Essenz

10. Juni 2019

Keine Strophen, keine Bridges. Nur Refrains.


Heilungsbiotop

1. Juni 2019

Nex Age Spinner Duhm & Lichtenfels fantasieren über freie Liebe.


Aux Armes EU-SALT

20. Mai 2019

Lieber Schengen als pengen — neues Waffenrecht in CH. Howgh.


Meet Shalva

17. Mai 2019

ESC am Schabbes in Israel — da kräuseln bereits im Vorfeld die Empörungswellen und Frontrunner (West-) Jerusalem wurde auf der Zielgeraden durch das hedonistische Tel Aviv ersetzt. Die Kirmes in Sachen weitgehend talentfreier Zurschaustellung hat heuer noch ein weiteres Opfer gefunden. Aus religiösen Gründen trat die Hausband eines israelischen Behindertenwerks nicht im nationalen Finale an, obwohl es bereits dort beste Siegchancen besass. Die Botschaft ist orthodox, selbst Sabbat-taugliche Mikrophone wurden erörtert, aber die ganze Chose vom Rabbinat letztlich nicht gut geheissen. Die federführende Eurovision bestand auf dem Sonnabend als Tag des Grand Final, fertig. Der Sieg beim ESC wäre nach den ganzen barttragenden Queers und der wiederkäuenden Regenbogenkfolklore einer sichtlich eingeschränkten Combo mit seichtem aber massentauglichem Liedgut nur schwer zu nehmen gewesen, Mitleidsbonus eingerechnet. Jetzt bleiben die australische Diva mit windverwehten überlangen Kleiderfetzen im Dementorenlook auf beweglicher Fiberglasstange, die verwirrend verwegenen Isländer und natürlich der Gewinner aus Aserbaidschan, falls der hüftsteife Kühlschrank mit dem von Roboterlasern holografierten Kunstherz in den gerade noch erträglichen drei Minuten etwas ansehnlicher performt. Allemagne moins de douze points en totale, CH wird locker das dreifache einsacken. Malus < Bonus. France sans chance, bleibt mein ewiger Favorit Srbija. Und hoffentlich sahnt nicht eines dieser unsäglich schmachtenden Duos oder Trios ab, doch beim ESC hat noch immer die momentane Geschmacksverwirrung gewonnen. ESC ist egal.

 

Why this Israeli band of disabled musicians said no to Eurovision


Frauen*streik

10. April 2019
Woman is the nigger of the world. (Yoko Ono 1969)

Zum 14. Juni 2019 wird in der Eidgenossenschaft von den Gewerkschaften, verschiedenen Parteien und feministischen Gruppen zum nationalen Frauenstreik aufgerufen. Vor fast 30 Jahren führte ein  auch von bürgerlichen Schichten getragener Streiktag in der Folge immerhin zu einem formalen Gleichstellungsgesetz. Dessen mangelhafte und noch lange nicht vollständige Umsetzung soll am diesjährigen Streiktag deutlich thematisiert und auf die weiterhin bestehende Lohnungleichheit, Diskriminierung, sexuelle Belästigung und ungleiche Verteilung von Care-Arbeit protestierend hingewiesen werden.

Für Männer gibt es eine korrekte Hilfestellung von sozialismus.ch:

Woman is the slave to the slave. (John Lennon 1972)

LichtKraftTelephon

23. März 2019


Einsamkeitsministerium

17. März 2019

Der künftige Single-Staat United Kingdom hat clever vorgesorgt:

The U.K. has appointed a minister for loneliness to deal with what Prime Minister Theresa May called “the sad reality of modern life” for too many people.

in 2017 a British commission found that nearly nine million people in the country either often, or always, feel loneliness — a condition that can have harmful health repercussions.

“It’s proven to be worse for health than smoking 15 cigarettes a day,” Mark Robinson, head of Age UK, Britain’s largest nonprofit working with older people, told the Times.


Belichtung

19. Februar 2019

Vielschreiber T.C. Boyle macht einmal mehr bei Hippies, Drogen sowie dem eher zaghaft gedeihendem alternierenden Lebensstil der frühen 60er Jahre Anleihen, um eigentlich nichts wirklich zu sagen. Ziemlich eintönig werden die Sessions geschildert, zu denen Guru Timothy Leary seiner Gemeinde das Sakrament in Form von LSD-25 verabreicht, jenem synthetisch hergestellte Halluzinogen, mit dem sich der Schweizer Chemiker Albert Hofmann eher zufällig im Sandoz-Labor selbst vergiftete. Nach dem Lesen des thematisch interessant wirkenden Romans bleibt ein fahler und metallener Nachgeschmack, der weder psychedelischen Farbexplosionen noch einem tatsächlichen Horrortrip richtig nahe kommt. Ist es bloss der deutschen Übersetzung geschuldet, dass so wenig von den dramatischen Prozessen, welche sich damals — zunächst Kunst und Kultur durchwirkend — unübersehbar und durchaus systemrelevant gesellschaftlich widerspiegelten, beim Rezipienten überhaupt ankommt?

