkannten Gebrauchswert, zum anderen besteht ein Verhältnis zur übrigen Warenwelt, welches sich im Austausch offenbart. Dieses Verhältnis ist durch Tauschverhältnisse bestimmt, die auf dem Wert (der gemeinsamen Substanz) der Waren, ausgedrückt im Tauschwert, beruhen. Allgemeine Warenproduktion entsteht unter der Voraussetzung der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit und selbstständigen und voneinander unabhängigen Privatarbeiten. Hieraus resultiert der Grundwiderspruch aller Warenproduktion, dass sich nämlich die Privatarbeit als gesellschaftliche Arbeit darstellen muss. Die kapitalistische Warenproduktion ist auf den potentiellen Austausch ausgerichtet, die Produktion ist markt- bzw. tauschwertorientiert. Was sich tauschen lässt wird hergestellt, ob für eine Ware Bedarf besteht interessiert zunächst nicht. Jede Ware muss sich andererseits darstellen als das Doppelte, eben Gebrauchswert zu sein und einen gesellschaftlich anerkannten Tauschwert zu besitzen. Dieser Spagat wird im Kapitalismus zunehmend durch Bedürfniserweckung mittels Werbung erreicht.

Doppelcharakter

Der Doppelcharakter der menschlichen Arbeit[4] ist für den Doppelcharakter der Ware ursächlich. Jede Arbeit wird in besonderer, zweckdienlicher Weise verausgabt, schafft so Gebrauchswert. Marx nennt diese Arbeit konkret nützliche Arbeit. Der Wert wird durch die abstrakt menschliche Arbeit gebildet. In einer Gesellschaft mit Arbeitsteilung ergibt sich die Forderung nach Vergleichbarkeit der verschiedenen Arbeiten. Quantitativ lassen sich Waren durch die für die jeweilige Produktion erforderliche Arbeitszeit messen. Hierbei dient die im gesellschaftlichen Massstab durchschnittlich notwendige Arbeitszeit für die Fertigung einer gegebenen Ware als ’Messlatte’, bzw. nur die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit geht in die Wertbestimmung ein. Doch nur auf dem Markt, in der Sphäre der Zirkulation erweist sich letztendlich, ob der Wert auch realisiert werden kann. Wird eine Ware nicht verkauft, folglich deren Wert nicht realisiert, erweist sich die für die Herstellung der Ware verausgabte Arbeit als überflüssig verausgabt. Aufgrund dieser quasi nachträglichen Wertbestimmung ist die eigentlich planlose kapitalistische Produktion anarchisch.

Geldfetisch

Die Anforderungen expandierenden Handels machen die Geldform, bzw. die allgemeine Äquivalentform unvermeidlich. Um den Wert einer Ware mit der übrigen Warenwelt zu vergleichen, müssen sich alle Waren in einer einzigen Ware messen lassen. Die dafür als Wertmass fungierende Ware muss Ware sein, um anderen Waren eine Wertgestalt geben zu können. Geld[5], bzw. früher eben Gold, ist Ware. Beim heutigen Geld ist der Gebrauchswert Geld zu sein eher ideell, der Tauschwert dagegen sehr reell, in klingender Münze vorhanden.
Der Austausch von Waren wird dadurch eingeleitet, indem sich eine Ware mit einer anderen auf dem Markt misst. Der Wert einer Ware ist im Gebrauchswert einer anderen ausgedrückt. Hierbei wird ein fundamentaler Widerspruch, der zugleich eine dialektische Einheit bildet, offensichtlich. Tauschwert erscheint als Gebrauchswert, Gebrauchswert als Tauschwert, der Kaufakt ist gleichzeitig Verkaufsakt und umgekehrt. Beim einfachen Warentausch W-G-W, Ware – Geld – Ware, wird Ware gegen Ware getauscht. Geld dient dabei lediglich als Vermittler des Austauschprozesses. Unzählige G-W-Prozesse sind mit diesem Grundmodell ökonomischer Beziehungen verknüpft. Die Bewegung G-W-G, Geld – Ware – Geld, ist charakteristisch für den Kapitalismus. Geld wird hier vorgeschossen, um es nach dem Austauschprozess wieder in Händen zu halten, möglichst mit Gewinn, mit Mehrwert. Während es im ersten Prozess W-G-W um den Gebrauchswert geht, interessiert im G-W-G Modell der Wert bzw. dessen Verwertung. Durch blossen Austausch kann allerdings kein Mehrwert erzielt werden. Zwar kann die Ware höher ausgepreist werden als ihr tatsächlicher Wert darstellt, doch werden es die anderen Austauscher mit ihren Waren bald ebenso machen. Gesellschaftlich betrachtet wird alles teurer, kein Mehrwert ist vorhanden. Die bürgerliche Mystifikation der Zirkulationssphäre (zu einer ’Gewinnzone’) ist bloss gestellt: der Mehrwert wird in der Sphäre der Produktion – mittels der Konsumtion der Arbeit durch den Kapitalisten über die für die Reproduktion der Arbeitskraft des Arbeiters notwendige Arbeitszeit hinaus – vom Arbeiter geschaffen. Über den ’Umweg’ Produktion ist es möglich, dass der Geldgeber mehr Geld aus der Zirkulation herauszieht, als er ursprünglich investierte.
Dass die Menschen genötigt sind ihre Arbeitskraft als Ware zu verkaufen, hat als Ursache die doppelte Freiheit: frei von Produktionsmitteln, sowie freie Verfügung über sich selbst (im Gegensatz zum Sklaven oder Leibeigenen). Dafür verantwortlich ist die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, welche die historische Trennung der unmittelbaren Produzenten von den Produktionsmitteln schuf. Erst diese “Freiheiten” machten es möglich, dass die Arbeitskraft als Ware auf dem Markt angeboten werden muss, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Als Lohnarbeiter vermietet der Arbeiter seine Arbeitskraft an den Geldbesitzer. Dieser lässt die “geleaste” Arbeitskraft die erworbenen Produktionsmittel unter seiner Kontrolle produktiv bearbeiten und eignet sich schliesslich das Produkt an, um einen Profit auf dem Markt zu erzielen.

Mehrwert

Der spezifische Gebrauchswert der menschlichen Arbeitskraft ist die Arbeit selbst (wertbildend). Ihr Tauschwert ist bestimmt durch den Warenwert, welcher für ihre Erhaltung erforderlich ist. Dem Wert der Arbeitskraft entspricht also das Äquivalent der zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Lebensmittel. Nun kann die Arbeit aber täglich mehr Wert schaffen, als für deren Erhaltung nötig ist. Mit steigender Produktivität sinkt die notwendige Arbeitszeit, die Mehrarbeitszeit nimmt zu. Wenn der Arbeiter für einen Tag seine Arbeitskraft verkauft hat, er in einem halben Tag seine Erhaltungskosten erarbeitet hat, so kann er deshalb noch lange nicht nach Hause gehen, da dies eine Verletzung der vertraglichen Abmachung mit dem Kapital bedeuten würde. Das Kapital hat schliesslich grösstes Interesse an unbezahlter Mehrarbeit, denn nur die schafft den erwünschten Mehrwert.

Durch legalen und freien ’Tausch’ von Äquivalenten in der Zirkulationsspäre kommt das Kapital zu Produktionsmitteln und Arbeitskraft. Der darauf folgende Produktionsprozess ist sowohl Arbeitsprozess (qualitative Seite GW) und Wertbildungsprozess (quantitative Seite TW). Wird die Arbeitskraft über den Punkt der äquivalenten Wertbildung hinaus verwertet wird der Wertbildungsprozess zum Verwertungsprozess: Mehrwert produziert. Anschliessend wird das neue Produkt inklusive des in ihm steckenden Mehrwerts in der Zirkulation in Geld zurück verwandelt.

