LichtKraftTelephon

23. März 2019


Rätselbibel

25. Februar 2019

Kryptobotschaft am Bahnhof Wiedikon


Belichtung

19. Februar 2019

Vielschreiber T.C. Boyle macht einmal mehr bei Hippies, Drogen sowie dem eher zaghaft gedeihendem alternierenden Lebensstil der frühen 60er Jahre Anleihen, um eigentlich nichts wirklich zu sagen. Ziemlich eintönig werden die Sessions geschildert, zu denen Guru Timothy Leary seiner Gemeinde das Sakrament in Form von LSD-25 verabreicht, jenem synthetisch hergestellte Halluzinogen, mit dem sich der Schweizer Chemiker Albert Hofmann eher zufällig im Sandoz-Labor selbst vergiftete. Nach dem Lesen des thematisch interessant wirkenden Romans bleibt ein fahler und metallener Nachgeschmack, der weder psychedelischen Farbexplosionen noch einem tatsächlichen Horrortrip richtig nahe kommt. Ist es bloss der deutschen Übersetzung geschuldet, dass so wenig von den dramatischen Prozessen, welche sich damals — zunächst Kunst und Kultur durchwirkend — unübersehbar und durchaus systemrelevant gesellschaftlich widerspiegelten, beim Rezipienten überhaupt ankommt?

Boyle bleibt seltsam distanziert, beinahe überbetont nüchtern beim Beschreiben seiner Handlungsträger vom anfänglich rein universitären Forschungsobjekt hin zum Kommunenhaften Abheben der Auserwählten, bis sich diese in immer sinnloser werdenden Trips, schier endlosen Partys und überdrehter aber abgeschlaffter Protesthaltung quasi selbst auflösen. Falls Boyle die naive Grundhaltung der akademischen Elite, unfähig zur sozialen Interaktion und unbeirrt auf Egotrip bestehend blosszustellen beabsichtigt, ist der Versuch eindeutig zu plump angelegt. Die anfänglich durch Medikamente gestützte Forschung über das Bewusstsein wird aus klinischem Versuch entlassen schliesslich zur reinen Drogenproblematik. Ob solch lakonischer Ansatz die weitgehend sinnbefreite Reise ins eigene Ich über fast 400 Seiten zu tragen vermag, bleibt mehr als zweifelhaft.

Boyles bis heute hochaktuelles Meisterwerk «América» hat nun fast ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel, ohne an Kraft und Vitalität eingebüsst zu haben. Selbst in «Wenn das Schlachten vorbei ist» besticht die Story noch mit einer raffiniert angelegten doppelten Codierung, welche die Protagonisten behutsam aber anschaulich entlarvt, ohne schulmeisterlich zu wirken. In der vorliegenden Geschichte mit dem selbsternannten LSD-Papst auf der Suche nach dem göttlichen Licht ist solch ein glückhafter Kunstgriff leider nicht zu erkennen.


semper reformanda

25. November 2018

Memento Mori, Tod wartet, semper reformanda

«Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird bald Witwer sein.»

(Søren Aabye Kierkegaard, 1813 - 1855)

Volksmission

5. November 2018

Die ursprünglich aus dem Kongo stammende Eglise Eternel est Bon wird von einer überaus stimmgewaltigen Frontfrau leidenschaftlich unterstützt:

Evangelisation der Migrationskirche GBG Samstags 15 Uhr Stauffacher

Auffällig hierbei: die Propagandisten mit dem dunkleren Teint bleiben völlig im Hintergrund. Betont zurückhaltend, fast im Kontrast zur lautstarken Mission, jedenfalls keineswegs offensiv offerieren sie ihre kleinen bunten Flyer mit Hinweisen auf ihre in Suburbia beheimatete Gemeinde. Ein Junge überreicht mir schüchtern eines der Pamphlete. Die lärmende Aktion dauert genau eine Stunde, nonstop wird den Passanten gepredigt, kaum jemand interessiert sich dafür, doch die eifrige Verkünderin bleibt verblüffend ausdauernd.

Genauso wie die in Schildkrötenformation aufgestellten Veganer nebenan. Diese verharren stoisch — auch dank ihrer Guy-Fawkes-Masken. Sie verdeutlichen bildhaft das Elend der Tiere mittels ihrer bereit gehaltenen Laptops. Schocktherapie. Als Satelliten tätige Aktivisten verteilen dazu Infomaterial und beantworten Fragen. Schliesslich kommt ein ganz in Scharz gewandeter und schier endlos erscheinender Bandwurm um die Ecke — eine Schweigedemo im Gänsemarsch, welche trauernd auf leider immer noch real existierende Sklaverei und Menschenhandel in der Welt hinweist. Der Zug ist lang und beeindruckt. Die enervierende Schreierei der furios auftretenden Konkurrenz wird glücklicherweise lautlos erstickt.

