The female is future

17. Juni 2019

Der Nationale Frauenstreik, rein eventmässig etwas ungeschickt gleich anderntags von der eintönig hedonistischen Tangente Zurich Pride schon rein abfalltechnisch fast torpediert, war schlicht enorm. Massenwirkung durch gute Laune – Frauenpower pur, eine ganz spezielle Energie versetzte die Atmosphäre in Vibration. Fast 200.000 alleine in Züri (quasi die Hälfte der BewohnerInnen), weit über eine Million schweizweit (immerhin ein Achtel) waren auf den Gassen, Strassen und Plätzen und taten kund, was weiter im Argen liegt: unbezahlte Reproduktionsarbeit, schlechter entlohnte soziale Arbeit und patriarchal zementierte Normen. War nicht immer so, wird nicht immer so sein. Männer sterben schliesslich früher (aus). Natürlich war die Eidgenössische Historie des arg verspäteten Frauenstimmrechts (1972!) mitsamt sehr zögerlicher Umsetzung von Gleichstellung ein neuerlicher Auslöser für die grösste politische Kundgebung der vergangenen Jahrzehnte, sicherlich sind die Strukturen in vielen anderen europäischen Ländern (Kriege, Männer, Tod, Frauen erobern Männerberufe) völlig anders. Als outgesourcter Randständiger war die weibliche Flut inspirierend und beängstigend zugleich. Vaginal reduzierte Plakate wechselten mit freizügigen Outfits, eine Demonstrantin trug mutig und stolz nur wenig mehr als ein transparentes Etwas. Die permanente Spiegelung von lüsternem Abschätzen und altherrrenklugem Verständnis für korrekte Anliegen war blamabel. Dass bei Tampons der Staat aber steuerlich profitiert, bleibt jedoch skandalös und findet die väterliche Solidarität unbedingt.

Atmen. Punkt. Schleichberechtigung.


Meet Shalva

17. Mai 2019

ESC am Schabbes in Israel — da kräuseln bereits im Vorfeld die Empörungswellen und Frontrunner (West-) Jerusalem wurde auf der Zielgeraden durch das hedonistische Tel Aviv ersetzt. Die Kirmes in Sachen weitgehend talentfreier Zurschaustellung hat heuer noch ein weiteres Opfer gefunden. Aus religiösen Gründen trat die Hausband eines israelischen Behindertenwerks nicht im nationalen Finale an, obwohl es bereits dort beste Siegchancen besass. Die Botschaft ist orthodox, selbst Sabbat-taugliche Mikrophone wurden erörtert, aber die ganze Chose vom Rabbinat letztlich nicht gut geheissen. Die federführende Eurovision bestand auf dem Sonnabend als Tag des Grand Final, fertig. Der Sieg beim ESC wäre nach den ganzen barttragenden Queers und der wiederkäuenden Regenbogenkfolklore einer sichtlich eingeschränkten Combo mit seichtem aber massentauglichem Liedgut nur schwer zu nehmen gewesen, Mitleidsbonus eingerechnet. Jetzt bleiben die australische Diva mit windverwehten überlangen Kleiderfetzen im Dementorenlook auf beweglicher Fiberglasstange, die verwirrend verwegenen Isländer und natürlich der Gewinner aus Aserbaidschan, falls der hüftsteife Kühlschrank mit dem von Roboterlasern holografierten Kunstherz in den gerade noch erträglichen drei Minuten etwas ansehnlicher performt. Allemagne moins de douze points en totale, CH wird locker das dreifache einsacken. Malus < Bonus. France sans chance, bleibt mein ewiger Favorit Srbija. Und hoffentlich sahnt nicht eines dieser unsäglich schmachtenden Duos oder Trios ab, doch beim ESC hat noch immer die momentane Geschmacksverwirrung gewonnen. ESC ist egal.