Zirkulation:

G-W (Kauf der Produktionsmittel und Arbeitskraft)

Produktion:

W…P…W’ (Wertbildungs- und Verwertungsprozess)

Zirkulation:

W’-G+g (Wert- und Mehrwertrealisation (Verkauf))

Der Mehrwert entsteht somit ohne Verletzung des Wertgesetzes ausschliesslich in der Produktion, und zwar durch Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital. Niemanden kann an dieser Stelle ein Vorwurf gemacht werden, weder dem Kapitaleigner noch dem Arbeiter. Ein jeder tut das, was von ihm erwartet wird. Der Kapitalist macht Gewinn, der Arbeiter erarbeitet diesen. Dies darf natürlich den Blick auf die bestehenden Produktionsverhältnisse keineswegs verschleiern. Schein und Sein sind zu differenzieren. Was als ’Freiheit’ erscheint, ist real eine Unfreiheit, Abhängigkeit des Lohnsklaven vom Kapital. Marx spricht in diesem Zusammenhang von “unsichtbaren Fäden”, an denen die Lohnarbeiter an das Kapital gebunden sind.[6]

Produktivkraftsteigerung = Mehrwertsteigerung

Der Heisshunger des Kapitals nach Mehrwert (als sich selbst verwertender Wert), führt zunächst zu einer masslosen Verlängerung des Arbeitstages.Mehrwert Dem sind jedoch Grenzen gesetzt: die physische sowie die moralische. Kein Arbeiter kann täglich mehr als 24 Stunden arbeiten. Ausserdem hat er soziale und geistige Bedürfnisse, welche von den vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt sind. Dennoch erstrebt das Kapital, den Arbeitstag so profitabel wie möglich zu nutzen. Das unbedingte Trachten nach Mehrwert, hier absoluter Mehrwert, treibt zu einer Verlängerung des Arbeitstages. MehrwertSobald die Arbeiter (Gewerkschaften) die Einführung eines gesetzlichen Normalarbeitstages erkämpften, widmete sich das Kapital der zweiten Form der Mehrwertproduktion, der Bildung von relativen Mehrwert. Dies geschieht durch Verkürzung der bezahlten notwendigen Arbeitszeit zugunsten der Mehrarbeitszeit innerhalb der Schranken des Arbeitstages. Eine permanente Produktivkraftsteigerung ist bis heute durch diese Mehrwert-Sucht zu konstatieren: jede technische Neuerung wird sofort produktiv eingesetzt und treibt (Gesetz der Konkurrenz!) zu weiterer Entwicklung des technologischen Standards an.

Indem zuerst die Arbeitsteilung in der Kooperation, dann Manufakturen und schliesslich die grosse Industrie mit ihrem gewaltigem Maschineneinsatz den Produktionsprozess revolutionieren, gelingt es dem Kapital, dass durch gesteigerte Produktivität die notwendige bezahlte Arbeitszeit sich immer weiter verringert, die Mehrarbeitszeit proportional dazu steigt. Neue Technik sorgt für einen zusätzlichen Produktivitätsschub, so in der fortschreitenden Automation (Mikroelektronik, Industrieroboter), welche als die 4. Stufe der Produktivkraftentwicklung bezeichnet werden kann.

Marx bezeichnet das konstante Kapital ’c’ als das in Werkstätten, Arbeitsgeräten und Arbeitsmitteln angelegte Kapital. Konstant, weil es sich nicht selbst verwertet und sein Wert in aliquoten Teilen von der konkreten Arbeit auf das Produkt übertragen wird. Der variable Kapitalteil ’v’ besteht aus dem Reproduktionsfond der Lohnarbeiter, bzw. der bezahlten Arbeit. In der Form des Arbeitslohnes erscheint die ganze Arbeitszeit als bezahlt. Eine weitere Mystifikation, da die Arbeiter ausser der bezahlten eben auch unbezahlte (Mehr-) Arbeit leisten. Mit ’m’ ist der Mehrwert benannt, dessen Rate sich aus m/v bzw. aus dem Verhältnis von Mehrarbeitszeit zur notwendigen Arbeitszeit ergibt. Marx nennt diese Rate auch den “Exploitationsgrad” der Arbeiter durch das Kapital. Unter Produktenwert versteht Marx c+v+m. Mit Neuwert oder Wertprodukt v+m. Die Profitrate p berechnet sich wie folgt:

Da sich die technische Zusammensetzung des Kapitals (hier c) permanent erhöht, muss die Profitrate also fallen; das Gesetz der tendenziellen Falls der Profitrate führt zu einem Zielkonflikt: Arbeitsproduktivität wird am stärksten dadurch gesteigert, dass ein immer grösserer Teil des verfügbaren Kapitals in Form von konstantem Kapital c, ein immer geringerer Teil in Form von variablem Kapital v investiert wird.

Reproduktion — auch der Verhältnisse

Produktion erfordert Reproduktion: die verbrauchten Produktionsmittel sowie die Arbeitskraft müssen fortwährend ersetzt werden. Infolgedessen ist der Produktionsprozess des Kapitals zugleich dessen Reproduktionsprozess. Reproduktion von Kapital auf gleicher Stufe (einfache Reproduktion) erfolgt bei Beibehaltung des Produktionsfeldes abzüglich des Konsumtionsfonds des Kapitalisten. Die individuelle Reproduktion der Arbeiter erscheint als ein Moment der Reproduktion des Kapitals, da die notwendigen Waren lediglich zur Erhaltung der Ware Arbeitskraft für das Kapital ausreichen und zudem bei der Kapitalistenklasse erworben werden müssen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden so fortwährend reproduziert.[7]
Typisch für den Kapitalismus ist die erweiterte Reproduktion: Wiederholung des Produktionsprozesses auf jeweils höherer Stufe, Einsatz zusätzlicher und besserer Produktionsmittel, Bereitstellung zusätzlicher Konsumtionsmittel. Die Ausdehnung der Produktion erfolgt extensiv wie intensiv. Erweiterte Reproduktion bzw. Akkumulation von Kapital ist also die Verwandlung des Mehrwertes in zuschüssiges Kapital abzüglich des Konsumtionsfonds des Kapitalisten; ein Teil des Mehrprodukts dient der Erweiterung der Produktion (Konkurrenzdruck), das Kapital akkumuliert. Mehr Kapital, mehr Ausbeutung, mehr Mehrwert usw. Auf der Seite der Lohnarbeiter dagegen akkumuliert das Elend. Infolge der permanenten Akkumulation schlägt das Aneignungsgesetz der einfachen Warenproduktion (Aneignung fremder Arbeit nur durch eigene Arbeit) um in das Gesetz der kapitalistischen Aneignung. Ungleicher (nicht äquivalenter) Tausch ist das absolute Merkmal des Kapitalismus und die unentgeltliche Aneignung von Mehrarbeit bürgerliches Recht. Getauscht wird nur zum Schein, da das variable Kapital vom Arbeiter zuvor selbst produziert wurde, und mit neuerlicher Arbeit inklusive Mehrarbeit ersetzt werden muss.[8]

Globalisierung durch permanente Akkumulation

Fortschreitende Akkumulation führt zu Zentralisation von Kapital, d. h. die Zusammenfassung bzw. Konzentration von verschiedenen einzelnen Kapitalen zu Grosskapital (Aktiengesellschaften, Monopolbildung) mit immanenter Rückwirkung auf die Produktivkraftentfaltung. Das proportionelle Verhältnis zwischen den im Produktions- und Reproduktionsprozess notwendigen Produktionsmitteln und Arbeitskräften ist die technische Zusammensetzung des Kapitals. Sie ist abhängig vom Entwicklungsstand der Produktivkräfte und -techniken und dem Angebot an Arbeitskraft: harmonieren die Proportionen nicht, kommt es zu Stockungen der Produktion. Die Kapitalakkumulation erhöht die Wertzusammensetzung, die organische Zusammensetzung des Kapitals. Die Steigerung des konstanten Kapitalteils geht infolge des permanenten technischen Fortschritts als auch der Zwangsgesetze der kapitalistischen Konkurrenz in ungleich grösserem Ausmass vor sich als die des variablen Teiles. Das bedeutet, dass eine grössere Produktmenge mit gleichbleibendem Arbeitsaufwand produziert wird (Rationalisierung). Die industrielle Reservearmee ist Resultat und Voraussetzung. Marx spricht in diesem Zusammenhang von einer relativen Überbevölkerung (Massenarbeitslosigkeit).