Jesus lebt.


@wonderworld

28. Oktober 2018

I only want the original one

Auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen.

I only want the original one

Friedlich in den Himmel schauen. Sein. Sonst nichts.

In this wide world, this nowhere to hide world
In this white cold over-sterilized world

Sein. Sonst nichts.
Ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung.

I keep weeping at the wheel
when I´m driving to nowhere in particular

℗ DLF/SWR 2018 by wittmann/zeitblom

I face a fire or the future
Our eternal future

In this wide world, this nowhere to hide world
In this white cold over-sterilized world

Am Anfang war die Null.
Und die Null war bei Gott und Gott war die Eins.
Die Null und die Eins waren im Anfang bei Gott.

Alle Dinge sind durch dieselben gemacht.
Und ohne dieselben ist nichts gemacht was gemacht ist.

In ihnen war das Leben.
Und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtete hell – gespeist durch ihr Begehren.

I only want the original one

The original one!


Legoland

15. Oktober 2018

Dass die Rechten die Linken propagandistisch kopieren ist nicht neu. Die Subtilität aber schon. Die neue rechtsdrehende Spassguerilla schmeichelt mit Euphemismen, Umdeutungen und Schönfärberei der völkischen Seele.

Nice try.


Energieferien

21. September 2018

Junger Mann, das jüngste Werk von Wolf Haas ist verschlungen und verdaut. Vielleicht nicht ganz das Niveau von Das Wetter vor 15 Jahren, doch dramaturgisch gekonnt orchestriert und mit dem bekannten Cartoonartigen Haas´schen Schmäh, der das Lesen so amüsant macht.

Mein Gesicht war so heiss, dass mir der Kaffee leidtat, als er sich an meinen Lippen verbrannte.

Der Abriss aus der Adoleszenz des Ich-Erzählenden Protagonisten wird empfindsam, aber deutlich spür- und erkennbar, unausweichlich bleibende Peinlichkeiten mit der nötigen sprachlichen Feinheit dargestellt. Der 70er Hintergrund erstrahlt frisch leuchtend in Orange trotz lungernder Ölkrise. Der Autoput ist noch in Југославија und der Balkan per se ein irritierendes Faszinosum. Statt Hautunreinheiten wird Gewicht problematisiert, die erste Liebe scheint zart durch vereiste Scheiben und nach erfolgreicher Lebensrettung gibt es ein prachtvolles Happy End.

Rückwärts durch die Knie betrachtet war die Welt schon immer am interessantesten.

Den Haas muss man lesen und kennen – unbedingt empfehlenswert!

Lisboa, Joken

Elsewhere.

(Ausschnitt, Pic by Joken)

 

 


Pink Blow Up

19. August 2018

Der selbsternannte Reverend Bill, Kunstfigur und politischer Aktionist aus NYC, welcher zusammen mit seinem Stop-Shopping-Choir während der Haupteinkaufszeit vor Weihnachten schon mal Kreditkarten exorziert und in US-Walmarts und Disneyland mit seinem bunten Gospel Chor gegen Konsumterror, Konsumismus, Kaufsucht younameit lautstark bis zur vorläufigen Festnahme protestiert (Filmdoku What Would Jesus Buy? über die Xmastour von 2009), trat bei der diesjährigen Ausgabe vom Zürcher Theater Spektakel predigend auf der Landiwiese am See in Erscheinung.

Pink Church, Reverend Bill, Theater Spektakel Zuerich 2019

Dort wurde eine leuchtend magentafarbene Kirche aufgeblasen, als Hüpfburg für Kids, als rosa Flash für Besucher und als Interimsbühne für den Reverend & Co., die selbst wie Kinder zu Beginn der Show durch die Seitenfenster ins Innere purzelten, um alsdann singend, tanzend und predigend vergnügt Konsumverhalten, bigotten Kapitalismus und aufkommende Xenophobie bis hin zum Zwitscher-Präsidenten kritisch zu beleuchten. Garniert mit freudigem Jubilieren und Zwischenrufen ganz in Art der Gospelchurches und in fantastisch rosa Licht geradezu ertränkt.