 

Why this Israeli band of disabled musicians said no to Eurovision


Frauen*streik

10. April 2019
Woman is the nigger of the world. (Yoko Ono 1969)

Zum 14. Juni 2019 wird in der Eidgenossenschaft von den Gewerkschaften, verschiedenen Parteien und feministischen Gruppen zum nationalen Frauenstreik aufgerufen. Vor fast 30 Jahren führte ein  auch von bürgerlichen Schichten getragener Streiktag in der Folge immerhin zu einem formalen Gleichstellungsgesetz. Dessen mangelhafte und noch lange nicht vollständige Umsetzung soll am diesjährigen Streiktag deutlich thematisiert und auf die weiterhin bestehende Lohnungleichheit, Diskriminierung, sexuelle Belästigung und ungleiche Verteilung von Care-Arbeit protestierend hingewiesen werden.

Für Männer gibt es eine korrekte Hilfestellung von sozialismus.ch:

Woman is the slave to the slave. (John Lennon 1972)

Belichtung

19. Februar 2019

Vielschreiber T.C. Boyle macht einmal mehr bei Hippies, Drogen sowie dem eher zaghaft gedeihendem alternierenden Lebensstil der frühen 60er Jahre Anleihen, um eigentlich nichts wirklich zu sagen. Ziemlich eintönig werden die Sessions geschildert, zu denen Guru Timothy Leary seiner Gemeinde das Sakrament in Form von LSD-25 verabreicht, jenem synthetisch hergestellte Halluzinogen, mit dem sich der Schweizer Chemiker Albert Hofmann eher zufällig im Sandoz-Labor selbst vergiftete. Nach dem Lesen des thematisch interessant wirkenden Romans bleibt ein fahler und metallener Nachgeschmack, der weder psychedelischen Farbexplosionen noch einem tatsächlichen Horrortrip richtig nahe kommt. Ist es bloss der deutschen Übersetzung geschuldet, dass so wenig von den dramatischen Prozessen, welche sich damals — zunächst Kunst und Kultur durchwirkend — unübersehbar und durchaus systemrelevant gesellschaftlich widerspiegelten, beim Rezipienten überhaupt ankommt?

Boyle bleibt seltsam distanziert, beinahe überbetont nüchtern beim Beschreiben seiner Handlungsträger vom anfänglich rein universitären Forschungsobjekt hin zum Kommunenhaften Abheben der Auserwählten, bis sich diese in immer sinnloser werdenden Trips, schier endlosen Partys und überdrehter aber abgeschlaffter Protesthaltung quasi selbst auflösen. Falls Boyle die naive Grundhaltung der akademischen Elite, unfähig zur sozialen Interaktion und unbeirrt auf Egotrip bestehend blosszustellen beabsichtigt, ist der Versuch eindeutig zu plump angelegt. Die anfänglich durch Medikamente gestützte Forschung über das Bewusstsein wird aus klinischem Versuch entlassen schliesslich zur reinen Drogenproblematik. Ob solch lakonischer Ansatz die weitgehend sinnbefreite Reise ins eigene Ich über fast 400 Seiten zu tragen vermag, bleibt mehr als zweifelhaft.

Boyles bis heute hochaktuelles Meisterwerk «América» hat nun fast ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel, ohne an Kraft und Vitalität eingebüsst zu haben. Selbst in «Wenn das Schlachten vorbei ist» besticht die Story noch mit einer raffiniert angelegten doppelten Codierung, welche die Protagonisten behutsam aber anschaulich entlarvt, ohne schulmeisterlich zu wirken. In der vorliegenden Geschichte mit dem selbsternannten LSD-Papst auf der Suche nach dem göttlichen Licht ist solch ein glückhafter Kunstgriff leider nicht zu erkennen.