Festzuhalten bleibt, dass sich das Kapital nicht auf wirtschaftliche Kategorien beschränken lässt. Es ist vielmehr ein gesellschaftliches Verhältnis[9], welches zwischen den Menschen steht, sie verbindet und trennt. Als geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation erkennt Marx die Aufhebung der Trennung zwischen Produzenten und Produktionsmitteln und damit die Negation der kapitalistischen Produktionsweise.[10]

Historische Akkumulation

Die ursprüngliche Akkumulation sorgte durch staatlich sanktionierten Landraub für die gewaltsame Trennung der Bauern als Produzenten vom Boden als früher wichtigstem Produktionsmittel sowie die Abschaffung der feudalen Bindungen (doppelt freie Lohnarbeiter). Die vormals selbst produzierten Nahrungsmittel mussten nun beim Kapitalisten durch Verkauf der Arbeitskraft (Lohnarbeit) erworben werden. Gleichzeitig übten die vermehrt auftretenden kapitalistischen Kooperationen v. a. in Form der Manufaktur enormen wirtschaftlichen Druck auf kleine Handwerker aus. Für viele marxistische Theoretiker bleibt die ursprüngliche Akkumulation auch heute noch der ’Anlasser’ des Kapitalismus. Die Aneignung unbezahlter Nicht-Lohnarbeit (weibliche Reproduktionsarbeit) sowie der Kapitalzufluss aus der sogenannten Schattenwirtschaft, halten die Akkumulationszentrifuge am Laufen, während sie ohne parallele ursprüngliche Akkumulation längst ’überakkumuliert’ wäre. Fortwährende ursprüngliche Akkumulation ist noch heute im Trikont zu beobachten.

Das ursprüngliche Kapital stammt aus dem Handels-, Wucher- und Grundkapital. Hierfür einige historische Stichpunkte:

  • Die Übergänge von der Urgesellschaft (Urkommunismus: gemeinsame Arbeit auf Grundlage des gesellschaftlichen Eigentums der Produktionsmittel) hin zum Kapitalismus verlaufen über die Stationen der antiken Sklavenhaltergesellschaft, der patriarchalische Ausbeutergesellschaft (asiatische Produktionsweise) und dem Feudalismus. Diese Übergänge fanden nicht in allen Kulturen und Regionen der Erde zeitgleich bzw. aufeinanderfolgend statt. Die Entstehung der Klassengesellschaft ist vom Stand der Sklavenhaltergesellschaft aus verständlich: die Ausbeutung von Sklaven spaltete die Gesellschaft in Ausbeuter und Ausgebeutete. Ebenso erfolgte hier die Entstehung des Gegensatzes von Hand- und Kopfarbeit. Das Patriarchat förderte den Übergang von gesellschaftlichem zu privatem Eigentum an Boden, also Grundkapital. Es wurde in der weiteren Entwicklung juristisch fixiert.
  • Die gesellschaftliche Arbeitsteilung ist fundamental für die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Möglich ist Arbeitsteilung auf der Grundlage eines Mehrproduktes (= Produkt minus notwendiges Produkt). Die erste gesellschaftliche Arbeitsteilung vollzog sich zwischen Viehzucht und Ackerbau, die zweite zwischen Ackerbau und Handwerk, die dritte schliesslich sorgte für die Herausbildung von Handelsleuten (Gegensatz zwischen Stadt und Land, Transport von Lebensmitteln, Fernhandel). Durch nicht-äquivalenten Austausch eignete sich das Handelskapital Teile des gesellschaftlichen Mehrproduktes an. Mit der Konzentration der Geldmittel entwickelte sich das Wucherkapital. Dieses eignete sich in Form von Zinsen sogar Teile des notwendigen Produktes an.
  • Grundeigentum war die absolute Basis des Feudalismus. Der Boden als wichtigstes Produktionsmittel wurde in Form von Lehen, Arbeits- und Naturalrente bis hin zur Geldrente verwertet.
  • Durch imperiale Kolonisationspolitik wurden grössere Absatzmärkte erobert. Der Handel mit exotischen Rohstoffen und Genussmitteln, Sklaven etc. nahm zu. Das Handelskapital gewann verstärkt an gesellschaftlichen Einfluss, nicht zuletzt deshalb, weil sie in immer grösserem Ausmass als Kreditgeber für die Herrschenden unentbehrlich wurden (Kriegsfinanzierung, ’Entdeckung’ Amerikas…). Konnten die Herrschenden ihre Schulden nicht mehr bezahlen, kam es zu Grundübertragungen. Geld wurde so zum wichtigsten Mittel des Bürgertums gegen den Feudalismus.
  • Die mit dem Niedergang des Feudalismus einsetzende Landflucht entzog der bäuerlichen Schicht den Boden der Subsistenzwirtschaft. Die Abhängigkeit von ’hartem’ Geld wuchs, vermehrte Schulden folgten vermehrte Zinsen. Quasi war so die alte feudale Leibeigenschaft wieder hergestellt, nur dass diesmal die freien Bürger die Herren waren (Schuldsklaverei).
  • Aufgrund der an Bedeutung gewinnenden Ware-Geld-Beziehung gegenüber der reinen Naturalwirtschaft, stiess die bürgerliche Produktionsweise an die feudalen Grenzen. Neue Produktionstechniken, verbessertes Arbeitsgerät und Entwicklung effektiverer Transportmittel trugen zu weiterer Produktivkraftentfaltung bei. Die Schaffung nationaler Märkte trat in den Vordergrund. “Egalité, Liberté und Fraternité” waren daher die Losungen der bürgerlichen Revolutionen.

Anmerkungen:
1 “Der Materialismus in all seinen geschichtlichen Formen geht davon aus, dass die Natur, die materielle Welt, die Materie gegenüber dem Bewusstsein das Primäre, das Bestimmende ist, dass das Empfinden und Denken von der Materie hervorgebracht und bestimmt wird, also der Materie gegenüber sekundär ist. Er ist seinem Wesen nach atheistisch und eng mit dem Fortschritt der Wissenschaften verbunden. (..) Der Idealismus geht vom Primat des Bewusstseins, des Geistes, der Empfindungen gegenüber der materiellen Welt aus und erklärt die Natur, die materielle Welt, die Materie für sekundär, für ein Produkt des Geistes, des Denkens, der Empfindungen.” (aus: Dialektischer und historischer Materialismus, Berlin 1988, S. 26f)

2 “In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, welche einer Bestimmten Stufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. (…) Mit Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.” (K. Marx: Vorwort Zur Kritik der polit. Ökonomie, MEW 13, S. 8f)

3 In “Die deutsche Ideologie” schreiben Marx und Engels:”Da der Staat die Form ist, in welcher die Individuen einer herrschenden Klasse ihre gemeinsamen Interessen geltend machen und die ganze bürgerliche Gesellschaft einer Epoche sich zusammenfasst, so folgt, dass alle gemeinsamen Institutionen durch den Staat vermittelt werden, eine politische Form erhalten. Daher die Illusion, als ob das Gesetz auf dem Willen, und zwar auf dem von seiner realen Basis losgerissenen, dem freien Willen beruhe. Ebenso wird das Recht dann wieder auf das Gesetz reduziert.” (MEW 3, S. 62)
Engels gibt in seiner Untersuchung “Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats” einen geschichtlichen Abriss von der Urgesellschaft bis hin zur modernen Staatsbildung. In seinem Spätwerk “Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen Philosophie” führt er weiter aus: “Im Staat stellt sich uns die erste ideologische Macht über den Menschen dar. Die Gesellschaft schafft sich ein Organ zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen gegenüber inneren und äusseren Angriffen. Dies Organ ist die Staatsgewalt. Kaum entstanden, verselbständigt sich dies Organ gegenüber der Gesellschaft, und zwar um so mehr, je mehr es Organ einer bestimmten Klasse wird, die Herrschaft dieser Klasse direkt zur Geltung bringt. (..) Der Staat aber, einmal eine selbständige Macht geworden gegenüber der Gesellschaft, erzeugt alsbald eine weitere Ideologie. (..) Weil in jedem einzelnen Falle die ökonomischen Tatsachen die Form juristischer Motive annehmen müssen, um in Gesetzesform sanktioniert zu werden, (…) deshalb soll nun die juristische Form alles sein und der ökonomische Inhalt nichts. (…) Noch höhere, d. h. noch mehr von der materiellen, ökonomischen Grundlage sich entfernende Ideologien nehmen die Form der Philosophie und der Religion an. Hier wir der Zusammenhang der Vorstellungen mit ihren materiellen Daseinsbedingungen immer verwickelter, immer mehr durch Zwischenglieder verdunkelt. (MEW 21, S. 300ff)