In der Predigt ging es um den ursprünglichen buchreligiösen Deal vom patriarchalischen Gott mit dem auserwählten Volk, welcher besagt, dass JHW sie vor allen Unbill und Schrecken der Erde beschützen wolle, falls JHW von ihnen als alleinig rechtmässigen Gott anerkannt würde. Earth Justice mit dem Kampfruf Earthaluya! ist die Weiterentwicklung der Stop Shopping Kampagne. Klimaveränderung, erdausbeutende Grosskonzerne bis Umweltsch(m)utz generell werden thematisiert und der heuchlerische Glaube an Geld, Waren und sonstige Gottheiten heftigst kritisiert.

«We are wild anti-consumerist gospel shouters and Earth loving urban activists who have worked with communities on four continents defending community, life and imagination and resisting Consumerism and Militarism.» erläutert Reverend Bill. Ausserdem müsse kein Gott Erdlinge vor ihrer Erde beschützen, man solle einfach sie und sich selbst und alle Anderen lieben — Love No Border, also wie meist: Love is the message!

Durch geschicktes Spiel mit kirchlichen Mustern und religiösem Brauch erzeugt die Aufführung quasi einen doppelten Code, der sich mit dem Herzen aber leicht und vor allem äusserst gewinnend entschlüsseln lässt.


Kritik des Herzens

26. Juli 2018

Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
Hell aufgeblüht im Sonnenschein.
Er war ein junger Schmetterling,
Der selig an der Blume hing.

Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht und säuselt da herum.
Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
Am hübschen Blümlein auf und ab.

Ach Gott, wie das dem Schmetterling
So schmerzlich durch die Seele ging.

Doch was am meisten ihn entsetzt,
Das Allerschlimmste kam zuletzt.
ein alter Esel fraß die ganze
Von ihm so heiß geliebte Pflanze.

 

Wilhelm Busch (1832 - 1908), deutscher Zeichner, Maler und Schriftsteller
Quelle: Busch, Gedichte. Kritik des Herzens, 1874

Don’ts

5. Juli 2018


HAIL

12. Juni 2018

Hail, Speech, TED


Just a bug

24. Mai 2018

Aus noch unbekannten und nicht völlig geklärten Gründen wurde mein Handyanschluss erst von allen ausgehenden Anrufen und Nachrichten unvermittelt abgeklemmt. Zunächst konnte der Apparat noch Telefonate und Nachrichten empfangen und war so immerhin noch Teil des gesprächsbereiten Kosmos. Als kurz darauf dann auch sämtliche eingehenden Signale abgeschaltet wurden (à la «kein Netz»), fühlte sich dies schon etwas arg seltsam an. Sozialkredit überzogen? Ach Zukunft.

Bug, Goldglänzender Rosenkäfer

Dem digitalen Nomaden ist im ersten Moment keineswegs klar, welcher Pfad durch dieses unendlich erscheinende Funkloch führen soll, bevor sich abermals ein kommunikatives Wasserloch auftut, in dem er endlich wieder geborgen im endlosen Geblubber beglückt aufgeht. Erst durch den Verlust der mobilen Unabhängigkeit wird deutlich, wie abhängig man von dieser ist. Keine 2-F-Authentifizierung, keine kurzfristige Verabredung, kein empfangsbereites Vagabuntentum, kein Fastgarnichts. Gross genug um noch die gute alte Zeit der handapparatlosen Verbindlichkeiten zu kennen, weiss ich, dass temporärer Netzverlust nicht das absolute Inferno ist, doch genau so fühlt es sich an. Zumindest nach drei Tagen schon. Allmählich entnervt und nicht mal die eigene Festnetznummer kennend wird deutlich, dass es ohne funktionierende SIM nicht wirklich geht in dieser doch sehr fragil angelegten Simulation. Es ist sicherlich kein Weltuntergang, keine erdgewande Sonneneruption, kein Meteoriteneinschlag oder präsidialer Fehlgriff, sondern ein schlichter Einzelfail frei nach Murphy’s Law, ein nur ganz kleiner und unscheinbarer aber entlarvend schöner Bug, der jedoch mächtig wurmt.