Los Hamburgués

5. Dezember 2018

Hamburg Weltstadt stolz und reich und arm und würdelos. Eine völlig verlebt und zerlumpt aussehende Person schiebt ihre Sieben-Wagen-Karawane, bestehend aus schäbigen Trolleys und Einkaufswagen, wechselweise fünf Schritte das Trottoir entlang. Stau im Pyramidenbau nur Hilfsausdruck. Die Emsigkeit und Akkuratesse dieser seltsamen Performance steht im völligen Kontrast zu der nach wahllos zusammen gelesenen Müll aussehendem Ladung der übervollen Transportmittel. Petflaschen mit trübem Inhalt und andere erbärmliche Habseligkeiten sind eher zu erahnen als erkennbar, weil aus empfundener Scham gegenüber dem rastlos und ungerührt agierenden Menschen einerseits lieber nicht so genau hingeschaut wird, andererseits es nicht wirklich interessiert. Ein trostlos bleiernes Grauschwarz in der vifen Urbanität der agilen Neustadt. Unwirkliche Abscheu gepaart mit Staunen über die fast choreographiert wirkende Aktion stellt sich ein, dazu ein heimlicher Blick zurück. Watsdat?! Aber ja, die anderen Passanten haben es auch gesehen und ebenso sprachlos nicht reagiert. Das Elend in Teutoniens Metropolen wirkt krass im Vergleich zu der helvetischen Insel. Handkehrum fällt der Ex-Sozialministerin aus D das Fehlen solcher Strassenszenen hierorts sofort auf. Selber an der Armutsfront tapfer kämpfend kennen wir natürlich Obdachlose, arme Schlucker, Sans-Papiers und Wanderarbeiter. Aber nicht in solch drastischen Ausschmückungen wie im Harz4land. Sogar im beschaulichen Schwabenländle sind Bettler, Strassenmusikanten und herumlungernde Menschen in den Innenstädten gewöhnlich, in Zürich all dies unter Androhung von Wegweisung aber strikt untersagt. Wenn halbe Zombies durch die Berliner U-Bahn schwankend mit der “haste mal”-Forderung auf Kleingeld drängen, ist für glückselige Inselbewohner derart direkte Konfrontation nur erschreckend. Ein diffuses Gefühl keimt auf: wir sind reich, weil ihr arm seid. Wenig später beim Michel, eine beinah noch groteskere Szenerie. Wo innen wahrhaftig ein Geschäftsführer tituliert, wird aussen überm Hauptportal Satan vom namensgebenden Erzengel stolz mit dem Kreuze bezwungen. Gleich nach dem Sieg dann drinnen das unübersehbare Schild mit der Bitte, gefälligst (s)einen Obulus abzulassen.


Deutschrand

17. September 2018

Der Begriff Heimat hat Hochkonjunktur. Dabei wäre Heimat da am konkretesten, wo ich mir eine Wohnung leisten kann.

Der Begriff der Heimat hat seine Unschuld verloren, er ist nicht mehr nur eine harmlose Form der sentimentalen Selbstverortung, sondern ein Begriff der politischen Abschottung geworden. In dieser Eigenschaft wird er von den Kosmopoliten auch kritisiert, die dagegen Weltoffenheit und Toleranz halten. Allerdings ist das nicht weniger weltfremd, da Solidarität stets auf soziale Exklusivität angewiesen ist. Es gibt keine solidarische Weltgemeinschaft

Koppetsch, Hamburg, Heimat, Fraktur

Die Kosmopoliten nutzen andere Möglichkeiten der Abschottung?

Sie bewohnen die attraktiven Kieze und Innenstadtquartiere, die inzwischen so hohe Mieten und Immobilienpreise aufweisen, dass sich soziale Exklusivität wie von selbst einstellt. Zu den wirkungsvollsten kosmopolitischen Grenzanlagen gehört die kapitalistische Ausrichtung des Lebensstils. Kulturelle Offenheit wird somit kompensiert durch ein hochgradig effektives Grenzregime, das über Immobilienpreise und Mieten, über ein sozial und ethnisch hoch selektives Bildungswesen sowie über den Zugang zu exklusiven Freizeiteinrichtungen und Clubs gesteuert wird. Die Abgrenzung erfolgt nicht nach außen, denn hoch qualifizierte MigrantInnen sind hier selbstverständlich willkommen, sondern nach unten.

Für die Kosmopoliten, die Welterfahrenen, bedeutet Heimat allenfalls die Liebe zum regional produzierten Schwarzbrot?