4“Aber die vergangene Arbeit, die in der Arbeitskraft steckt, und die lebendige Arbeit, die sie leisten kann, ihre täglichen Erhaltungskosten und ihre tägliche Verausgabung, sind zwei ganz verschiedne Grössen. Die erste bestimmt ihren Tauschwert, die andre bildet ihren Gebrauchswert.” (K. Marx: Das Kapital I, MEW 23, S. 207f)

5“Der Geldkristall ist ein notwendiges Produkt des Austauschprozesses, worin verschiedenartige Arbeitsprodukte einander tatsächlich gleichgesetzt und daher tatsächlich in Waren verwandelt werden. Die historische Ausweitung und Vertiefung des Austausches entwickeln den in der Warennatur schlummernden Gegensatz von Gebrauchswert und Wert. Das Bedürfnis, diesen Gegensatz für den Verkehr äusserlich darzustellen, treibt zu einer selbständigen Form des Warenwerts und ruht und rastet nicht, bis sie endgültig erzielt ist durch die Verdopplung der Ware in Ware und Geld.” (K. Marx, Das Kapital I, MEW 23, S. 101f)

6“Insofern der Mehrwert, woraus Zusatzkapital Nr. I besteht, das Resultat des Ankaufs der Arbeitskraft durch einen Teil des Originalkapitals war, ein Kauf, der den Gesetzen des Warenaustausches entsprach, und, juristisch betrachtet, nichts voraussetzt als freie Verfügung auf Seiten des Arbeiters über seine eignen Fähigkeiten, auf Seiten des Geld- oder Warenbesitzers über ihm gehörige Werte; sofern Zusatzkapital Nr. II usw. bloss Resultat von Zusatzkapital Nr. I, also Konsequenz jenes ersten Verhältnisses; sofern jede einzelne Transaktion fortwährend dem Gesetz des Warenaustausches entspricht, der Kapitalist stets die Arbeitskraft kauft, der Arbeiter sie stets verkauft, und wir wollen annehmen selbst zu ihrem wirklichen Wert, schlägt offenbar das auf Warenproduktion und Warenzirkulation beruhende Gesetz der Aneignung oder Gesetz des Privateigentums durch seine eigne, innere, unvermeidliche Dialektik in sein direktes Gegenteil um. Der Austausch von Äquivalenten, der als die ursprüngliche Operation erschien, hat sich so gedreht, dass nur zum Schein ausgetauscht wird, indem erstens der gegen Arbeitskraft ausgetauschte Kapitalteil selbst nur ein Teil des ohne Äquivalent angeeigneten fremden Arbeitsproduktes ist und zweitens von seinem Produzenten, dem Arbeiter, nicht nur ersetzt, sondern mit neuem Surplus ersetzt werden muß. Das Verhältnis des Austausches zwischen Kapitalist und Arbeiter wird also nur ein dem Zirkulationsprozess angehöriger Schein, bloße Form, die dem Inhalt selbst fremd ist und ihn nur mystifiziert. Der beständige Kauf und Verkauf der Arbeitskraft ist die Form. Der Inhalt ist, dass der Kapitalist einen Teil der bereits vergegenständlichten fremden Arbeit, die er sich unaufhörlich ohne Äquivalent aneignet, stets wieder gegen grösseres Quantum lebendiger fremder Arbeit umsetzt. (…) Eigentum erscheint jetzt auf der Seite des Kapitalisten als das Recht, fremde unbezahlte Arbeit oder ihr Produkt, auf Seite des Arbeiters als Unmöglichkeit, sich sein eigenes Produkt anzueignen.” (K. Marx, Das Kapital I, MEW 23, S. 609f)

7“Der Arbeiter selbst produziert daher beständig den objektiven Reichtum als Kapital, ihm fremde, ihn beherrschende und ausbeutende Macht, und der Kapitalist produziert ebenso beständig die Arbeitskraft als subjektive, von ihren eignen Vergegenständlichungs- und Verwirklichungsmitteln getrennte, abstrakte, in der blossen Leiblichkeit des Arbeiters existierende Reichtumsquelle, kurz den Arbeiter als Lohnarbeiter. Diese beständige Reproduktion oder Verewigung des Arbeiters ist das sine qua non der kapitalistischen Produktion.” (K. Marx, Das Kapital I, MEW 23, S. 596)

8“Wie lang auch die Reihenfolge der periodischen Reproduktionen und vorhergegangnen Akkumulationen, die das heute funktionierende Kapital durchgemacht hat, es bewahrt immer seine ursprüngliche Jungfräulichkeit. Solange bei jedem Austauschakt — einzeln genommen — die Gesetze des Austausches eingehalten werden, kann die Aneignungsweise eine totale Umwälzung erfahren, ohne das, der Warenproduktion gemässe, Eigentumsrecht irgendwie zu berühren. Dieses selbe Recht steht in Kraft wie am Anfang, wo das Produkt dem Produzenten gehört und wo dieser, Äquivalent gegen Äquivalent austauschend, sich nur durch eigne Arbeit bereichern kann, so auch in der kapitalistischen Periode, wo der gesellschaftliche Reichtum in stets steigendem Mass das Eigentum derer wird, die in der Lage sind, sich stets aufs neue die unbezahlte Arbeit andrer anzueignen. Dies Resultat wird unvermeidlich, sobald die Arbeitskraft durch den Arbeiter selbst als Ware frei verkauft wird. Aber auch erst von da an verallgemeinert sich die Warenproduktion und wird sie typische Produktionsform; erst von da an wird jedes Produkt von vornherein für den Verkauf produziert und geht aller produzierte Reichtum durch die Zirkulation hindurch. Erst da, wo die Lohnarbeit ihre Basis, zwingt die Warenproduktion sich der gesamten Gesellschaft auf; aber auch erst da entfaltet sie alle ihre verborgnen Potenzen. Sagen, dass die Dazwischenkunft der Lohnarbeit die Warenproduktion fälscht, heisst sagen, daß die Warenproduktion, will sie unverfälscht bleiben, sich nicht entwickeln darf. Im selben Mass, wie sie nach ihren eignen immanenten Gesetzen sich zur kapitalistischen Produktion fortbildet, in demselben Maß schlagen die Eigentumsgesetze der Warenproduktion um in Gesetze der kapitalistischen Aneignung.” (K. Marx, Das Kapital I, MEW 23, S. 613)

9“Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, dass die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können; dass also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnittes die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen – nicht, wie bisher geschehen, umgekehrt.” (F. Engels: Das Begräbnis von Karl Marx, MEW 19, S. 335f)

10“Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.” (K. Marx: Das Kapital I, MEW 23, S. 791)

Parteiisch


Trudi Weinhandel war eine Frauenrechtlerin, religiöse Sozialistin und Heilige. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend hat sie sich zeitlebens konsequent für Freiheit und Gerechtigkeit eingesetzt. Mit Hilfe der Suizidbegleitung EXIT ist sie kurz vor ihrem 91. Geburtstag aus dem Leben geschieden.
Bei der stimmungsvollen Abdankung wurde Die Internationale von den anwesenden Gästen verblüffend textsicher vorgetragen. Ein Spontanentscheid sprach die vor Ort gesammelte Kollekte den Roten Falken zu. Auf dem Weg zum Postschalter reichts noch für eine kurze Stippvisite bei August Bebel vis-à-vis auf dem Friedhof Sihlfeld – Freundschaft!

Cliffhanger

Ob die permanente Krise des Kapitals nun systemrelevant ist, wird sich noch weisen. Der selbst reproduzierende Kapitalismus in all seinen globalen Mutationen ist ja bereits der resistente Virus par excellence.