Boyle bleibt seltsam distanziert, beinahe überbetont nüchtern beim Beschreiben seiner Handlungsträger vom anfänglich rein universitären Forschungsobjekt hin zum Kommunenhaften Abheben der Auserwählten, bis sich diese in immer sinnloser werdenden Trips, schier endlosen Partys und überdrehter aber abgeschlaffter Protesthaltung quasi selbst auflösen. Falls Boyle die naive Grundhaltung der akademischen Elite, unfähig zur sozialen Interaktion und unbeirrt auf Egotrip bestehend blosszustellen beabsichtigt, ist der Versuch eindeutig zu plump angelegt. Die anfänglich durch Medikamente gestützte Forschung über das Bewusstsein wird aus klinischem Versuch entlassen schliesslich zur reinen Drogenproblematik. Ob solch lakonischer Ansatz die weitgehend sinnbefreite Reise ins eigene Ich über fast 400 Seiten zu tragen vermag, bleibt mehr als zweifelhaft.

Boyles bis heute hochaktuelles Meisterwerk «América» hat nun fast ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel, ohne an Kraft und Vitalität eingebüsst zu haben. Selbst in «Wenn das Schlachten vorbei ist» besticht die Story noch mit einer raffiniert angelegten doppelten Codierung, welche die Protagonisten behutsam aber anschaulich entlarvt, ohne schulmeisterlich zu wirken. In der vorliegenden Geschichte mit dem selbsternannten LSD-Papst auf der Suche nach dem göttlichen Licht ist solch ein glückhafter Kunstgriff leider nicht zu erkennen.


bauhaus 100

14. Januar 2019

neues von wittmann/zeitblom. diesmal zu 100 jahre bauhaus:

adaptiver apaprat – nice catch via screenshot

gegenwart zukunft postmoderne. zeitreise in sachen kunst & technik. menschmaschine & wohnmaschine. transzendente spiritualität unbedingt. gesichtsklangplastik. raumzeit. selbstheilung durch kunst. innere oktaven. immersive audiocollage. stereofonie total. binaural & leibhaftig in B (D).


Los Hamburgués

5. Dezember 2018

Hamburg Weltstadt stolz und reich und arm und würdelos. Eine völlig verlebt und zerlumpt aussehende Person schiebt ihre Sieben-Wagen-Karawane, bestehend aus schäbigen Trolleys und Einkaufswagen, wechselweise fünf Schritte das Trottoir entlang. Stau im Pyramidenbau nur Hilfsausdruck. Die Emsigkeit und Akkuratesse dieser seltsamen Performance steht im völligen Kontrast zu der nach wahllos zusammen gelesenen Müll aussehendem Ladung der übervollen Transportmittel. Petflaschen mit trübem Inhalt und andere erbärmliche Habseligkeiten sind eher zu erahnen als erkennbar, weil aus empfundener Scham gegenüber dem rastlos und ungerührt agierenden Menschen einerseits lieber nicht so genau hingeschaut wird, andererseits es nicht wirklich interessiert. Ein trostlos bleiernes Grauschwarz in der vifen Urbanität der agilen Neustadt. Unwirkliche Abscheu gepaart mit Staunen über die fast choreographiert wirkende Aktion stellt sich ein, dazu ein heimlicher Blick zurück. Watsdat?! Aber ja, die anderen Passanten haben es auch gesehen und ebenso sprachlos nicht reagiert. Das Elend in Teutoniens Metropolen wirkt krass im Vergleich zu der helvetischen Insel. Handkehrum fällt der Ex-Sozialministerin aus D das Fehlen solcher Strassenszenen hierorts sofort auf. Selber an der Armutsfront tapfer kämpfend kennen wir natürlich Obdachlose, arme Schlucker, Sans-Papiers und Wanderarbeiter. Aber nicht in solch drastischen Ausschmückungen wie im Harz4land. Sogar im beschaulichen Schwabenländle sind Bettler, Strassenmusikanten und herumlungernde Menschen in den Innenstädten gewöhnlich, in Zürich all dies unter Androhung von Wegweisung aber strikt untersagt. Wenn halbe Zombies durch die Berliner U-Bahn schwankend mit der “haste mal”-Forderung auf Kleingeld drängen, ist für glückselige Inselbewohner derart direkte Konfrontation nur erschreckend. Ein diffuses Gefühl keimt auf: wir sind reich, weil ihr arm seid. Wenig später beim Michel, eine beinah noch groteskere Szenerie. Wo innen wahrhaftig ein Geschäftsführer tituliert, wird aussen überm Hauptportal Satan vom namensgebenden Erzengel stolz mit dem Kreuze bezwungen. Gleich nach dem Sieg dann drinnen das unübersehbare Schild mit der Bitte, gefälligst (s)einen Obulus abzulassen.