Ja, und die Heimatsuchenden betrachten sie mit Herablassung. Aber sie haben gut reden, da sie zumeist keine Berührungspunkte mit Migranten aus dem globalen Süden aufweisen. Die Perspektive auf die Dinge ändert sich umgehend, wenn ich mit Asylsuchenden in Konkurrenz um Sozialtransfers, Wohnungen, Sexualpartner oder Jobs treten muss.

(Soziologin Cornelia Koppetsch in einem TAZ-Interview, Juli 2018)


Entebbe

6. Juli 2017

Am Jahrestag der Operation Entebbe wurde im Volkshaus Zürich eine Diskussionsrunde über die Anti-Israelische Organisation BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) abgehalten. Vor der Tür äusserten die BDS-Aktivisten ihre «Apartheid»-Vorwürfe plakativ, drinnen gab es einen zunächst theoretisch-historischen Diskurs über die Hintergründe und Entstehung von BDS. Darüber hinaus wurde das Verhältnis der Linken zu Israel beleuchtet und an Entebbe 1976 und den Golfkrieg 1990/91 erinnert, was in beiden Fällen zu erbitterten Auseinandersetzungen innerhalb der emanzipatorischen Linken führte. Bei der Flugzeugentführung 1976 fand unter massgeblicher Beteiligung westdeutscher Kämpfer eine Selektion von Israelischen Staatsbürgern statt. 1990 ging es um das Existenzrecht Israels angesichts irakischer Scud-Raketenangriffe. Laut Referent Alex Feuerherdt sollte es gerade für aufgeschlossene Linke die vornehmste Aufgabe sein, den reflektorischen Antisemitismus in der Linken gesamthaft zu hinterfragen.

Der 2005 u. a. von Omar Barghoudi gegründete BDS fordert den völligen Abbruch aller Gespräche mit Israel, Stichwort Antinormalisierungskultur. Der Staat Israel fungiert in BDS-Augen als kollektiver Jude, wird in Kollektivhaft genommen und gilt als Paria-Staat. Letztlich ginge es BDS gar nicht um die Belange der Palästinenser, sondern um die Existenz Israels. Wie auch in der jüngst von ARTE-TV zunächst nicht ausgestrahlten Dokumentation deutlich gemacht wurde, entstanden aus anfänglich 500.000 bis 700.000 Flüchtlingen über die Vererbung des Flüchtlingsstatus heute 5 Millionen palästinensische «Heimatvertriebene». Eine eigenständige UN-Organisation (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East/UNWRA) kümmert sich ausschliesslich um deren Belange, wird vom Westen alimentiert und ist nach der palästinensischen Regierung der grösste Arbeitgeber in Gaza und Westjordanland. Für den ganzen Rest der momentan weltweit 65 Millionen Flüchtlingen fungiert übrigens der eigentlich zuständige UNHCR!

Aus dem Finanztopf der UNWRA finanzierte Lehrer, Schulbücher und Schulen sorgen weiter für eine einseitige Tradierung der historischen Ereignisse, wo nur dem Palästinensischem Volk ein Heimatrecht zugesprochen wird, nicht aber der ebenfalls lange ansässigen jüdischen Bevölkerung. Gleichzeitig bleibt unklar wohin und wie die Geldströme fliessen, da UNWRA quasi von den Palästinensern selbst ohne UN-Kontrolle geführt wird. Im Gegensatz zur palästinensischen Gesellschaft und den arabischen Nachbarstaaten existiert in Israel eine vergleichsweise offene Gesellschaft, die palästinensische Bevölkerung hingegen wird als Faustpfand von Israel-Gegnern missbraucht.

Obwohl der BDS sich weitgehend um sich selbst dreht und bislang keine wirtschaftspolitischen Erfolge erreichen konnte, bleibt er eine Gefahr für ausserhalb Israels lebende Juden wegen der einseitigen Stimmungsmache und schafft so ein Klima von Hass und Antisemitismus.


Bitte um Mithilfe

25. März 2017

Die Frisurenpolizei sucht dringend diese flüchtigen Brüder:

Frisurenpolizei, RTL, Ehrlich Brothers

Sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung der Gesuchten
führen, werden mit zwei Wochen Dauer-RTL belohnt.


