Delikat Essen LXXXV

1. Juli 2019

Die gutmeinenden Warmduscher der Deutsche Bahn stellen für ausfällige Klimaanlagen im Regionalverkehr kistenweise Mineralwasser als Kompensation zur freien Verfügung ihrer hitzegeplagten Fahrgäste. Dass das Wasser im hochtemperierten Zug in den PET-Flaschen ebenfalls fast den Siedepunkt erreicht, scheinen die arglosen Bähnler eher nicht bedacht zu haben. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint…


Avanti l´estate

21. Juni 2019


Ablassen

23. April 2019

Sicher zahlen nicht alle Passagiere an Bord einen Extra-Obolus für Klimaschutzprojekte und die Sintflut kommt sowieso nach mir, doch Öko-Ablasshandel ist karmatechnisch prima und gewissensneutral.


Zwinglisch

8. April 2019

Der olle Wintermann musste sich zum Zürcher Frühlingsfest Sächsilüüte eine Zwinglikappe überziehen, bevor es ihm den mit Schwarzpulver ordentlich gefüllten Grind als beliebtes Sommerorakel schlussendlich krachend zerriess. 1064 Sekunden hats dann doch gedauert, eine eher mittelmässige Prophezeiung fürs Zwingli-Jahr 2019 also. Diese aber darf wegen Klimawandel getrost noch etwas angepasst werden. Weil Aberglaube bringt Unglück. Sowieso. Seltsam bleibt auch, dass bei dem kostümierten Umzug weiterhin nur Männer paradieren, während willfährige Frauen diesen auf dem Weg Blumen überreichen. Wohl gibt es eine Frauenzunft, welche jedoch nicht offiziell, sondern nur als Gast und bis 2022 befristet verschämt mit tun darf. Den sturen zünftigen Patriarchen sollte es mal ruhig den ganzen Sommer verhageln…


Prima Klima

6. April 2019

Früher war no future heute more. «Gopfrid Stutz jäzz Klimaschutz!» lautet eine der Parolen. Auffällig viele Grosseltern und Eltern. Samstags muss kein Unterricht oder Job geschwänzt werden, und so sind es zu Zürich sicher um die 20.000 Mitläufer.

Kleine und grosse Leute, rote und schwarze Fahnen, Pfadis aus Belgien («On est plus chauds que le climat!») und klimastreikende Frauen, die schon jetzt zum Frauenstreik am 14. Juni aufrufen. Manche müssen erst noch lernen ihr Transparent

plakativ zu gestalten, andere sind Dosenbier trinkend schon nach wenigen Metern nicht mehr ganz klimaneutral und ziemlich heiser. Einige grüssen, Kundschaft aus der weiten Gemeinde und ich frage mich, wo und wie man den Funk nach Frankfurt zur Zeitmessung unterbricht. Eine Turmuhr zeigt in der Stadt bereits fünf vor zwölf.

Alle sind gut drauf, sogar die Nachhut, welche mit Abfallgreifern und Kübeln ausgerüstet all das aufsammeln, was die Vorgänger auf dem Weg verloren bzw. liegen haben lassen. Saubere Sache denke ich noch, Schweiz nur Hilfsausdruck.


Delikat Essen LXXIX

3. Dezember 2018
Borschtsch,Murmansk
(Foto: Theresa L.)

Viel Borschtsch wird im arktischen Murmansk gelöffelt, um die völlige Sonnenabstinenz in diesen Wochen am Polarkreis durchzustehen. Dafür wird das Ende der Polarnacht dann gross gefeiert: “Здравствуй, Солнце!”


Fireinthesky

28. Oktober 2017

Gartenidylle

3. August 2017

Kleingarten, FGZ, Gartenidylle


O du goldigs Sünneli

20. Oktober 2016

Ab in die Sonnenstube Helvetiens, um noch vor dem Fahrplanwechsel die dann alte Gotthardstrecke mit ihren vier Tunnelkehren zu befahren. Randvoll ist der Zug, viel graues Haar, GA-Besitzer und Tagesausflügler nutzen das auf der Alpensüdseite vielversprechende Wetter. Da heisst es zunächst mit der Holzklasse Vorlieb zu nehmen; Klappsitze im Veloabteil. Zwei Seniorinnen stossen aus Platzmangel hinzu. Sie seien auf einen Kaffee in Locarno verabredet, ausser Handtaschen kein Ballast. Sie machen das oft und gerne und immer zusammen. GA rulez.