Nein zum Ja

27. November 2018

Die eigentlich griffig als «Fremde Richter», dann als «Selbstbestimmungs-Initiative» weichgespülte nationalistische Kampagne ist mit nur einem Drittel der Stimmen an der Urne gescheitert. Die SVP erhält seit dem Schock der Masseneinwanderungs-Initiative von 2014 genügend Contra, um keinen Durchmarsch in Sachen Eigenstaatlichkeit mehr erzwingen zu können. Die ureigenen Klientel werden zwar weiterhin gemäss Stimmanteilen gut bedient, aber es sind eben keine Zuwächse erkennbar. Im Gegenteil: das Zweckbündnis aus Wirtschaftsliberalen, Jungen, und Menschenrechtlern scheint nicht gewillt, der SVP mit ihrer hetzerischen Stimmlage in Sachen EU und Fremdarbeitern den Ton angeben zu lassen. Auch stilistisch hat die Plakatform der Gegner augenscheinlich zugelegt. Zudem verfängt die Angstmacherei momentan nicht, sämtliche Zahlen bei Asylgesuchen und Arbeitsimmigration sind weiter rückläufig. Was natürlich auch an den zuvor aufgebauten hohen Hürden liegen mag. Trotzdem ein feiner Erfolg für die Gutmenschen und Linken, die der dumpfen SVP-Propaganda weiterhin ein Dorn im Auge sein dürften. Und der schmerzt richtig seit die Allianz konkret mit gleicher Münze und koordiniert zurückzahlt: werbetechnisch, finanziell und ideell wird der SVP und ihren Kampagnen keinerlei Freiraum mehr gewährt, der argumentativen Konfrontation nicht (wie früher noch viel zu oft) aus dem Wege gegangen. Für den Hobbyschweizer wieder kurios, wie sich das Volk dreht und wendet und sich am liebsten von Niemanden nasführen lässt.


semper reformanda

25. November 2018

Memento Mori, Tod wartet, semper reformanda

«Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird bald Witwer sein.»

(Søren Aabye Kierkegaard, 1813 - 1855)

Energieferien

21. September 2018

Junger Mann, das jüngste Werk von Wolf Haas ist verschlungen und verdaut. Vielleicht nicht ganz das Niveau von Das Wetter vor 15 Jahren, doch dramaturgisch gekonnt orchestriert und mit dem bekannten Cartoonartigen Haas´schen Schmäh, der das Lesen so amüsant macht.

Mein Gesicht war so heiss, dass mir der Kaffee leidtat, als er sich an meinen Lippen verbrannte.

Der Abriss aus der Adoleszenz des Ich-Erzählenden Protagonisten wird empfindsam, aber deutlich spür- und erkennbar, unausweichlich bleibende Peinlichkeiten mit der nötigen sprachlichen Feinheit dargestellt. Der 70er Hintergrund erstrahlt frisch leuchtend in Orange trotz lungernder Ölkrise. Der Autoput ist noch in Југославија und der Balkan per se ein irritierendes Faszinosum. Statt Hautunreinheiten wird Gewicht problematisiert, die erste Liebe scheint zart durch vereiste Scheiben und nach erfolgreicher Lebensrettung gibt es ein prachtvolles Happy End.

Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt schon immer am interessantesten.

Den Haas muss man lesen und kennen – unbedingt empfehlenswert!

Lisboa, Joken

Elsewhere.

(Ausschnitt, Pic by Joken)

 

 


Deutschrand

17. September 2018

Der Begriff Heimat hat Hochkonjunktur. Dabei wäre Heimat da am konkretesten, wo ich mir eine Wohnung leisten kann.

