Bibelfest

24. Oktober 2019

Zementierte Buchreligionen en masse von Hans Thomann, St. Gallen:


Wunderlich

24. September 2019


Meet Shalva

17. Mai 2019

ESC am Schabbes in Israel — da kräuseln bereits im Vorfeld die Empörungswellen und Frontrunner (West-) Jerusalem wurde auf der Zielgeraden durch das hedonistische Tel Aviv ersetzt. Die Kirmes in Sachen weitgehend talentfreier Zurschaustellung hat heuer noch ein weiteres Opfer gefunden. Aus religiösen Gründen trat die Hausband eines israelischen Behindertenwerks nicht im nationalen Finale an, obwohl es bereits dort beste Siegchancen besass. Die Botschaft ist orthodox, selbst Sabbat-taugliche Mikrophone wurden erörtert, aber die ganze Chose vom Rabbinat letztlich nicht gut geheissen. Die federführende Eurovision bestand auf dem Sonnabend als Tag des Grand Final, fertig. Der Sieg beim ESC wäre nach den ganzen barttragenden Queers und der wiederkäuenden Regenbogenkfolklore einer sichtlich eingeschränkten Combo mit seichtem aber massentauglichem Liedgut nur schwer zu nehmen gewesen, Mitleidsbonus eingerechnet. Jetzt bleiben die australische Diva mit windverwehten überlangen Kleiderfetzen im Dementorenlook auf beweglicher Fiberglasstange, die verwirrend verwegenen Isländer und natürlich der Gewinner aus Aserbaidschan, falls der hüftsteife Kühlschrank mit dem von Roboterlasern holografierten Kunstherz in den gerade noch erträglichen drei Minuten etwas ansehnlicher performt. Allemagne moins de douze points en totale, CH wird locker das dreifache einsacken. Malus < Bonus. France sans chance, bleibt mein ewiger Favorit Srbija. Und hoffentlich sahnt nicht eines dieser unsäglich schmachtenden Duos oder Trios ab, doch beim ESC hat noch immer die momentane Geschmacksverwirrung gewonnen. ESC ist egal.

 

Why this Israeli band of disabled musicians said no to Eurovision


Kitschkrieg

19. April 2019

Für die christliche Bewegung sind Kreuzigung und Auferstehung die Hochzeit des Jahres, noch vor Weihnachten führt Ostern mit 3 zu 2 Feiertagen. Die Dialektik von Sühne und Hoffnung, die sich so vortrefflich ins Unterbewusstsein meisseln lässt und das tragische Drama, in welchem der Held wehrlos und verraten, aber aufrichtig dem Tod entgegen geht, fördern die Legende. Im Drehbuch klare Rollenverteilung: Kaiphas und Pontius P – Jude und Heide als miese Bösewichte, der Todesstrafe fordernde Mob bekommt den Schwarzen Peter. In wohl keiner neuzeitlichen Religion steht der Tod als Opfer so im Zentrum der Verehrung. Kultisch als Erlösung codiert ist er blosse metaphysischen Etappe. Dass einer für alle quasi reinigend stirbt, ist eine ziemlich komplexe und clever durchkombinierte Geschichte.

Kitsch as Kitsch can – fake Heiligenbild:

Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute.

Nun wurde seit jeher die tatsächliche Existenz des annoncierten Messiahs hinterfragt und die Zweifel am Dualismus von Tod und Auferstehung blieb systemisch den Säkularen und Andersgläubigen überlassen. Laut Talmud wird er nur «jener Mann» genannt, sei Sohn einer Hure und wurde als falscher Prophet und Verführer Israels angeklagt und gehängt. Im Koran wird ʿĪsā ibn Maryam als Prophet anerkannt, doch nicht dessen Tod am Kreuz. Wobei die islamische Fraktion der Ahmadiyya sogar behauptet, dass Jesus alias Yuz Asaf nach seiner Wanderung schliesslich in Kaschmir begraben und seine Wiederkunft spirituell in Gestalt ihres Religionsgründers erfolgt sei.

Eine neue Facette offeriert nun Historiker Johannes Fried, indem er wissenschaftlich herzuleiten versucht, dass der komatöse Jeschoa bei der Kreuzigung keineswegs gestorben, sondern mit Hilfe von Nicodemus, Myrrhe und Aloe (John 19) wieder genesen und anschliessend untergetaucht sei. Die bei Kreuzigungen oftmals zum Tode führende Erstickung sei dabei auf Golgatha aufgrund des Lanzenstichs eines römischen Soldaten unbeabsichtigt verhindert worden, da nun Wundflüssigkeit aus dem Thorax entweichen konnte und das Atemorgan wieder den notwendigen Platz erhielt. Die Auferstehung also erklärbar und höchstens ein medizinisches Wunder, Himmelfahrt dann schlicht die Flucht des Wanderpredigers. Frieds Indizienkette ist logisch schlüssig, lässt sich Neutestamentarisch halbwegs begründen, bleibt historisch jedoch unbelegt.