Aus noch sämtlichen Konflikten, gerade und besonders denjenigen, welche kriegerisch ausgetragen werden, geht der krisenerprobte Kapitalismus als strahlender Held & Sieger hervor, scheinbar sämtlichen Gegnern hoch überlegen. Als Alleinherrscher über den Wert – schöpfend und verteilend – gleicht die Abhängigkeit des Einzelnen der eines Junkies. Fetisch Geld gilt als Grundstoff von Austausch und Kommunikation, als universelles Schmiermittel in den Beziehungen der Menschen untereinander. Seit aus Jägern und Sammlern besitzende Hirten und Sesshafte wurden, gewinnt das schwarze Loch der Kapitalisierung von Arbeit und Leben zunehmend an Sogkraft. Dass gerade jetzt, wo viele Menschen «frei gesetzt» werden, keine organisierten Demonstrationen möglich sind, ist kurz vor dem 1. Mai doppelt bitter. Angesichts anhaltender Kontaktsperre lässt sich selbst durch den Schleier von Notverordnung, Versammlungsverbot und Contact-Tracing unschwer die Dystopie von dominanter Exekutive und wachsender sozialer Unzufriedenheit erahnen – Apocalypse now, Revolution later.

Foreign Virus

Nein, das Kapital hat nichts zu befürchten. Dieses Virus wird zwar mit einigen Gewissheiten aufräumen. Das weltweite Privateigentum allerdings wird, so viel ist sicher, hierzulande auch in Zukunft Asyl finden. Denn ganz im Gegensatz zu flüchtenden Menschen übertragen Sach- und Geldwerte keine ansteckenden Krankheiten.

Und deshalb gewährt man auch den Malern und den Gipsern eine Ausnahme von den geltenden Hygieneregeln: Die Handwerker können den Sicherheitsabstand nicht einhalten. Eigentlich müsste man die Baustellen deswegen schließen. Aber das wäre unverhältnismäßig. Erstens ist das Baugewerbe systemrelevant, und zweitens handelt es sich bei dieser Berufsgruppe in erster Linie nicht um Schweizer, sondern um Ausländer.

              Essay von Lukas Bärfuss über den Virus und die Schweiz

Senizid

In Krisenzeiten wie heute kämpfen in gewohnt übler Manier Natur und Wirtschaft als bloss vorgeschobene Player, das nur Wohlhabende selig machende Goldene Kalb wird von der neoliberalen Denke überhöht. Und schon kommt ein zynisches Statement wie vom Vize-Gouverneur des US-Gliedstaates Texas daher, in dem es unverblümt heisst, Ältere sollten besser sterben bevor die Wirtschaft abstirbt. Stillschweigend wollte man im Vereinten Königreich zunächst auf Herdenimmunität setzen, ehe mathematische Modelle warnend eine abrupt hohe Zahl von Todesopfern prognostizierten. Sozialdarwinismus bleibt moralisch und gesellschaftlich ein ziemlich heisses Eisen, wobei es einige historische und selbst zeitgenössische Beispiele gibt und in Zeiten von Genschere Begriffe wie Euthanasie allzu gerne neu verhandelt werden.

Der Senizid oder Alters-Pflicht-Suizid trat als Sitte global, aber nicht ubiquitär auf. Bis in die Erzählmotive hinein finden wir über weit entfernt liegende Kulturräume hinweg Gemeinsamkeiten und Konstanten, etwa das Tragen der moribunden Alten auf einen Berg. In frühen Erzählungen wird der Senizid umstandslos gerechtfertigt; spätere Berichte lassen bei der Überwindung und Warnung vor dem Töten der Alten humane Argumente zu. Oft äußerst sich die der Senizid rituell, öffentlich und festlich, manchmal auch still und individuell. Dem eigentlichen Senizid konnte eine lange Phase der Segregation – Marginalisierung, Missachtung und Ächtung vorausgehen – und geht heute wieder voraus! Die Alten wurden zunehmend verspottet, ignoriert, dann vernachlässigt, etwa indem ihnen das Essen weggenommen wurde und sie zum Betteln gezwungen waren, bis der Leidensweg in Euthanasie oder dem Verlöschen ein Ende fand. Ein Senizid ist nie Ausdruck einer extrem barbarischen Gesinnung, sondern setzt die hoch entwickelte Gedankenwelt von Bauern oder Hirten voraus und dient dem verantwortungsbewusstem Ziel, das Überleben des Clans zu sichern.

(Pousset,Raimund 2018,Senizid in der Vergangenheit,Springer Wiesbaden)

«Keine Denkverbote, wird man wohl noch sagen dürfen» tönt bereits in den Ohren und womöglich fordere eine kräftige Wirtschaftsbaisse doch viel mehr Opfer, fleissig gerechnet und verglichen wird bereits. Es wird sich weisen, ob der kapitalistische Populismus oder der Gemeinsinn reüssiert. Als kollektives Wesen ist der Mensch soziologisch betrachtet auf Kooperation ausgerichtet, soziale Intelligenz zielführender und essentieller als Konfrontation. Äusserer Druck und innere Ungleichheit werden gerne als Faktoren für wachsenden Chauvinismus im Sinne des auseinander driften der Gesellschaft angeführt (Lagerkomplex — keiner thematisiert oder versteht das Andere). Die sozialökonomische Struktur steht durch die vom Virus ausgelösten Drucksituation vor einer riesigen aber unvermeidbaren Herausforderung, gewohntes gerät ins Rutschen und Diskurse wie ein bedingungsloses Grundeinkommen werden thematisch weiter in den Mittelpunkt rücken. Hasta siempre!

Blase

Die  Klima-Welle hat die Wahl-Schweiz behutsam überschwemmt, beide Grünparteien im Plus und zusammen nominell stärker als die SP. Die Gut-Bürgerliche Mehrheit war jedoch nie in Gefahr, zumal Grün schon lange wenn nicht schon immer ziemlich bourgois ist – da ist klar, dass eine ausgesprochene Arbeiterpartei es besonders schwer hat. Ausser im Ex-Preussischen Kanton Neuenburg wird kein Parlamentsitz gewonnen, da helfen rote Luftballons nicht weiter, wobei derart Wahlkampfriten in Legokritischen Zeiten sowieso fragwürdig sind. Aerostaten sind reichlich kontraproduktiv, wenn sogar jedes Kind weiss, dass es bis zur Verrottung solcher Gummiblasen 160 Jahre dauern kann, falls nicht vorher ein Fisch oder Mensch anbeisst. Vermutlich fehlt Kommunismus à la PDA schlicht der notwendige Biss.

Kapitalion

Walter Benjamin (gestorben 1940 auf der Flucht vor den Nazis, im spanischen Grenzort Port Bou) war ein deutscher Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer der Werke von Balzac, Baudelaire und Marcel Proust.

Das folgende Fragment stammt aus dem Jahre 1921 und behandelt die Parallelen und Unterschiede zwischen Kapitalismus und Religion in der Moderne.

Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben. Der Nachweis dieser religiösen Struktur des Kapitalismus, nicht nur, wie Weber meint, als eines religiös bedingten Gebildes, sondern als einer essentiell religiösen Erscheinung, würde heute noch auf den Abweg einer maßlosen Universalpolemik führen. Wir können das Netz in dem wir stehen nicht zuziehn. Später wird dies jedoch überblickt werden.

