Love hurts

Obgleich in der eher flachen Hierarchie der Schweizer Reformierten (keine Bischöfe, Zuordnungsprinzip, Kirchenpflege) es gar keinen «obersten Reformierten» gibt, wurde der unlängst zurückgetretene Ex-Präsident gern so betitelt. Vielleicht sah er sich mit der Zeit selber auch so und glaubte gesockelt an die eigene Unverwundbarkeit. Ein weibliches Mitglied des Kirchenrates war aufgrund des Geschäftes, welches sie verwaltete aber nicht ausüben konnte, zurückgetreten ohne nähere Auskünfte zu geben. Ihr Geschäft beinhaltete Missbrauch und Grenzverletzungen, soweit war die Sache klar. Um dennoch keine unliebsame Publicity zu erzeugen, wohl auch aus Gründen von Opferschutz und geltender Unschuldsvermutung, folgte Schweigen. Bis wenige Tage vor der mit Spannung erwarteten Synode sich eine Vize-Präsidentin aus der Deckung wagte und schilderte, wie was warum: es gäbe sogar sechs weitere Vorwürfe, welche dem ehemaligen Präsidenten zur Last gelegt werden, er sei mit anwaltlichem Beistand vor dem Kollegium forsch und einschüchternd aufgetreten und habe mit Persönlichkeitsrechten drohend eine Erörterung des Themas verhindern wollen. Andere sprachen schon länger von einem verzerrten Geschlechterbild bei Gottfried Locher und haben ihm unverhohlen Sexismus vorgeworfen.

Locher selbst erläuterte in einem Buch von 2014 seine Weltsicht:

Befriedigte Männer sind friedlichere Männer. Das sagt Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes in einem Buch, das dieser Tage erschienen ist. «Darum sage ich, wir sollten den Prostituierten dankbar sein. Sie tragen auf ihre Art etwas zum Frieden bei.»

Für eine moralisch auftretende Institution wie die Kirche ist solch eine leidige Chose besonders peinlich und belastend, deren offene Aufarbeitung unabdingbar, selbst wenn dies wieder einmal etliche entlaufene Schäflein kosten wird. Auch innerhalb der Kirche ist der Geist meist willig, wennschon das Fleisch schwach bleibt. Vielleicht täte ihr ein ganzheitliches Herangehen sowieso viel besser, als das dogmatische Festhalten an nur mehr seziererisch wirkender Dreifaltigkeit. Dessen ungeachtet hat der gestrauchelte geschäftsführende Vorsitzende der Europäischen Evangelischen Gemeinschaft weiterhin seine charmanten Unterstützer. Ein konvertierter Pfarrer und Biograph Lochers, der feministische Machtspiele und Rachegelüste im Hintergrund ausmacht und sich erdreistet, Lochers vermeintlich gutes Aussehen als Neidfaktor zu erkennen. Eine Professorin der Religionspsychologie schwurbelte davon, den Opferschutz zu ent-anonymisieren:

Doch ohne direkte Konfrontation bleibt man selber in dem Konflikt gefangen. Freiheit heisst, sich und den anderen in die Augen schauen zu können. Erlösung heisst, sich auch im anderen wiedererkennen zu können.

Ob das betroffene Frauen genauso sehen?

Nicht ohne Grund wird strikter Opferschutz gefordert, damit involvierte Personen sich nicht im Licht der Öffentlichkeit nackig machen müssen. Zudem wird die Luft nach oben immer dünner – wenn dazu noch relativ viel Machtfülle kommt, welche wiederum ein Machtgefälle erzeugt, ist gute Trittsicherheit erforderlich. Aushängeschilder stehen unter besonderer Beobachtung, und wo vor 50 Jahre Frauenmagazine und damit Rollenbilder noch ausschliesslich von Männern redigiert und reproduziert wurden, ist seither Emanzipation und Feminismus fix in die gesellschaftliche DNA eingespeist. Die Metoo-Debatte hat das generelle Problembewusstsein für latenten Sexismus in der Gesellschaft rapide geschärft. Gerade ein Jahr ist es her, als der Schweizer Frauenstreik imponierte und über eine Million Menschen auf die Strassen brachte.

In der NZZ wird derweil fesch anti-bürgerlich argumentiert, ohne Grenzverletzungen zu benennen, die es so in jener freiwilligen Konstellation wahrscheinlich auch gar nicht gab:

Karl Barth wurde auch nicht aus dem Amt gejagt, weil er in einer Ménage-à-trois lebte.