Der Begriff der Heimat hat seine Unschuld verloren, er ist nicht mehr nur eine harmlose Form der sentimentalen Selbstverortung, sondern ein Begriff der politischen Abschottung geworden. In dieser Eigenschaft wird er von den Kosmopoliten auch kritisiert, die dagegen Weltoffenheit und Toleranz halten. Allerdings ist das nicht weniger weltfremd, da Solidarität stets auf soziale Exklusivität angewiesen ist. Es gibt keine solidarische Weltgemeinschaft

Koppetsch, Hamburg, Heimat, Fraktur

Die Kosmopoliten nutzen andere Möglichkeiten der Abschottung?

Sie bewohnen die attraktiven Kieze und Innenstadtquartiere, die inzwischen so hohe Mieten und Immobilienpreise aufweisen, dass sich soziale Exklusivität wie von selbst einstellt. Zu den wirkungsvollsten kosmopolitischen Grenzanlagen gehört die kapitalistische Ausrichtung des Lebensstils. Kulturelle Offenheit wird somit kompensiert durch ein hochgradig effektives Grenzregime, das über Immobilienpreise und Mieten, über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen sowie über den Zugang zu exklusiven Freizeiteinrichtungen und Clubs gesteuert wird. Die Abgrenzung erfolgt nicht nach außen, denn hoch qualifizierte MigrantInnen sind hier selbstverständlich willkommen, sondern nach unten.

Für die Kosmopoliten, die Welterfahrenen, bedeutet Heimat allenfalls die Liebe zum regional produzierten Schwarzbrot?

Ja, und die Heimatsuchenden betrachten sie mit Herablassung. Aber sie haben gut reden, da sie zumeist keine Berührungspunkte mit Migranten aus dem globalen Süden aufweisen. Die Perspektive auf die Dinge ändert sich umgehend, wenn ich mit Asylsuchenden in Konkurrenz um Sozialtransfers, Wohnungen, Sexualpartner oder Jobs treten muss.

(Soziologin Cornelia Koppetsch in einem TAZ-Interview, Juli 2018)


Premier Août

1. August 2018

SGG Sitzkissen

Heuer wurde die Landeshymne auf dem Rütli sogar auf Gebärdensprache intoniert, welche vor dem anwesenden Bundespräsidenten als künftig zusätzliche Landessprache gefordert wurde. Multilingualweltmeister CH.


Café Srebrenica

11. Juli 2018

Nomadisches Mandala im Kreis Cheib:


Just a bug

24. Mai 2018

Aus noch unbekannten und nicht völlig geklärten Gründen wurde mein Handyanschluss erst von allen ausgehenden Anrufen und Nachrichten unvermittelt abgeklemmt. Zunächst konnte der Apparat noch Telefonate und Nachrichten empfangen und war so immerhin noch Teil des gesprächsbereiten Kosmos. Als kurz darauf dann auch sämtliche eingehenden Signale abgeschaltet wurden (à la «kein Netz»), fühlte sich dies schon etwas arg seltsam an. Sozialkredit überzogen? Ach Zukunft.

Bug, Goldglänzender Rosenkäfer

Dem digitalen Nomaden ist im ersten Moment keineswegs klar, welcher Pfad durch dieses unendlich erscheinende Funkloch führen soll, bevor sich abermals ein kommunikatives Wasserloch auftut, in dem er endlich wieder geborgen im endlosen Geblubber beglückt aufgeht. Erst durch den Verlust der mobilen Unabhängigkeit wird deutlich, wie abhängig man von dieser ist. Keine 2-F-Authentifizierung, keine kurzfristige Verabredung, kein empfangsbereites Vagabuntentum, kein Fastgarnichts. Gross genug um noch die gute alte Zeit der handapparatlosen Verbindlichkeiten zu kennen, weiss ich, dass temporärer Netzverlust nicht das absolute Inferno ist, doch genau so fühlt es sich an. Zumindest nach drei Tagen schon. Allmählich entnervt und nicht mal die eigene Festnetznummer kennend wird deutlich, dass es ohne funktionierende SIM nicht wirklich geht in dieser doch sehr fragil angelegten Simulation. Es ist sicherlich kein Weltuntergang, keine erdgewande Sonneneruption, kein Meteoriteneinschlag oder präsidialer Fehlgriff, sondern ein schlichter Einzelfail frei nach Murphy’s Law, ein nur ganz kleiner und unscheinbarer aber entlarvend schöner Bug, der jedoch mächtig wurmt.