Legendenbildung als Geschäftsidee

Glaube und Wunschdenken gehen einträchtig durchs gelobte Land. Jerusalem-Syndrom nur Hilfsausdruck. Der Bibelkritik und Jesus-Forschung bleibt weiter genug Raum für abenteuerliche Spekulation und Interpretation und diese findet ihren Markt, da Thema und Deutung Nachfrage sowohl bedienen wie schaffen. Religiöse Spinner waren immer, und schon immer finden sie Zulauf. Apokalypse, baby.


Ficus religiosa

12. März 2019

1’m 50 h4ppy ‘c4u53 70d4y 1 f0und my fr13nd5
7h3y’r3 1n my h34d
1’m 50 u6ly, 7h47’5 0k4y, ‘c4u53 50 4r3 y0u
w3 br0k3 0ur m1rr0r5
5und4y m0rn1n’ 15 3v3ryd4y f0r 4ll 1 c4r3
4nd 1’m n07 5c4r3d
l16h7 my c4ndl35 1n 4 d4z3 ‘c4u53 1’v3 f0und 60d.


Zwinglich

18. Januar 2019

Der Theologe Ulrich Zwingli steht im Mittelpunkt eines aufwändig produzierten Films, welcher den Beginn der Reformation in der Eidgenossenschaft historisch korrekt abzubilden versucht. Die stürmischen zwölf Jahre, in denen Zwingli in Zürich als Leutpriester prägend wirkte, werden nahezu vollständig und fast wie im Zeitraffer abgehandelt. Tricktechnisch wird Zürich nahezu perfekt in die Mittelalterliche Ära gebeamt. Schwarze Pest, Ertränken von Täufern, Verbrennung von Reformatoren und schliesslich Zwinglis Tod selbst auf dem Schlachtfeld sind die eher düsteren Seiten der Erzählung. Armen- und Krankenfürsorge, Volksbildung sowie Aufhebung von Leibeigenschaft und Zölibat die hoffnungsfrohen Botschaften der gesellschaftspolitischen Neuordnung. Im Film knapp erwähnt der Disput mit dem nördlichen Kollegen Luther («Menschenfresser»), der alsbald zu einem Riss in der Bewegung führen sollte. Erst 1973 wurde im Konkordat von Leuenberg das 450 Jahre andauernde Schisma des Protestantismus beseitigt. Wie sich Zwingli vom Humanisten zum Kriegsherrn und -treiber entwickeln konnte, ist in der Auseinandersetzung mit den radikalen Täufern bereits angelegt – tendenziell korrumpiert Macht. Huldrych (Huld-reich – so nannte er sich nach glücklich überstandener Pest) war auch nur ein Kind seiner Zeit und bis zur Aufklärung sollte es schon noch etwas dauern.

Dafür bleibt im über zweistündigen Film mehr als genug Zeit und Raum für so ziemlich alles Wesentliche aus der Anfangszeit der Reformation in ZH/CH: Söldnerwesen, Wurstessen, Ikonoklasmus, Aufhebung der Klöster, Glaubenskrieg. Im Abspann wird der in Zürich berühmten Wiediker Wursterei Keller gedankt, hahaha. Doch nicht lokale Interessen stehen im Vordergrund,  deutlich tritt die Konzeption für den massenmarkttauglichen Mainstream zu Tage. Fast alles und jedes damals wie heute aktuelle Thema (Selbstbestimmung, Emanzipation, Demokratie, mediale Deutungshoheit, Framing bis hin zu Fake News) ist erkennbar doppelt vorhanden: als Reflexion vom realen Jetzt ins fiktive Damals und als Echo unverzerrt retour in die Echtzeit. Zum Film hat die Produktionsfirma das didaktische Begleitmaterial gleich mit aufgelegt, so dass in Bälde ganze Schulklassen ins Kino pilgern werden, zumal mit 12 Jahren die Altersbeschränkung recht grosszügig ist. Zwingli macht frei.