Drei Züge jedoch sind schon in der Gegenwart an dieser religiösen Struktur des Kapitalismus erkennbar. Erstens ist der Kapitalismus eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Beziehung auf den Kultus Bedeutung, er kennt keine spezielle Dogmatik, keine Theologie. Der Utilitarismus gewinnt unter diesem Gesichtspunkt seine religiöse Färbung. Mit dieser Konkretion des Kultus hängt ein zweiter Zug des Kapitalismus zusammen: die permanente Dauer des Kultus. Der Kapitalismus ist die Zelebrierung eines Kultes sans rêve et sans merci. Es gibt da keinen „Wochentag“, keinen Tag der nicht Festtag in dem fürchterlichen Sinne der Entfaltung allen sakralen Pompes, der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre. Dieser Kultus ist zum dritten verschuldend. Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus. Hierin steht dieses Religionssystem im Sturz einer ungeheuren Bewegung. Ein ungeheures Schuldbewußtsein das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen, dem Bewußtsein sie einzuhämmern und endlich und vor allem den Gott selbst in diese Schuld einzubegreifen, um endlich ihn selbst an der Entsühnung zu interessieren.

walter-benjamin-geduld

Diese ist hier also nicht im Kultus selbst zu erwarten, noch auch in der Reformation dieser Religion, die an etwas Sicheres in ihr sich müßte halten können, noch in der Absage an sie. Es liegt im Wesen dieser religiösen Bewegung, welche der Kapitalismus ist, das Aushalten bis ans Ende, bis an die endliche völlige Verschuldung Gottes, den erreichten Weltzustand der Verzweiflung auf die gerade noch gehofft wird. Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. Die Ausweitung der Verzweiflung zum religiösen Weltzustand aus dem die Heilung zu erwarten sei. Gottes Transzendenz ist gefallen. Aber er ist nicht tot, er ist ins Menschenschicksal einbezogen. Dieser Durchgang des Planeten Mensch durch das Haus der Verzweiflung in der absoluten Einsamkeit seiner Bahn ist das Ethos das Nietzsche bestimmt. Dieser Mensch ist der Übermensch, der erste der die kapitalistische Religion erkennend zu erfüllen beginnt. Ihr vierter Zug ist, daß ihr Gott verheimlicht werden muß, erst im Zenith seiner Verschuldung angesprochen werden darf. Der Kultus wird von einer ungereiften Gottheit zelebriert, jede Vorstellung, jeder Gedanke an sie verletzt das Geheimnis ihrer Reife.

Die Freudsche Theorie gehört auch zur Priesterherrschaft von diesem Kult. Sie ist ganz kapitalistisch gedacht. Das Verdrängte, die sündige Vorstellung, ist aus tiefster, noch zu durchleuchtender Analogie das Kapital, welches die Hölle des Unbewußten verzinst. Der Typus des kapitalistischen religiösen Denkens findet sich großartig in der Philosophie Nietzsches ausgesprochen. Der Gedanke des Übermenschen verlegt den apokalyptischen „Sprung“ nicht in die Umkehr, Sühne, Reinigung, Buße, sondern in die scheinbar stetige, in der letzten Spanne aber sprengende, diskontinuierliche Steigerung. Daher sind Steigerung und Entwicklung im Sinne des „non facit saltum“ unvereinbar. Der Übermensch ist der ohne Umkehr angelangte, der durch den Himmel durchgewachsne, historische Mensch. Diese Sprengung des Himmels durch gesteigerte Menschhaftigkeit, die religiös (auch für Nietzsche) Verschuldung ist und bleibt, hat Nietzsche präjudiziert.
Und ähnlich Marx: der nicht umkehrende Kapitalismus wird mit Zins und Zinseszins, als welche Funktion der Schuld (siehe die dämonische Zweideutigkeit dieses Begriffs) sind, Sozialismus.

(aus: Walter Benjamin: Kapitalismus als Religion [Fragment], in: Gesammelte Schriften, Hrsg.: Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, 7 Bde, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1. Auflage, 1991, Bd. VI, S. 100 – 102)

Zeitnot

Das Fortschrittsversprechen hält nicht mehr – der Widerspruch von Beschleunigung und Zeit entzweit den modernen Menschen. Technischer Fortschritt wird zwar gerne als Zeitgewinn beworben und doch lässt sich die Zeit nicht sparen oder vermehren, sondern bloss verdichten. Mehr tun in weniger Zeit lautet die Devise. Der Zeitdruck in Beruf und Freizeit nimmt dramatisch zu: beispielsweise spart Email zunächst vermeintlich Zeit, was aber in der Folge schon rein mengenmässig ins Absurde gekehrt wird; technische Apparaturen dienen nicht nur der Beschleunigung von Arbeitsabläufen sondern auch deren Vervielfältigung. In der Freizeit gilt das Primat der Selbstoptimierung und sogar Entschleunigung wird so zum Stress. Jedwede gesellschaftliche Resonanz tritt folglich mehr und mehr in den Hintergrund.

Once I had a love and it was a gas
Soon turned out to be a pain in the ass
Seemed like the real thing, only to find
Mucho mistrust, love’s gone behind

© Debbie Harry/Chris Stein

Die Verheissung namens Fortschritt wird zum Zwang: falls man sich nicht optimiert, effizient aufstellt, eine Strukturanpassung durchführt, ist man der Konkurrenzsituation nicht gewachsen. In einer wettbewerbsbasierten Gesellschaft herrscht notorische Unruhe, so dass Angst ein Hauptantriebsfaktor ist, der einen auf die Akkumulationsschiene treibt.

Für Soziologe Hartmut Rosa ist das kapitalistische Wirtschaftssystem ursächlich für die dramatische Beschleunigung seit dem 18. Jahrhundert. War dessen Versprechen vor allem Bedürfnisbefriedung und ein besseres Leben, was noch für jede Elterngeneration bezüglich der Zukunft ihrer Nachkommen gesellschaftlicher Konsens war, so zeigt sich heute, dass durch steigendes Wachstum selbstzerstörerische Kräfte freigesetzt werden. Nicht nur in der Umwelt entstehen irreparable Schäden, sondern auch im Menschen, wenn er zunehmenden Zeitdruck nicht mehr standhält.

«Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken.»

(F. Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches – Chemnitz 1878)

Burning Candle, Kerze brennt an zwei Dochten, Double Burning Candle

Die Turbogesellschaft leidet unter Zeitdruck, die Zeit geht scheinbar aus, weil durch technische Beschleunigung mehr Welt möglich erscheint, jeder Arbeits- und Urlaubsplatz dank Auto, Bahn oder Flugzeug jederzeit erreichbar ist. Zugleich wird Zeit zum knappen Gut und die herrschende Grundorientierung immer absurder: noch mehr tun, noch effektiver mit der Zeit haushalten und dennoch geht man am Ende des Tages immer öfter als schuldbewusstes Subjekt zu Bett, da meist Aufgaben und Dinge bleiben, die man nicht erledigt hat, abgesehen von der permanent wild wuchernden alltäglichen To-do-Liste. Erhaltung durch Akkumulation und Steigerung ist das grosse Paradoxum im Kapitalismus, bereits Stillstand bedeutet ökonomischen Abstieg im gesellschaftlichen wie persönlichem Rahmen.

Atomzeit

Gemäss Hartmut Rosa war Wissen für die allermeisten Kulturen wie ein wohl behüteter Schatz: von der Nahrungssuche über kultische Handlungen bis zur Vorratshaltung wurde dieser Schatz einst umsichtig tradiert. In der Moderne wird aus dem Wissenschatz die Wissenschaft, eine Dynamisierung, welche es nicht darauf anlegt Wissen zu transportieren, sondern viel mehr Fragen stellt als beantwortet. Dies ist ein völlig neues Konzept von Wissen, Forschung wird wichtiger als Lehre, das Weitergeben von Wissen. Die Wissen*schaft* lebt davon, dass sie fortlaufend neue Fragen stellt, neue Ergebnisse und Erkenntnisse erzielt, Grenzen des Gewussten systematisch ausweitet. Rosa zufolge war für den beginnenden Beschleunigungsprozess jene Änderung der institutionellen Grundstruktur massgeblich, nämlich dass nur durch Steigerung die gesellschaftliche Formation erhalten werden könne.

Die einstige Hoffnung, die Grundangst ökonomischer Knappheit durch das kapitalistische Wirtschaftssystem aufzulösen ist heutzutage einer neuen Existenzangst gewichen, der mittlerweile globalisierte Existenzkampf verursacht hierbei noch mehr zeitlichen Druck. Dieser aber wirkt nicht nur von aussen, sondern fordert nach der Optimierungslogik auch andauernd das Beste aus sich selbst heraus zu holen. Entfremdung, der Zwang nach mehr Weltverfügung steigt durch technischen Fortschritt: Aneignung, Optimierung und Ansammlung sind Anforderungen und Stressfaktoren zugleich. Jene Beschleunigung kann bewirken, dass die Welt unnahbar fremd und leer, fast schon als totes Material erscheint, es fehlt der Zugang und winkt der Burnout.