Psycho Killer

20. März 2018

Psychometrie, manchmal auch Psychografie genannt, ist der wissenschaftliche Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen zu vermessen. In der modernen Psychologie ist dafür die sogenannte Ocean-Methode zum Standard geworden. Zwei Psychologen war in den 1980ern der Nachweis gelungen, dass jeder Charakterzug eines Menschen sich anhand von fünf Persönlichkeitsdimensionen messen lässt, den Big Five: Offenheit (Wie aufgeschlossen sind Sie gegenüber Neuem?), Gewissenhaftigkeit (Wie perfektionistisch sind Sie?), Extraversion (Wie gesellig sind Sie?), Verträglichkeit (Wie rücksichtsvoll und kooperativ sind Sie?) und Neurotizismus (Sind Sie leicht verletzlich?). Anhand dieser Dimensionen kann man relativ genau sagen, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben, also welche Bedürfnisse und Ängste er hat, und aber auch, wie er sich tendenziell verhalten wird. Das Problem aber war lange Zeit die Datenbeschaffung, denn zur Bestimmung musste man einen komplizierten, sehr persönlichen Fragebogen ausfüllen. Dann kam das Internet. Und Facebook.

(aus: Tagesanzeiger Zürich)

Die Skandalisierung erschöpft sich, der Euphomismus ist asbach1984alt:

Tim Pritlove: «Um US-Präsident zu werden braucht es anscheinend zwei Dinge: Facebook und viel Geld. Zuckerberg hat von beidem reichlich.»


Urban Prayers Zürich

4. März 2018

Bereits die im Bayrischen Rundfunk von 2014 gesendete Hörspielfassung war eine genüssliche Offenbarung. Der globalisierte Chor der Gläubigen fragt im Stück von Autor, Dramatiker und Theatermacher Björn Bicker die Ungläubigen, das Publikum und sich selbst offen, direkt und provokativ:

Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Was wir glauben. Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Wo wir wohnen.
Wo wir schlafen.
Wo wir arbeiten.
Wo wir beten.
Wo wir uns zeigen.
Wo wir uns verstecken. Wovon wir schweigen.
Worüber wir sprechen. Leise. Freundlich. Niemals zu laut.
Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte.
Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören.
Wo wir uns treffen sollten.
Wo wir Euch begegnen könnten.
Wo wir euch begegnen wollen.
Wo wir euch nicht begegnen wollen.
Was glaubt ihr denn, wer ihr seid.
Was glaubt ihr denn, wer wir sind.

Verhandelt wird die City of God, die weitgehend im verborgenen ablaufende Verdichtung der Privatsache Glauben im grossstädtischen Umfeld, einer quasi pseudo-paradiesischen Megalopolis. Wo im Abendland das Morgenland aufgeht, wo christliche Tradition leise vergeht und doch besteht. Wo mehr über- als miteinander gesprochen wird. Der sichtlich multiethnisch und multireligiös aufgestellte Chor ist beim Auftakt des Zürcher Reigens in einer Hinterhofmoschee auf einem kleinen Catwalk untergebracht. Das Publikum hockt in Socken auf dem Teppich. Nach dem Gebetsruf des hauseigenen Imams tritt das Ensemble des Theaters am Neumarkt aus dem (Laien-)Chor ins Publikum hinein und nimmt dort gekonnt variirend teils völlig diametrale Positionen ein, um diese gleich wieder mit und unter den Mitspielern ein- und auszutauschen. Eben noch Jude, und schon Buddhist, gerade noch Katholik und bereits reformiert, doch gerne Schweizer. Nur: Tamilischer Schweizer oder Schweizer Tamile? Gegenteiliges wird von derselben Figur kundgetan, und dann treffen sich alle wieder im Chor, der jetzt nicht mehr einstimmig sondern vielstimmig und nu­an­cen­reich tönt, um sich alsbald aufzulösen, um sich später wieder zu finden. Bicker hat den Text geschickt für die Schweizer bzw. Zürcher Verhältnisse adaptiert, Minarettverbot und Parkplatznot sorgen für heitere Lacher. Aber nichts im Stück ist lächerlich, zu Ernst ist die Sache. Die Abstraktion, Reduktion und Verallgemeinerung auf den Glauben — früher Türke heute Moslem, ach ihr Christen — heizt die Lage und hetzt die Menschen auf und erzeugt zusammen mit jedwedem Fundamentalismus ein Klima der Furcht, obwohl im Grunde doch nur das miteinander Teilen wirklich zählt und im Vordergrund stehen sollte. Und die Liebe.

Der Auftakt war vielversprechend, Theater am und vor Ort hat halt besondere Wirkmacht. Die Compagnie zieht weiter durch diverse Zürcher Gotteshäuser, Tempel und andere Kultstätten und wird zum Abschluss den Jakob missionieren. Ick freu mir schon.


Heulsuser

5. September 2017

Theodizee oder wat?