Die reformierte Kirche hat durch Mitfinanzierung den Film ermöglicht und termingerecht einen adretten Markenbotschafter zu den 500-Jahre-Feierlichkeiten in der Deutschschweiz geliefert bekommen. Doch wollte Jeschua nie eine Kirche gründen, Zwingli keine Kirche der Angst und Unterdrückung, keinen Ruhm. Und ob bei Gross und Klein der Subtext der Disruption, ganz so wie der philosophische Medienpirat Stefan M. Seydel es in der Zwingli-Geschichte  zu enträtseln vermag, wirklich ankommt?


Delikat Essen LXXX

21. Dezember 2018

Dass Frauen im Kanton Tessin und Schwyz am wenigsten zu sagen haben, erstaunt nicht. Dass der Bananenwerfer Doppelbürger ist, wundert niemand in der FCZ-Südkurve. Aber dass Schoggi Nazionale den Rechten nimmer schmeckt, ist eine fette Schlagzeile wert. Die spinnen, die AFDler.


Los Hamburgués

5. Dezember 2018

Hamburg Weltstadt stolz und reich und arm und würdelos. Eine völlig verlebt und zerlumpt aussehende Person schiebt ihre Sieben-Wagen-Karawane, bestehend aus schäbigen Trolleys und Einkaufswagen, wechselweise fünf Schritte das Trottoir entlang. Stau im Pyramidenbau nur Hilfsausdruck. Die Emsigkeit und Akkuratesse dieser seltsamen Performance steht im völligen Kontrast zu der nach wahllos zusammen gelesenen Müll aussehendem Ladung der übervollen Transportmittel. Petflaschen mit trübem Inhalt und andere erbärmliche Habseligkeiten sind eher zu erahnen als erkennbar, weil aus empfundener Scham gegenüber dem rastlos und ungerührt agierenden Menschen einerseits lieber nicht so genau hingeschaut wird, andererseits es nicht wirklich interessiert. Ein trostlos bleiernes Grauschwarz in der vifen Urbanität der agilen Neustadt. Unwirkliche Abscheu gepaart mit Staunen über die fast choreographiert wirkende Aktion stellt sich ein, dazu ein heimlicher Blick zurück. Watsdat?! Aber ja, die anderen Passanten haben es auch gesehen und ebenso sprachlos nicht reagiert. Das Elend in Teutoniens Metropolen wirkt krass im Vergleich zu der helvetischen Insel. Handkehrum fällt der Ex-Sozialministerin aus D das Fehlen solcher Strassenszenen hierorts sofort auf. Selber an der Armutsfront tapfer kämpfend kennen wir natürlich Obdachlose, arme Schlucker, Sans-Papiers und Wanderarbeiter. Aber nicht in solch drastischen Ausschmückungen wie im Harz4land. Sogar im beschaulichen Schwabenländle sind Bettler, Strassenmusikanten und herumlungernde Menschen in den Innenstädten gewöhnlich, in Zürich all dies unter Androhung von Wegweisung aber strikt untersagt. Wenn halbe Zombies durch die Berliner U-Bahn schwankend mit der “haste mal”-Forderung auf Kleingeld drängen, ist für glückselige Inselbewohner derart direkte Konfrontation nur erschreckend. Ein diffuses Gefühl keimt auf: wir sind reich, weil ihr arm seid. Wenig später beim Michel, eine beinah noch groteskere Szenerie. Wo innen wahrhaftig ein Geschäftsführer tituliert, wird aussen überm Hauptportal Satan vom namensgebenden Erzengel stolz mit dem Kreuze bezwungen. Gleich nach dem Sieg dann drinnen das unübersehbare Schild mit der Bitte, gefälligst (s)einen Obulus abzulassen.


Transhumanismus

15. November 2018

Zwischen einem und zweieinhalb Petabyte Datenspeicher sind nach Schätzungen neurowissenschaftlicher Informatiker rein rechnerisch nötig, um die 100 Mrd. Nervenzellen nebst den Zehntausend Kontaktstellen des menschlichen Gehirns digital abzubilden. Manche träumen schon von einer digitalen Unsterblichkeit, nicht in den Sozialen Medien, sondern auf real existierender Hardware. Die Voraussetzungen scheinen gut: nach dem Moor´schen Gesetz verdoppeln Computer ihre Rechenleistung etwa alle 18 Monate, die Wayback-Machine (Internet-Archiv) sortierte und speicherte von 2001 bis 2016 bereits alleine 15 Petabyte Daten. Speicherkapazität rulez.