Weltzeit

Die moderne Angst, quasi den Faden zur Welt zu verlieren, obwohl man sie zu kennen und zu beherrschen meint, hält Esoterikboom und Fundamentalismus den Steigbügel; diese sind bei jeder Ungewissheit sofort zur Stelle: ohnehin findet emotional aufgeladene und überladene Symbolik gerade dort ihr Zielpublikum und bietet allerlei Versprechungen.

Jedwedes Resonanzverhältnis aber ist ähnlich der Kommunikation aufgebaut: ein Buch quer zu lesen spart Zeit, doch fehlt dabei die Anverwandlung. Damit das Buch mich tatsächlich erreicht, berührt, etwas in mir bewirkt, muss ich mir Zeit nehmen, zulassen, dass überhaupt eine Resonanzbeziehung entstehen kann. Dasselbe gilt für die Rezeption von Musik, das Geniessen der Natur, die zwischenmenschlichen Beziehungen überhaupt — der Faktor Zeit bleibt allgegenwärtig und in der Tat bestimmend.

Machtfrage

Als sich einst West- und Ostblock noch mächtig konkurrierten, war ein soziales Feigenblatt für die freie Marktwirtschaft zugleich dekorativ und zweckdienlich. Der real existierende Kapitalismus moderner Prägung will sich aber einen Wohlfahrtsstaat à la Sozialdemokratie immer weniger leisten.

Denlmal der Arbeit,Arbeiter, ProletariarerallerLänder, Zürich, Karl Geiser, Helvetiaplatz, Arbeiterdenkmal
Karl Geiser (1898–1957), «Denkmal der Arbeit»,
1952–1957, Helvetiaplatz Zürich

Der Hauptgrund hierfür ist, dass Erträge aus der Finanzwirtschaft lukrativer sind als jene aus der Realwirtschaft. Deswegen sind nicht die von Menschen erwirtschafteten Güter und damit die Menschen selbst wichtig. Nein, diese werden immer verzichtbarer.

An der Regulierung der Finanzmärkte muss angesetzt werden, wenn auf die aktuell bleibende ideologische Frage — wer ist wichtiger: die Rendite oder die Menschen — die richtige Antwort gegeben werden soll.

Bankrun

Falls in der Schweiz ein Run auf die Franken-Automaten anstünde, wäre er wahrscheinlich eher gesittet, wie das hilfsbereite Post-it eines Bankomaten-Kunden erahnen lässt. Ausserdem beruhigend: das Land besitzt sowieso mehr als genug Geldreserven.

Bankomat, Geldautomat leer, Schweizer Höflichkeit, Sozialkompetenz

Zudem wird der Eidgenosse ständig daran erinnert Vorräte anzulegen «Kluger Rat — Notvorrat», wobei der Armeechef natürlich mit gutem Beispiel stets vorweg marschiert. Gut, der letzte Sonnensturm ging nochmal glimpflich ab, aber steht nicht der Russe Flüchtling Grieche bereits draussen vor der Türe?

unfuck greece, greece 2015, EU, Euro 2015

Kuschelkreuz

Während der Deutschschweizer Reformator Huldrych Zwingli selbst noch die eher harmlosen Orgeln aus den Kirchen entfernen liess, standen Bildersturm und Feierlaune im Lutherland in einem viel ausgewogeneren Verhältnis. In reformierten Kirchen der Schweiz findet man bis heute kaum ein Kreuz, geschweige denn ein Kruzifix. Fast 500 Jahre nach dem Big Bang gibt es aus dem grossen Kanton nun das wattierte Symbol für den gutmenschlichen Preis von knapp 100 Euronen. Abgesehen von der pekunären Chuzpe ist rein figürlich betrachtet das Ganze eine überraschend gelungene Demaskierung der protestantischen Ethik im Geist des Kapitalismus, n´est-ce pas?

the snuggle cross, free jee, Kuschelkreuz, Ralf Kopp, freeJee

Kunst sells.

Maifeier

Der Musik-Gottesdienst im Offenen St. Jakob stand ganz im Zeichen von Freiheit, Widerstand und Anarchie. Derweil der musikalische Spannungsboten von “Die Gedanken sind frei” über “Bella Ciao” bis zur “Internationale” führte, las der selbstbewusste Pfarrer der selbstoptimierten Leistungsgesellschaft leidenschaftlich die Leviten, da jene offensichtlich und vordergründig völlig entspannt die permanente Auto-Ausbeutung propagiere und durchsetze. Ein klares (äusseres) Feindbild gehe bei diesem subversiven Mechanismus völlig abhanden und bei Auflehnung kehre sich die Energie destruktiv nach innen und generiere die zeitgenössische Depression, den Burn-Out.

Als Gegenentwurf wurde ein herrschaftsloser Zustand der Anarchie skizziert, sowieso eingeschränkter Konsum und mehr Mut zur Freizeit. Selbst bei der Kollekte betonte der Vortragende, dass es vermutlich besser sei einfach einem Bedürftigen auf der Strasse das Geld in die Hand zu drücken, als damit den Opferstock zu füttern. Die kleine Gemeinde war durchwegs beeindruckt von dieser Maifeier und der Hobbyschweizer trällerte zum Feierabend noch fröhlich den Refrain von Solidaritätslied…

Budgetkult

Executive Summary*

Im Jahr 1996 lancierte die Migros mit M-Budget eine Eigenmarke der tiefsten Preiskategorie. Die Einführung dieser Billiglinie war mit dem Ziel verbunden, die eigene Wettbewerbsposition im Discount-Bereich zu stärken und damit eine Abwanderung der preissensiblen Kundschaft zur zunehmenden Konkurrenz zu verhindern. Gleichzeitig sollten die Grossfamilien und die weniger kaufkräftigen Haushalte finanziell entlastet werden. Dadurch, dass einzelne Produkte von M-Budget in den Qualitätstests von Kassensturz und K-Tipp immer wieder gute Ergebnisse erzielten, oder die Konsumenten selbst positive Erfahrungen mit M-Budget machten, wurden die Produkte immer häufiger auch von anderen Schichten gekauft und bald in der ganzen Bevölkerung beliebt. Eine eigentliche Zielgruppe existiert deshalb heute nicht mehr. M-Budget wurde mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis verbunden und als eine Marke wahrgenommen, die bewusst auf ein aufwändiges Design und eine teure Warenpräsentation verzichtet, um trotz tiefer Preise eine angemessene Qualität anbieten zu können. Als das M-Budget-Sortiment ab Ende 2003 erstmals um einzelne Gebrauchsartikel erweitert wurde, die nur in limitierter Auflage erhältlich waren, brach, vor allem unter den Jugendlichen, eine regelrechte M-Budget-Euphorie aus. Die Migros begriff schnell, dass diese Artikel besonders bei den Jugendlichen gut ankommen und richtete die Sortimentserweiterungen deshalb gezielt auf diese Gruppe aus.

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Neben einem Snowboard, einem Skateboard oder einem Prepaid-Angebot für Handys, wurde eine Party-Serie gestartet, die über mehrere Jahre in allen grösseren Schweizer Städten Halt machte. Gleichzeitig brachte die Migros das Wort Kult in Umlauf und nutzte den Hype unter den Jugendlichen aus, um M-Budget als Kultmarke zu verkaufen und diesen Begriff zu verbreiten. Dazu wurde im Internet ein M-Budget „Kultshop“ eingerichtet, in welchem es Kleidung und Accessoires im M-Budget-Design und zu M-Budget-Preisen zu erwerben gab. M-Budget wurde schnell in der ganzen Schweiz als Kultmarke anerkannt und auch in den Medien wurde dieser Begriff im Zusammenhang mit M-Budget oft verwendet. Dabei schien sich niemand ernsthaft Gedanken zu machen, woher dieser Begriff kam und was er überhaupt bedeutet.