Stimmt. Barth lebte mit zwei Frauen in einer Wohn-, Lebens- und Liebesgemeinschaft. So what? Sexistische Äusserungen sind von ihm nicht bekannt. Er war Lehrender und nicht mit einer repräsentativen Rolle betraut. Niemand ausser gutbürgerlicher Moralapostel hat sich beschwert, auch wenn für Ehefrau und Geliebte im gleichen Haushalt der Alltag bestimmt nicht immer reibungslos zu bewältigen war.

Aber natürlich ist Nächstenliebe bei Christenmenschen immer Gebot. Eben darum und nur darum hat der Hobbyschweizer für den jetzt schon sehr tief gefallenen Gottfried bereits am Pfingstmontag ein Kerzlein entzündet – vielleicht hilfts. Dem Gott und dem Frieden.

Delikat Essen IXC

Neuer Streit um den Negerkuss known as Mohrenkopf alias Schokokuss, Schwedenbombe: Detailhändler in der Schweiz finden Mohrenkopf matters und wollen die beliebten Süsswaren von Dubler aufgrund der Namensetikette nicht mehr anbieten.

Dubler Mohrenkopf

«Scheinheilig» benennt Mister Dubler das Vorgehen, hat hierfür kein Verständnis und sieht seinen Markenbegriff nicht negativ konnotiert. Er werde jedenfalls seinen mit Schokoguss überzogenen Eiweissschaum auf Waffelbasis keinesfalls freiwillig umbenennen.

«Etwas verändern und Gutes tun bedeutet, dass man den Kontinent Afrika fairer behandelt. Aber dazu sind die Menschen nicht bereit, das würde ja etwas kosten», so der Produzent. «Den Namen zu ändern kostet nichts und ist viel einfacher.»

Damit völlig einverstanden und für eine reichlich übertriebene Massnahme halten dies auch weit über 80% Teilnehmer einer Online-Befragung. Selbst treuer Fan dieses exquisiten Naschwerks stelle ich fest, dass der Firmeninhaber ein ausserordentliches Unikum ist und keineswegs plumper Rassist, was bereits bei der eindrücklichen Betriebsbesichtigung vor über 10 Jahren sehr positiv rüber kam. Auch heute noch bezahlt er die Löhne an die Belegschaft in bar aus, weil er Banken möglichst aus dem Weg gehen will und diese Institutionen generell verabscheut. Während der Corona-Krise hat er keine staatlichen Hilfen in Anspruch genommen und seinen Mitarbeitern weiter den Lohn gezahlt. Es wäre fürwahr schade und traurig würde aufgrund rassistischer Vorbehalte sein köstliches Produkt aus den Regalen in der Schweiz verschwinden und zur Bückware werden.

Rüebliland kein Hinterwald

Auf der anderen Seite ist das Aargau kein wirklicher Hinterwald und im 21. Jahrhundert kann eine gewisse Empfänglichkeit und Flexibilität für längst überholte Begriffe auch von liebenswürdige Querulanten erwartet werden. Selbst noch mit dem Struwelpeter und teilweise Schwarzer Pädagogik aufgewachsen habe ich heute glücklicherweise nicht mehr Angst vor dem schwarzen Mann. Aber halt, Moment – da gings doch bloss um die Pest…

Foreign Virus

Nein, das Kapital hat nichts zu befürchten. Dieses Virus wird zwar mit einigen Gewissheiten aufräumen. Das weltweite Privateigentum allerdings wird, so viel ist sicher, hierzulande auch in Zukunft Asyl finden. Denn ganz im Gegensatz zu flüchtenden Menschen übertragen Sach- und Geldwerte keine ansteckenden Krankheiten.

Und deshalb gewährt man auch den Malern und den Gipsern eine Ausnahme von den geltenden Hygieneregeln: Die Handwerker können den Sicherheitsabstand nicht einhalten. Eigentlich müsste man die Baustellen deswegen schließen. Aber das wäre unverhältnismäßig. Erstens ist das Baugewerbe systemrelevant, und zweitens handelt es sich bei dieser Berufsgruppe in erster Linie nicht um Schweizer, sondern um Ausländer.

              Essay von Lukas Bärfuss über den Virus und die Schweiz

First Contact

Der Tagesanzeiger erklärt wie die Zürcher Virus-Detektive vorgehen:

Wer mit einem Corona-Infizierten engeren Kontakt hatte, erhält schon bald einen Anruf vom sogenannten Contact Tracer.

Tritt dieser Fall ein, wird die Person isoliert und gepflegt – und es beginnt die Arbeit der sogenannten Contact Tracer. Sie haben die Aufgabe, alle Personen zu ermitteln, die in den vergangenen Tagen engeren Kontakt zur infizierten Person hatten. Zielpersonen sind jene, die mindestens eine Viertelstunde lang in einem Abstand von bis zu einem Meter in Kontakt zur infizierten Person standen.