Shit happens

15. Oktober 2016

from A to Z


Nachspiel

14. Juli 2016

Emanzipation — eine Abseitsfalle

Was ich an Fussball mag? Die einfache Intelligenz seiner Weisheiten.
Der Ball ist rund. Mmmmmmmhhh.
Das Spiel dauert neunzig Minuten. Uuuhhh!
Das Runde muss ins Eckige. Yeeeah!
Ööööööhhh. [Liebe LeserInnen, Sie lesen einen Gröhltext. Gröhlen Sie ruhig mit, wenn Sie «Öööööööhhhhhh» lesen.]

«Ein totes Pferd springt halt nur so hoch, wie es muss» (Oliver Kahn)

Ich weiss noch, als Frank Ribéry das erste Mal rosa Fussballschuhe trug. Mit der Anmut eines starken Mädchens wirbelte er über den Platz und verzauberte die Welt mit einem «Ja, das sind pinke Schuhe, na und?» Oder sagen wir: «Alors, quoi?»
Ich dachte damals, es war 2008, jetzt ist die Welt vielleicht bereit, für ein Mädchen, das Fussball spielt und Fussballfan ist — und dabei nicht nur an hottie Beckham denkt oder lesbisch ist. Aber Schubladendenken, Alter! Ich werde beim Fussballfachsimpeln immer noch gefragt, ob ich überhaupt die Abseitsregel verstehe.
Das tue ich: Immer, wenn ich kurz vorm Tor stehe und denke: «Jetzt!»
JETZT! Eine Flanke zu mir, und ich mach ihn rein, und dann Ööööööööööhhh!
Dann kommt der Schiri und sagt, ich sei meinem Gegner zu weit voraus gewesen.
Klar bin ich meinem Gegner zu schnell! Hast du dir den mal angesehen?
Emanzipation. Das ist die ewige Abseitsfalle.

Ich weiss noch, als ich in der Grundschule den besten Fussballspieler unserer Schule getunnelt habe. Wie stolz ich war! Und wie wütend, als er es verleugnet hat, weil ich ein Mädchen bin. Ich musste ihn erst verprügeln und ins Klo tunken, bis er zugab, dass ein Mädchen ihn getunnelt und besiegt hat.
Ich weiss noch, wie ich die Jungs damals ausgelacht habe, wenn sie mich mit einem einfachen Übersteiger ausspielen wollten. Und ich weiss noch, wie sie fast vor Schreck umgefallen sind, wenn ich — obwohl ein Mädchen — wusste, dass ein Übersteiger «Übersteiger» heisst und plötzlich mit einem «hahaa Übersteiger oder was? Da musste bei mir früher aufstehen!» — zack — an ihnen vorbei zog, mich durchdribbelte, ins Tor schoss und: Ööööhhhh!

Ich weiss noch, wie ich dann ein bisschen Respekt für mein Geschlecht erspielt hatte und wie Melanie, die mitmachte, weil das europameisterschaftsbedingt gerade «in» war, alles wieder kaputt machte, als sie sagte: «Hey! Das ist unfair. Ich hatte doch grad den Ball!», während ihr jemand regelkonform den Ball abnahm.

Ich weiss noch, wie cool ich es fand, dass bei den «Wilden Kerlen» ein Mädchen mitspielte: Vanessa — und wie dumm, dass sie zwar supergut war, aber hauptsächlich der Liebesgeschichte im Plot diente und alle anderen nichts Besseres zu tun hatten, als sich ständig in sie zu verlieben.
Ich weiss noch, wie ich nicht so gut drin war, zu danteln (so heisst das in Bayern, wenn man den Ball mit dem Fuss balanciert) und ich habe so manchen Ball verspielt, weil ich mir überlegte, mit welcher meiner Brüste ich ihn jetzt annehmen soll.