Urban Prayers Zürich

4. März 2018

Bereits die im Bayrischen Rundfunk von 2014 gesendete Hörspielfassung war eine genüssliche Offenbarung. Der globalisierte Chor der Gläubigen fragt im Stück von Autor, Dramatiker und Theatermacher Björn Bicker die Ungläubigen, das Publikum und sich selbst offen, direkt und provokativ:

Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Was wir glauben. Was glaubt ihr denn. Wer wir sind.
Wo wir wohnen.
Wo wir schlafen.
Wo wir arbeiten.
Wo wir beten.
Wo wir uns zeigen.
Wo wir uns verstecken. Wovon wir schweigen.
Worüber wir sprechen. Leise. Freundlich. Niemals zu laut.
Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte.
Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören. Wo wir stören.
Wo wir uns treffen sollten.
Wo wir Euch begegnen könnten.
Wo wir euch begegnen wollen.
Wo wir euch nicht begegnen wollen.
Was glaubt ihr denn, wer ihr seid.
Was glaubt ihr denn, wer wir sind.

Verhandelt wird die City of God, die weitgehend im verborgenen ablaufende Verdichtung der Privatsache Glauben im grossstädtischen Umfeld, einer quasi pseudo-paradiesischen Megalopolis. Wo im Abendland das Morgenland aufgeht, wo christliche Tradition leise vergeht und doch besteht. Wo mehr über- als miteinander gesprochen wird. Der sichtlich multiethnisch und multireligiös aufgestellte Chor ist beim Auftakt des Zürcher Reigens in einer Hinterhofmoschee auf einem kleinen Catwalk untergebracht. Das Publikum hockt in Socken auf dem Teppich. Nach dem Gebetsruf des hauseigenen Imams tritt das Ensemble des Theaters am Neumarkt aus dem (Laien-)Chor ins Publikum hinein und nimmt dort gekonnt variirend teils völlig diametrale Positionen ein, um diese gleich wieder mit und unter den Mitspielern ein- und auszutauschen. Eben noch Jude, und schon Buddhist, gerade noch Katholik und bereits reformiert, doch gerne Schweizer. Nur: Tamilischer Schweizer oder Schweizer Tamile? Gegenteiliges wird von derselben Figur kundgetan, und dann treffen sich alle wieder im Chor, der jetzt nicht mehr einstimmig sondern vielstimmig und nu­an­cen­reich tönt, um sich alsbald aufzulösen, um sich später wieder zu finden. Bicker hat den Text geschickt für die Schweizer bzw. Zürcher Verhältnisse adaptiert, Minarettverbot und Parkplatznot sorgen für heitere Lacher. Aber nichts im Stück ist lächerlich, zu Ernst ist die Sache. Die Abstraktion, Reduktion und Verallgemeinerung auf den Glauben — früher Türke heute Moslem, ach ihr Christen — heizt die Lage und hetzt die Menschen auf und erzeugt zusammen mit jedwedem Fundamentalismus ein Klima der Furcht, obwohl im Grunde doch nur das miteinander Teilen wirklich zählt und im Vordergrund stehen sollte. Und die Liebe.

Der Auftakt war vielversprechend, Theater am und vor Ort hat halt besondere Wirkmacht. Die Compagnie zieht weiter durch diverse Zürcher Gotteshäuser, Tempel und andere Kultstätten und wird zum Abschluss den Jakob missionieren. Ick freu mir schon.


Blạttmachen

31. Januar 2018

Grossschweiz,Google, Google Schweiz, Google Switzerland, Swiss Google, Sekte


Kümmerling

2. Juni 2017

“I don’t care about your feelings.” Dieser Satz scheint mir entscheidend zum Verständnis des (selbstverständlich selbst verschuldeten) politischen Erdrutsches, der die USA erfasst hat und auch Europa, auch Deutschland droht.

Trump Berlin Greenpeace

Doch der Empörismus greift nicht (mehr). Er ist Ausdruck einer Leichtsinnigkeit derjenigen, die sich nach langen politischen Kämpfen auf einen zivilisierenden Konsens von Inklusion und Pluralismus verlassen können wollen, ja müssen. Nicht nur die Diffamierung von Affekten, sondern auch ihre Verabsolutierung betreibt nun den Verrat an der politischen Auseinandersetzung. Gerade in komplizierten Zeiten brauchen wir die Empathie für andere Positionen, aus der sich die argumentative Auseinandersetzung ergibt, notwendiger denn je.

(Paula-Irene Villa, Professorin für Soziologie und Gender Studies an der LMU München. Sie forscht und lehrt zu Biopolitik, Sozialtheorien, Care/Fürsorge, Popkultur.)


L´chaim

4. Mai 2017


Secondo Front

17. Februar 2017

Ausländer ist man bekanntlich fast überall auf der Welt, so auch in der Schweiz. Eine kulturpolitische Intervention versuchen die Macher vom Salon Bastarde. Idealerweise fand der Kickoff im Zürcher Club EXIL statt.