Zusammen mit dem Corona-Patienten wird eine Liste dieser Personen erstellt. Die Contact Tracer telefonieren ihnen und halten sie an, zu Hause zu bleiben. Zudem erkundigen sich Spezialisten täglich nach dem Befinden. Auch wird bei Bedarf die Versorgung sichergestellt. Weitere Personen, die zum Beispiel mit der Kontaktperson wohnen, sollen ausziehen. Hier kommt bei Bedarf wie bei der Versorgung der Zivilschutz ins Spiel, der Räumlichkeiten vermittelt.

La maladie

Der bedeutenste französischsprachige Romancier der Schweiz ist Charles-Ferdinand Ramuz (1878-1947) aus Lausanne, was sich neuerdings auch auf der 200-Franken-Note bemerkbar macht. Mit einer sprachlich der rauen und schroffen Bergwelt samt den dort lebenden Menschen ebenbürtig angepassten Erzählweise von «Die grosse Angst in den Bergen» mit seinen vielen kleinen, aber feinen Wiederholungen, mit durch blosse Wortumstellungen teils nuancierender, dann wieder verstärkender Bedeutung von Sätzen, mit zeitlupenhafter Betrachtung und rasanten Tempiwechseln gelingt es Ramuz ein zutiefst treffendes Bild einer kleinen Berggemeinde im Wallis zu zeichnen, wo die Moderne gegen das Traditionelle, Jung gegen Alt und Reichtum gegen Armut antritt bis am Ende schliesslich die Natur kathartisch siegt. Maul- und Klauenseuche, Selbst- und Lynchjustiz, borderlinende Menschen und ein berstender Gletscher mit folgender Gesteinslawine sorgen wieder für Ruhe in den Bergen. Ein zutiefst beeindruckender Roman, der exemplarisch einen Teil der Schweiz zwischen den beiden grossen Weltkriegen gelungen abbildet.

Herausgeberin Beatrice von Matt erläutert im Anhang:

La grande peur dans la montagne (1926)

Sozialkredit

Im Umbruchjahr 1989 wurde nicht nur das erstarrt scheinende Blockgefüge zwischen Ost und West zerstört, auch die insulare Unschuld der helvetischen Konförderation ging zu Bruch. Der Rücktritt von Bundesrätin Kopp, relativ knapper Entscheid für die Beibehaltung der Schweizer Armee (65 zu 35 an der Urne) und die Enttarnung der elitären Kaderorganisation P-26 im Zuge des Fichen-Skandals. Mit verblüffend Stasi-ähnlichen Methoden und ebenso übereifrigem Archivierungswahn wurden bei 6,78 Mio Einwohnern bis zu 900.000 Akten angelegt. Via Konsultation der Bestände wurden somit quasi Berufsverbote verhängt und für den Ernstfall Szenarien zur Masseninhaftierung politisch unliebsamer Eidgenossen zwar unter Verschluss, doch detailliert parat gehalten. «Moskau einfach!» war das Äquivalent zum bundesdeutschen «Geh doch rüber!» und ist nun Titel einer filmischen Komödie, welche die problematische Thematik entlang einer Lovestory inklusive Saulus-Paulus-Genese verhandelt.

Eindrücklich der Auftritt der Protagonistin im Zunftsaal vor Militärs, wo nach einem alten Soldatenlied den zunächst schenkelklopfenden Militärs dann doch der Atem stockt, als deutlich ausgesprochen wird was in den Betonköpfen der Kalten Kriegern wirklich steckte. Aus heutiger Sicht urkomisch und surreal, doch in Zeiten von staatlich sanktioniertem Sozialkredit nebst Erziehungsanstalten mit Brisanz.

Blase

Die  Klima-Welle hat die Wahl-Schweiz behutsam überschwemmt, beide Grünparteien im Plus und zusammen nominell stärker als die SP. Die Gut-Bürgerliche Mehrheit war jedoch nie in Gefahr, zumal Grün schon lange wenn nicht schon immer ziemlich bourgois ist – da ist klar, dass eine ausgesprochene Arbeiterpartei es besonders schwer hat. Ausser im Ex-Preussischen Kanton Neuenburg wird kein Parlamentsitz gewonnen, da helfen rote Luftballons nicht weiter, wobei derart Wahlkampfriten in Legokritischen Zeiten sowieso fragwürdig sind. Aerostaten sind reichlich kontraproduktiv, wenn sogar jedes Kind weiss, dass es bis zur Verrottung solcher Gummiblasen 160 Jahre dauern kann, falls nicht vorher ein Fisch oder Mensch anbeisst. Vermutlich fehlt Kommunismus à la PDA schlicht der notwendige Biss.

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