Laut Definition wird Kult als die Verehrung einer Gottheit angesehen und die damit verbundenen spirituellen Handlungen in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt. Nach heutigem Verständnis und auf die Markenwelt angewendet nimmt der Begriff eine etwas andere Bedeutung ein. Demnach muss eine Marke, die einen Kultstatus erreichen will, über eine klare Identität und Persönlichkeit verfügen, eine eindeutige Einstellung repräsentieren, also Ausdruck eines bestimmten Lebensstils sein, und in der Wahrnehmung einer bestimmten Gruppierung dauerhaft eine Sonderstellung einnehmen. Dazu braucht es neben einer überzeugenden Qualität und einer klaren Positionierung auch immer eine gewisse Kreativität. Die Marke muss sich also mit etwas Ungewöhnlichem von der Konkurrenz abheben. Oftmals steht dabei eine Ästhetik im Vordergrund, die mit den gesellschaftlichen Normen kollidiert und nur eine subkulturelle Gruppe anspricht. Wichtig ist auch ein über viele Jahre oder sogar Generationen beständiger und einheitlicher Auftritt, denn nur eine Marke, die eine aussergewöhnliche Idee langfristig erfolgreich umsetzt, kann eines Tages einen Kultstatus erlangen.

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Die Migros hat die zunehmende Preisorientierung der Konsumenten Ende der 90er Jahre frühzeitig erkannt und mit der Lancierung von M-Budget ein Zeichen gesetzt. Durch den grossen Sparcharakter konnte M-Budget viele Sympathien gewinnen. M-Budget ist in der ganzen Schweiz bekannt und verfügt über eine angemessene Qualität. Das Image von M-Budget in der Öffentlichkeit ist grösstenteils positiv. Darüber hinaus verfügt die Marke über eine klare Persönlichkeit und konnte in der Vergangenheit immer wieder mit der kreativen Umsetzung ihrer Idee punkten. Das spezielle Design von M-Budget hebt sich zudem deutlich von Konkurrenzprodukten ab, beinhaltet eine gewisse Selbstironie und wird von der breiten Masse eher als unästhetisch wahrgenommen. Darüber hinaus könnten die M-Budget-Parties durchaus als Kultrituale, Verehrung und Pflege der Marke an gesehen werden. Die Grundvoraussetzungen zur Erreichung von Kultstatus wären bei M-Budget also durchaus gegeben.

Wurden während dem M-Budget-Hype die Jugendlichen, die die Marke oftmals regelrecht gelebt haben, als Hauptzielgruppe und mögliche Kultanhängerschaft in den Mittelpunkt gerückt, ist M-Budget inzwischen auch bei dieser Gruppe zum Alltag geworden, da die Überraschungseffekte seitens der Marke ausblieben und einige Konkurrenzanbieter mit zu ähnlichen Konzepten in den Markt drängten. Zudem wurde das Sortiment mit aktuell 652 Produkten zu unübersichtlich, wodurch die Marke ihren speziellen Reiz verlor. Die Sonderstellung von M-Budget in den Köpfen der Jugendlichen verschwand und die Kernzielgruppe als dauerhafte Pfleger und Verehrer der Marke löste sich auf. Heute wird die Marke zwar immer noch von grossen Teilen der Bevölkerung geschätzt, doch nimmt M-Budget längst keine herausragende Stellung mehr ein, wird weder verehrt, noch als aussergewöhnlich empfunden, da zu viele vergleichbare Angebote existieren. Der Marke M-Budget kann deshalb kein Kultstatus zugeschrieben werden.

* Marketing Analyse am Institut für BWL der Universität Zürich

Konsumkritik

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Sklaverei in der Komfortzone (getabstract)
Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die unter einer Glaskuppel lebt. Ihre Mitglieder arbeiten, schlafen, lieben und konsumieren in dieser künstlichen Welt. Natürlich läuft das Leben nicht immer friedlich ab: Es gibt schon mal Streit mit dem Nachbarn, dem Chef oder den Politikern. Aber dann greifen bewährte Mechanismen der Deeskalation und Konfliktlösung. Niemand käme auch nur im Traum darauf, einen Blick auf die andere Seite der Glaskuppel zu riskieren oder gar sie zu zertrümmern. Warum auch: Es geht allen doch ganz ausgezeichnet, selbst der Ärmste ist noch zufrieden. So ist das Leben in der Komfortzone. Das ist keine Science-Fiction à la Brave New World oder Matrix, sondern eine Gesellschaftsbeschreibung aus der Sicht von Herbert Marcuse. Seine Zeit: die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Marcuse zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die von den Annehmlichkeiten eines Systems – egal ob kapitalistisch oder sozialistisch – eingelullt wird und sich das gern gefallen lässt. Medien, Politik und Wirtschaft ziehen an einem Strang, um das Individuum zufriedenzustellen und zu unterdrücken. Die Konsumwelt aus Luxus, Medien und Waren ist getarnte Sklaverei. Eine beunruhigende Bestandsaufnahme des modernen Kapitalismus.

Der eindimensionale Mensch wird 50 — nix wie hin.

Mesmerismus

Der “animalische” (tierische) Magnetismus bildet den theoretischen Überbau für eine okkulte Heilmethode aus dem 18. Jahrhundert, welche von einem bloss vermuteten, jedenfalls nicht-stofflichen Fluidum ausgehend etwaig blockierte Lebenströme mittels Handauflegen zu reaktivieren versucht. Panta rhei, dachte sich der Grieche. Chi, sagt der Chinese und meint das Gleiche.

mesmerismus, magnetismus, animalischer magnetismus, osteopathie, okkulte heilverfahren, handauflegen, heilende hände

Tierischer Magnetismus gefällig?

Alternative Heilmethoden sind selbst in der nachgöttlichen Neuzeit eine gefragte und gut bezahlte Tätigkeit von Heilern, Sehern und Handauflegern. Ob Osteopathie, TCM, Homöopathie oder einfache Gesprächstherapie, es ist für alle Geschmäcker und Lebenslagen (vor)gesorgt. Die ganzheitliche Behandlung des ehedem doktrinär streng dreigeteilten Individuums scheint zeitgemäss, vor allem aber zu wirken.

In einer mitteilungsbedürftigen Gesellschaft ist jedweder kommunikativer Stress bzw. Stau ein beinahe schon trendiger Befund. Seelenstriptease ist gängig und gilt als moderne und durchaus aufgeschlossene Selbstkasteiung. Seit das Nackigmachen in den therapeutischen Beichtstühlen seine Anzüglichkeit verloren hat, scheint alles Spruchreife verhandelbar. Wenn aber alles benennbar ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass jedwede Ent-Äusserung verständlich ist. Systembedingt produzieren Overhead und Redundanz jedoch fortlaufend neue Verwirrung.

My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
My baby baby, balla balla
Ooh balla balla.

Jenes zeitgenössiches Mitteilungsbedürfnis hat einen recht trivialen, zivilisatorischen Grund: die andauernde Entmenschlichung in einer durchtechnisierten Realität nebst all der kommunikativen Störgeräusche, in der die zunehmende Reizüberflutung kaum bewältigt, geschweige denn geordnet werden kann. Das permanent beschleunigte Dasein ist einfach zu rasant für unsere altbackenen Sinne, wird kaum erfahren und erlebt, weil es in dieser Rastlosigkeit schlicht an Zeit für Details fehlt. Digitale Hilfsmittel, ursprünglich als kommunikative Krücken entwickelt, erscheinen so als undifferenzierte Antennen, die nur noch mehr unverdauliche Information zuführen.

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Klumpprinzip: im Ex-Magnet-Haus verspricht heute ein psychotherapeutischer Psychosomatiker psychiatrische Heilung

Wo einst Naturreligionen und Monotheismen den traditionellen Weg zum Seelenheil aufzeigten, versperren heute zahllose Hinweise, welche den Weg oder gar das Ziel zeigen wollen, die Sicht aufs Wesentliche, nämlich das Diesseitige, das hier und jetzt. Zudem kommen therapeutische Angebote oft einseitig pekunär orientiert daher. In der Seelenheilkunde werden laufend neue Krankheitsbilder beschrieben und zeitnah therapeutisches Expertenwissen feil geboten.

Die Menschmaschine soll mit Hilfe kostenpflichtiger Wartungsinstanzen bis hin zum der Persönlichkeitsoptimierung dienenden und in geradezu inflationärer Weise allgegenwärtigen Coaching möglichst reibungslos und effizient funktionieren, um ganz profan den Mehrwert zu mehren.

Alles fliesst — möglichst profitabel — von unten nach oben.

Unsere Freundschaft ist das Geld
Mit dem wir bezahlen was man zahlen muss
Alles muss im Überfluss vorhanden sein
Dann sind wir nie allein