Ich weiss noch, wie schwierig es war, sich mit Mädchen während der WM über Fussball zu unterhalten, weil die das nur alle vier Jahre machen und nicht das richtige Vokabular hatten und es am Ende doch um die Frisur von Gomez, die Glubschaugen von Özil und die H&M-Werbung von Beckham ging.
Ich weiss noch, dass das dunkelste Kapitel meines Leben wohl das war, in dem ich mich von meinen Freundinnen anstecken liess und auf Cristiano Ronaldo stand. Ich weiss noch, dass ich mir ab und zu mal erträumte, Profifussballerin zu werden. Ich weiss noch, wie eine Freundin mir erzählte, sie würde viel lieber Spielerfrau werden. Ouuuuuuuuuh!
Ich weiss noch, wie Sepp Blatter, das Arschloch, mal sagte, Frauen sollten femininere Höschen tragen, um den Frauenfussball attraktiver zu machen.

Doch ich habe mich auf allen Plätzen tapfer geschlagen.
Alles, was ich wollte, war, nicht wie diese Mädchen auszusehen, denen der Ball auf Parkwiesen — während sie sich gerade über die neue Ausgabe der «Vogue» austauschen — immer auf den Kopf fliegt, weswegen sie dann rot werden und sich schämen. Die dann immer noch röter werden, weil sie den Ball zurück schiessen sollen und sich nicht trauen. Und dann letztlich den Ball mit dem Knie in die entgegengesetzte Richtung befördern, dabei ausrutschen und noch röter werden.
«I feel you, girl», denke ich mir dann immer, weil mir das natürlich auch schon passiert ist und ich weiss, es liegt nicht an der Periode, den Brüsten, den Genen, sondern einzig allein am Druck, im richtigen Moment so zu glänzen wie die Frise von Granit Xhaka.
Es ist superschwierig, sich als Frau auf dem Platz zu behaupten.
Pokalfieber, Schweizer Meister PokalEs ist superschwierig, sich als Frau mit Jungs ein EM-Finale anzusehen. Jeder Kommentar könnte dümmlich und unqualifiziert wirken und dann auf das Geschlecht zurückgeführt werden. Und es ist noch viel schwieriger, sich ein EM-Finale mit Jungs und ihren Freundinnen anzusehen, weil die oft eine Allianz der offenen Dummheit mir dir schliessen wollen und laut so Sachen sagen wie «iiih, wieso wird der da jetzt eingewechselt, der andere war viel hübscher».
Aber ich habe mir geschworen: Das nächste Mal, wenn deine Freundin wieder jegliche Kredibilität für unser Geschlecht aus dem Raum nimmt, dann werde ich aufstehen. Ich werde kämpfen — gegen den Abstieg. Ich werde sagen:
«Ich weiss, dass ihr alle glaubt, dass ich nicht weiss, was da gerade abgeht! Ich weiss, dass ihr glaubt, ich hoffe nur auf ein Tor, damit sich einer von den Spielern auszieht. Ich weiss, dass ihr nicht mit mir über Fussball reden möchtet — nicht einmal darüber, was Jogi Löw während des Spiels gegen die Ukraine mit der Hand in seiner Hose gemacht hat, und ob das ok ist oder nicht… Aber ich sag euch eins: Wenn unser Team ein Tor schiesst… Dann habe ich die gleichen Tränen in den Augen, ich spüre die gleiche Erleichterung, die gleiche Gänsehaut auf meinen Armen und jah — auch auf meinen Brüsten!»
Ich werde kämpfen. Für die weibliche Reputation im Fussball! Dafür, dass blonde, gutaussehende Frauen wie ich sich in eine Kneipe setzen können und mitgröhlen können, öööööööhhh, ohne dabei strafend, mit dem «Bewahre-dein-Gender!»-Blick angesehen zu werden.
Und ich werde gut dabei aussehen. Wie ein Einhorn. Wie ein Ribéry, der als erster Fussballprofi der Geschichte pinke Fussballschuhe auf dem Platz trug.
Vielleicht werde ich auch nicht gut aussehen. Wie eines der Rot-werd-Mädchen im Park und weniger wie ein Einhorn. Mehr wie ein totes Pferd. Aber ich werde nicht aufgeben. Denn wie Oliver Kahn einst sagte: Ein totes Pferd springt nur so hoch wie es muss!

© Fatima Moumouni *1992, weder blond noch blöd