Salon Bastarde, Uslaender, Secondos, kulturelle Intervention

Die normative Kraft des Faktischen wurde betont und Jurzcok verhandelte diese genial absurd unter dem Stichwort Scheinbevölkerung. Bis zur zweiten Generation besitzen beinahe 40% einen Migrationshintergrund, und bilden in manchen Städten bereits die Mehrheit. Der von den überraschenden Resultaten jüngster eidgenössischer Initiativen ausgehende Schwung gelte es mitzunehmen. Spoken Word und Rap, eine dauerassimilierte Nationalrätin, Interviews und szenische Rück- und Ausblicke auf Fremd- und Gastarbeiter, Flüchtlinge und Migration generell öffneten Augen, Ohren und Herz und machten viel Mut und gute Laune. Die Schweiz bewegt sich doch.


Neapel Sehen

12. Februar 2017

Er hatte eine Bretterwand gebaut. Die Bretterwand entfernte die Fabrik aus seinem häuslichen Blickkreis. Er hasste die Fabrik. Er hasste seine Arbeit in der Fabrik. Er hasste die Maschine, an der er arbeitete. Er hasste das Tempo der Maschine, das er selber beschleunigte. Er hasste die Hetze nach Akkordprämien, durch welche er es zu einigem Wohlstand, zu Haus und Gärtchen gebracht hatte. Er hasste seine Frau, sooft sie ihm sagte, heut Nacht hast du wieder gezuckt. Er hasste sie, bis sie es nicht mehr erwähnte. Aber die Hände zuckten weiter im Schlaf, zuckten im schnellen Stakkato der Arbeit. Er hasste den Arzt, der ihm sagte, Sie müssen sich schonen, Akkord ist nichts mehr für Sie. Er hasste den Meister, der ihm sagte, ich gebe dir eine andere Arbeit, Akkord ist nichts mehr für dich. Er hasste so viele verlogene Rücksichten, er wollte kein Greis sein, er wollte keinen kleineren Zahltag. Dann wurde er krank, nach vierzig Jahren Arbeit und Hass zum ersten Mal krank.

Holzwand. Holzmauer, Holzbretter,Bretterzaun

Er lag im Bett und blickte zum Fenster hinaus. Er sah sein Gärtchen. Er sah den Abschluss des Gärtchens, die Bretterwand. Weiter sah er nichts. Die Fabrik sah er nicht, nur den Frühling im Gärtchen und eine Wand aus gebeizten Brettern. Bald kannst du wieder hinaus, sagte die Frau, es steht alles in Blust. Er glaubte ihr nicht. Geduld, nur Geduld, sagte der Arzt, das kommt schon wieder. Er glaubte ihm nicht. Es ist ein Elend, sagte er nach drei Wochen zu seiner Frau, ich sehe immer das Gärtchen, sonst nichts, nur das Gärtchen, das ist mir zu langweilig, immer dasselbe Gärtchen, nehmt doch einmal zwei Bretter aus der verdammten Wand, damit ich was anderes sehe. Die Frau erschrak. Sie lief zum Nachbarn. Der Nachbar kam und löste zwei Bretter aus der Wand. Der Kranke sah durch die Lücke hindurch, sah einen Teil der Fabrik. Nach einer Woche beklagte er sich, ich sehe immer das gleiche Stück der Fabrik, das lenkt mich zu wenig ab. Der Nachbar kam und legte die Bretterwand zur Hälfte nieder. Zärtlich ruhte der Blick des Kranken auf seiner Fabrik, verfolgte das Spiel des Rauches über dem Schlot, das Ein und Aus der Autos im Hof, das Ein des Menschenstroms am Morgen, das Aus am Abend. Nach vierzehn Tagen befahl er, die stehen gebliebene Hälfte der Wand zu entfernen. Ich sehe unsere Büros nie und auch die Kantine nicht, beklagte er sich. Der Nachbar kam und tat, wie er wünschte. Als er die Büros sah, die Kantine und so das gesamte Fabrikareal, entspannte ein Lächeln die Züge des Kranken. Er starb nach einigen Tagen.