Manche zeitgenössische Romanciers sind bei dieser Thematik zumindest ideell etwas weiter: in Hologrammatica entwirft Tom Hillenbrand eine gleichermassen kühne wie kühle Vision einer re-bootbaren Menschmaschine und damit serieller Unsterblichkeit. Vermengt werden sinister agierende Super-KI mit etwas Extraterrestik und einer Prise globaler Simulation zu einem ausufernden SciFi-Eintopf. Multitalent Dietmar Dath legt in seiner Fantasie Die Abschaffung der Arten noch einen drauf: Menschen sind von genetisch neuartig enstandenen hochintelligenten Wesen, welche von Geschlecht und Gattung völlig losgelöst sich selbst zu kopieren vermögen, längst verdrängt, werden jedoch aus zoologischem Interesse bzw. als Kuriosum weiterhin gehalten.

“Wir wollen dahin, dass eine Intelligenz alles verstehen und jede Aufgabe lösen kann. Nicht der Mensch denkt sich was Neues aus, sondern das System. Der KI-Forscher wird durch ein neuronales Netz ersetzt.”

(Bio-Informatiker Josef Hochreiter im Interview)

Ist Re-Materialisierung von geistiger und körperlicher Essenz generell möglich? Kryoniker hoffen darauf: Schockfrostung gefolgt von Lagerung bei minus 196 Grad sind ein gewagtes Investitionsrisiko, eine teure Wette auf die Zukunft. Wie die reine Hülle dann ganzheitlich beseelt werden soll, bleibt noch fraglich. Wahrscheinlich wissen wir mehr, falls die geplante Kopftransplantation ohne begleitende Lähmungserscheinungen tatsächlich gelänge, Rückenmark hier nur Hilfsausdruck.

Die medizinische Genetik macht derweil rasante Fortschritte, Stichwort Crispr/Cas (Gen-Schere). Gendefekte werden im molekular-biologischen Laborversuch modifiziert bzw. repariert; im Tierversuch heute bereits vorgeburtlich. Lifescience verspricht der künftige Wachstumsmarkt zu werden, Gen-Kopien könnten Transplantationen überflüssig machen. Körperliche Eingriffe finden mittels viraler Vektoren statt, wobei gentechnisch alles denkbar ist, was über die reine Reparatur hinausgeht. Die Kosten für eine solche Gen-Infusion liegen heute noch in dem Bereich von einigen Millionen — wird solch ein Human-EnhancementCocktail künftig nicht nur für Wenige bezahlbar und werden dann alle Nachfahren automatisch robust, schlau und schön? Kann ein makelloses Embryo mittels Genkatalog gebastelt werden? Die heikle Fragestellung lautet: soll es möglich sein, den Menschen abseits aller gewöhnlichen Schönheits-OPs per se via Erbgut möglichst perfekt zu tunen? Ethisch und moralisch ist für Hochspannung gesorgt, wenn die begehrte Hauptrolle Gott neu besetzt wird. Faust, Frankenstein, Godzilla & Co. lassen schön grüssen, auch ohne den derzeit allzu inflationär gebrauchten Begriff der Dystopie unnötig weiter zu befeuern. Mutation war und ist schliesslich immer…


Volksmission

5. November 2018

Die ursprünglich aus dem Kongo stammende Eglise Eternel est Bon wird von einer überaus stimmgewaltigen Frontfrau leidenschaftlich unterstützt:

Evangelisation der Migrationskirche GBG Samstags 15 Uhr Stauffacher

Auffällig hierbei: die Propagandisten mit dem dunkleren Teint bleiben völlig im Hintergrund. Betont zurückhaltend, fast im Kontrast zur lautstarken Mission, jedenfalls keineswegs offensiv offerieren sie ihre kleinen bunten Flyer mit Hinweisen auf ihre in Suburbia beheimatete Gemeinde. Ein Junge überreicht mir schüchtern eines der Pamphlete. Die lärmende Aktion dauert genau eine Stunde, nonstop wird den Passanten gepredigt, kaum jemand interessiert sich dafür, doch die eifrige Verkünderin bleibt verblüffend ausdauernd.

Genauso wie die in Schildkrötenformation aufgestellten Veganer nebenan. Diese verharren stoisch — auch dank ihrer Guy-Fawkes-Masken. Sie verdeutlichen bildhaft das Elend der Tiere mittels ihrer bereit gehaltenen Laptops. Schocktherapie. Als Satelliten tätige Aktivisten verteilen dazu Infomaterial und beantworten Fragen. Schliesslich kommt ein ganz in Scharz gewandeter und schier endlos erscheinender Bandwurm um die Ecke — eine Schweigedemo im Gänsemarsch, welche trauernd auf leider immer noch real existierende Sklaverei und Menschenhandel in der Welt hinweist. Der Zug ist lang und beeindruckt. Die enervierende Schreierei der furios auftretenden Konkurrenz wird glücklicherweise lautlos erstickt.

Jesus lebt.