Choral fantastique

F. W. Murnaus «Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen» ist ein melodramatischer Stummfilm und der allererste, den der begabte Regisseur in den USA drehte. Den seinerzeit vorherrschenden expressiven Ausdruck verstärkt Murnau meisterhaft durch raffinierte Schnittfolgen und Doppelbelichtungen. Die Geschichte eines Paares, dessen Ehe durch äussere Einflüsse und innere Spannungen auf tragische Art strapaziert wird, sich glücklich wiedervereinigt, nur um durch ein schicksalhaftes Unglück beinahe für immer auseinandergerissen zu werden, wurde durch das wirklich grossartige Orgelspiel des Überfliegers* Baptiste-Florian Marle-Ouvrard aus Paris anlässlich der Zürcher Orgeltage prächtig in Szene gesetzt.

Gut, Murnaus Bildsprache ist dramatisch genug, um die Erzählung und Spannung des Zuschauers geschickt zu forcieren, doch die quasi musikalische Untertitelung macht die Sache richtiggehend körperlich spür- und erfahrbar wenn das Forte von tiefen tremoloartigen Basspfeifen unterstützt wird. In verblüffender Ähnlichkeit mit Prof. Seifen aus Berlin scheinen die improvisierten Töne direkt aus dem jungen Organisten in die vielmanualige Klaviatur zu fliessen und ganz sanft und elegant wird man mitgenommen in eine Zeit, in der die Kinoorgel noch unverzichtbar war. Live war halt schon immer besser.

*Monsieur Marle-Ouvrard ist Hobbypilot

Cybercompost

Alexander Giesche, vormals Münchner, jetzt Zürcher Kunstschaffender inszenierte einen mit Trockeneisnebel gefüllten farbig-bunten Kubus, in dem das einfallende Sonnenlicht zig Farbnuancen erzeugt, welche im Nebel in weitere Farbtöne reflektieren, zerfallen und ersticken. Eine immersive analoge Scheinwelt, deren Ein- wie Ausdruck durch dreisprachige Audio-Collagen noch etwas befeuert wird. Als Annäherung an die neue Intendanz und Spielzeit des Schauspielhauses Zürich durchläuft die DAS INTERNET titulierte Installation vier Etappen quer durch die Stadt, um schliesslich am Schiffbau festzumachen. Vorm Jakob traf dann der schauspielernde Kompostmann zufällig (?) den obdachlosen Blumenmann, verhandelte Kompostwerdung generell und propagierte zwischenmenschlichen Kompostaustausch. Zum Finale gab es live eingeschweisste Kompost-Starterpacks to go. Mir ging Internet und Kompost nicht ganz so zusammen, auch die vom Darsteller rezitierte profane Farbgleichung alle Farben gemischt ergibt Braun erschloss sich mir zumindest kontextuell nicht wirklich. Ist das Internet jetzt bloss braune Kacke?

Etikettenschwindel

Bei Abstimmungen in der Schweiz scheint es gleich immer ums Ganze zu gehen: Souveränität ist für die national-konservative Schweizer Volkspartei sowieso die Ultima Ratio. Obschon deren Financiers selbst kräftig vom internationalen Warenaustausch profitieren, wird hierzulande gerne nach der bauernschlauen Devise «foiver und s´weggli» verfahren.

Nachdem die 2016er Abstimmung zur DSI überraschend stark politisierte und in der Folge zu einem deutlichen Umschwung beim Stimmvolk führte, ist nun unter dem Deckmantel Selbstbestimmungsinitiative (ursprünglich unter dem Titel «Fremde Richter» gestartet) ein weiterer Affront der Law-and-Order-Strategie Ausschaffung, Durchsetzung, Personenfreizügigkeit) gegen die aufgrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges gegründete und seitdem anerkannte Internationale Rechtsprechung (hier v. a. Strassburger Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte) geplant. Am Beispiel der Schweizer Zementgesellschaft Holcim in Rahmen der Anerkennung und Entschädigung von Asbestopfern wurde deutlich, dass die nationale Rechtsprechung aufgrund der herrschenden Gesetzgebung heimische Firmen tendenziell zu bevorteilen droht, während ein internationales Gremium die Sache augenscheinlich anders beurteilt.

Erst 1995 wurde Asbest in der Schweiz gänzlich verboten, dabei lagen schon in den 1920er Jahren Berichte zur sog. Asbestose vor. Diese wurde als Berufskrankheit 1939 in der Schweiz anerkannt. Aber: ausländische Asbestproduktion ist nicht durch Schweizer Recht gedeckelt, also auch keine Vorsichtsmassnahmen, keine Entschädigung, nada. Prima Sache, dieses Selbsbestimmung

Bewilligungspflicht für Reklameanlagen: § 309 Abs. 1 lit. m des Planungs- und Baugesetz des Kantons Zürich (PBG). Baurechtliche Erwägung: Die Kirche St. Jakob ist im kantonalen Inventar enthalten und steht unter Denkmalschutz. Die Werbeblache, an der Südfassade des Kirchturmes angebracht, ergibt keine gute Gesamtwirkung mit der gebauten und landschaftlichen Umgebung gemäss § 238 Abs. 1 PBG. Zudem nimmt die Anlage keine gebührende Rücksichtnahme auf das Objekt des Heimatschutzes gemäss § 238 Abs. 2 PBG. Für die Werbeblache am Turm kann keine nachträgliche Bewilligung in Aussicht gestellt werden.

Vertical Cinema

Bereits der Probedurchlauf war eine körperliche Erfahrung — bei diesem Hochformat natürlich der allmählich sich versteifende Nacken und dazu der latente Ohrenschaden, weil die Experimentalfilme mit Sounds > 120 dB untermalt werden, Throbbing Gristle nur Hilfsausdruck. Ausser um die noch verbliebenen Zahnblomben hatte ich Sorge um jede der zahllosen Glasscheiben, die eifrig mitschwangen, mitsurrten, mitklapperten. Zum Glück ist 80% der alten Holzbestuhlung schon evakuiert, mehr Bass hätte ich beim besten Willen nicht ertragen können und wollen. Art farts loud.

Vertical Cinema

Dennoch ein Erlebnis der besonderen Art, einfach weil anders. Vertical Cinema kickt bewusstseinstechnisch offensiv — dabei vielleicht einen Tick zu aggressiv. Aber es gibt im Programm auch den Moment der Ruhe, nach dem alle lechzen. Und frische Luft gibts ja gratis draussen.