(Kurt Marti 1921-2017)


Ein Herz aus Paprika

1. Februar 2017

Es war im Winter 1982, als sich die Westberliner Luft mal wieder kaum vom Odeur der die Viermächte-Insel beinahe zu fest umschlingenden DDR unterschied. Smog-Alarm bei Inversionslage war an der Tagesordnung: «Achtung, Achtung, hier spricht die Berliner Polizei. Zur Zeit herrscht Smogalarm der Warnstufe 1 — vermeiden Sie anstrengende Tätigkeiten im Freien, halten Sie die Fenster geschlossen und verzichten sie auf Autofahrten» plärrte die surreal wirkende Botschaft aus den Lautsprechern der Polizeifahrzeuge. Die Kohleheizung via Allesbrenner oder Kachelofen war quasi Standard-de-Luxe, und ob nun Union oder Rekord kremiert wurde war den bodennahen Atmosphärenschichten total schnuppe. Drehte der Wind zudem auf Südost wurde es katarrhisch. Dunkel, dunkler, Berlin. Schwarz war sowieso en vogue, und Kreuzberg ein heimlich schwarzes Loch, welches Unmengen an Energie aufsog und verbrauchte, um ab und an einen irisierend funkelnden Neutronenstrahl ins Nirwana zu senden.

Herz aus Paprika, Zweifel Chips, Paprika Chips

Im avantgardistischen Sprachlabor SO 36 an der Oranienstrasse waren Alexander von Borsig, Die Tödliche Doris und SPK angekündigt. Nice try! Alexander war ein talentierter, gerade siebzehnjähriger Krachmacher, Effektgeräte und Gitarre waren seine Werkzeuge. Mit Die Tödliche Doris hatte ich noch als Wessi durch deren Maxi “Sieben tödliche Unfälle im Haushalt” eine Geistesverwandtschaft. Meine kleine Schwester war von jener Schallplatte tief fasziniert, auf der lakonisch vom ungemein banalen aber letalen Unglück berichtet wurde. Jene Artcombo benamte übrigens die damals stilbildende und unerhört frische Musik-Kategorie mit dem Terminus Geniale Dilettanten. Der Headliner SPK wurde als Sozialistisches Patienten Kollektiv, Surgical Penis Klinik und was auch immer in der Industrial Scene dechriffiert. Nicht ganz das Niveau von Klassenprimus Throbbing Gristle, nicht so brachial-germanisch wie die Einstürzenden Neubauten und auch kein antrainiertes Pathos à la Test Department, aber dennoch innovativ — war das noch industriell oder schon tänzelnder Echno? Und laut genossen tönten die synthetisierten Schallwellen mit einer enormen psychedelischen Wirkung dank Korg, Sampler & Co..

Down under rulez. Foetus, Swans, Severed Heads, Höhlennick, SPK.

Das Konzert selbst war fein, es steigerte sich konsequent über die beiden Vorgruppen bis zur Hauptattraktion. Alexander wurde noch mit Bierdosen beworfen, die Doris als Lokalmatador leidlich aktzeptiert und das ungeduldige Warten auf SPK fast endlos. Erstmal tüchtig anheizen, wa. Bloss der irrlichternde Typ neben mir drehte mehr und mehr ab, machte einen auf Pogo und suchte permanent Körperkontakt. Der hatte eindeutig die falsche Pille intus und bei seinen immer spastischer werdenden Zuckungen riss er mir absichtlich einen Knopf vom Ledermantel ab. Zugegeben, ich war selber auch nicht ganz nüchtern, doch überwog bei mir das transzendente Schwanken zwischen Irritation und Faszination, als der SPK-Frontmann seiner einen schwarzen Body tragenden Bühnenpartnerin mit einem blutigen Hammelschädel den Oberschenkel rauf und runter fuhr. Klar war der Schädel vom türkischen Schlachter ausm Kiez. Klar hinterliess das Spuren, nicht nur auf den Netzstrümpfen. Dazu der horrende Schallpegel, die übliche stark sauerstoffreduzierte SO 36-Luft und die angestrengte aber unbedingt aufrecht zu erhaltende eigene Coolness mit ihrer hoffentlich deeskalierenden Aussenwirkung. Fremdes Blut hatte ich im OP schliesslich schon genug gesehen.

All das war weit weg, doch als das Werbeplakat für Zweifel-Chips meine Netzhaut belichtete, kam die Erinnerung. Wie ein Herz aus Paprika! Vom limbischen System längst verbucht und in gewundenen Hirnlappen zwischengelagert. Das Internet aber dokumentiert alles routiniert. Wie radebrechte Problemtänzer Wolfgang Müller damals in der Echtwelt?

«Nylonstrümpfe werden steif durch getrocknetes Blu-ut.
Das Taktgefühl geht im Krieg verloren.
Lieber gar kein Herz, als ein Herz aus Paprika!»

Prophetisch poetisch.