Noch im Kanton Schwyz endlich gepolsterter Platz und eine neue, sehr fidele Pensionäresgruppe gesellt sich zu mir. Schenkelklopfend werden Witze lauthals herumgereicht und selbst schlüpfriger Humor mit einem etwas senilen Nachgeschmack tritt leider viel zu offen zu Tage. Die detaillierten Kranken- und Leidensgeschichten der Partner werden ausgetauscht, als überraschend festgestellt wird, dass alle bereits verwitwet sind. Hier ein Krebs, dort eine Querschnittslähmung und da ein mehrjähriges Koma. Aber lustig haben sie es trotzdem, c´est la vie und bei der Kirche von Wassen kommt es tatsächlich zu einer leibhaftigen Parodie von Emils Humoreske: permanent wird das Handy genau im falschen Moment gezückt, um das Bild für den Fotochip festzuhalten. Dafür kommt der Mahnstein von Göschenen direkt vor dem Gotthardmassiv in den Blick:

Göschenen, Sonja Kreis, Gotthard, Gotthard 2007
Bahnhof Göschenen: ehemaliges Aufzugsgebäude für den Auto-Verlad, Text von Sonja Kreis (2007)

Natürlich wirkt der Text direkt an der alpinen Wetterscheide viel stärker als im Flachland; schon der Blick auf die Berglandschaft mit den tief hängende Wolken verursacht Gedanken an Wetter und Witterung oberhalb der Baumgrenze und wie Menschen überhaupt mit dem gewaltigen Berg eine Symbiose eingehen können.

I am the passenger, and I ride and I ride.

Kurz nach dem Gedicht die im Vergleich zur Autofahrt kurz wirkende und dabei fast genau so lange Tunnelpassage und dann liegt das Tessin sonnendurchflutet vor uns, der Ticino etwas arg seicht in seinem Bett, die Bergspitzen erscheinen erst ganz zart überzuckert und die Reisgruppe schmiedet Pläne für das anstehende Mittagessen. Lugano oder Locarno? Chiasso ist mir zu grenzwertig und Chico d´Oro zu abwegig. Lugano ist Endstation, basta. Herzlich auflachen muss ich beim Verlassen des Neigezuges, als ich Manni Matter als dessen Namenspatron entziffere — Hemmige, passt.

Die Hälfte der Herde ist bereits in Bellinzona in Richtung Laggio Maggiore ausgeschert, trotzdem wirkt es wie eine Deutschschweizer Ausflugsdemo, als wir die Station Lugano in Richtung Centro verlassen. Altstadt, Piazza und Seepromenade, dazu 20 Grad. Schön, schöner, Italia. Lecker ist es sowieso und dazu gibt es ein paar grotesk gealterte Ansichtskarten, die den Charme des Rentnerparadieses auch farblich perfekt auf den Punkt bringen und als spätsommerlicher Gruss umgehend an die Daheimgebliebenen verschickt werden.

Bansky, Lugano, Tunnel
Tapeziert und banskyhaft verfremdet: Luganeser Tunnel am Bahnhof

Retour gehts mit dem Regionalexpress, mehr Stationen, weniger Leute. Zunächst. An jedem Halt steigen mehr Menschen zu, Kurzurlauber, Familien, Feierabend habende. Bis Zürich HB ist alles gut gefüllt. Das Licht Richtung Norden ganz anders als auf dem Hinweg, nicht ganz so verheissungsvoll, dafür blauer.

Nächstes Mal dann Halt auf dem Berg mit Besuch im Herz der Schweiz.


Le soleil est près de moi

20. März 2016

Le printemps enfin.

Schon wenige Tage vor Erreichen des astronomischen Frühlingpunktes leuchtet die Sonne munter herab; bereits seit dem 16. März beträgt die tägliche Dauer der in Mitteleuropa aufschlagenden Lichtquanten wieder mehr als 12 Stunden. Die erhellende Lichtenergie regt brach liegendes Potential an, was teilweise aber den körpereigenen Kräftehaushalt überfordert. Dessen Folge ist die landläufig genannte Frühjahrsmüdigkeit. Der Hormonspiegel liegt noch auf dem tiefen Winterlevel und die klimatischen Bedingungen sind längst nicht stabil genug, als dass sich der Körper schon auf Sommerbetrieb umzustellen vermag. Dieses leicht schwankende Gefühl darf man unbedingt geniessen, da es — wie alle Zustände im Interim — angenehm betörend wirkt.

Stolpergefahr