Choral fantastique

11. Januar 2020

F. W. Murnaus «Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen» ist ein melodramatischer Stummfilm und der allererste, den der begabte Regisseur in den USA drehte. Den seinerzeit vorherrschenden expressiven Ausdruck verstärkt Murnau meisterhaft durch raffinierte Schnittfolgen und Doppelbelichtungen. Die Geschichte eines Paares, dessen Ehe durch äussere Einflüsse und innere Spannungen auf tragische Art strapaziert wird, sich glücklich wiedervereinigt, nur um durch ein schicksalhaftes Unglück beinahe für immer auseinandergerissen zu werden, wurde durch das wirklich grossartige Orgelspiel des Überfliegers* Baptiste-Florian Marle-Ouvrard aus Paris anlässlich der Zürcher Orgeltage prächtig in Szene gesetzt.

Gut, Murnaus Bildsprache ist dramatisch genug, um die Erzählung und Spannung des Zuschauers geschickt zu forcieren, doch die quasi musikalische Untertitelung macht die Sache richtiggehend körperlich spür- und erfahrbar wenn das Forte von tiefen tremoloartigen Basspfeifen unterstützt wird. In verblüffender Ähnlichkeit mit Prof. Seifen aus Berlin scheinen die improvisierten Töne direkt aus dem jungen Organisten in die vielmanualige Klaviatur zu fliessen und ganz sanft und elegant wird man mitgenommen in eine Zeit, in der die Kinoorgel noch unverzichtbar war. Live war halt schon immer besser.

*Monsieur Marle-Ouvrard ist Hobbypilot


The times they are a-changin´

10. Januar 2020

und das kapitalistische Verwertungsinteresse passt sich gerne an.


Ongaku Kyögen

24. Dezember 2019

Scrooge was here.


Flickgut

21. Dezember 2019

Die reichlich avantgardistische Collage von Sebastian Hofmann (Zürich/Berlin), aufgeführt von einem kleinen Orchester (Keyboard, Perkussion/Gitarre, Querflöte und Posaune) sowie auf Rollstühle angewiesenen Paraplegikern nennt sich Flickgut. Es geht ums Flicken im weitesten Sinn, seelisch wie körperlich, die Gottfrage wird gestellt («Ist es nicht besser mit Hoffnung zu sterben als mit Angst?») und selbst etwas derber Humor der Querschnittsgelähmten kommt nicht zu kurz («Ich muss jetzt los mein Velo flicken»). Der unstete Rhythmus kommt verstärkt von Fingerpulsmessern, an den wendigen Rollstühlen

sind Megaphone installiert, welche drahtlos angesteuert einen prima Raumklang generieren. Schon beim Eingang muss ich schmunzeln, weil aus der Flüstertüte der sauerstoffbeatmeten Darstellerin «Oh Tannenbaum!» zwar blechern, aber fröhlich entweicht. Zur Begrüssung haben die Rollis nämlich eine Art Spalier gebildet, Kaltduschen quasi gleich im Entrée. Im Kunstraum Walcheturm wird die längste Nacht performativ begangen und, long time no see, Kunstvolk ist schon sehr schick mit ihrer betont habituellen Autoreferenzialität. Meinem ignoranten Selbst aber immer schwer vermittelbar, mit welchem Ernst arty-farty-Sachen zur Schau gestellt werden. Marktwirtschaft anybody?


Delikat Essen Essen LXXXVII

13. November 2019

Das hippe crowdfundierte Pop-Up Vermicelleria hats gehabt. Ausverkauft inmitten der temporären Saison. Jetzt bleiben nur noch die überall in der Stadt verstreuten Marroni-Ständchen mit ihrem Holzkohlearoma bis zum dann noch ziemlich blassen Frühjahr.


Kidditch

28. Oktober 2019

Die aus dem Harry Potter Universum in die Realwelt gefallene, aufgrund von Schwerkraft und mangels fliegender Hexenbesen leicht albern aussehende Sportart Quidditch wird allen Ernstes nicht nur von Kindern betrieben. Die merkwürdige Mischung aus Völkerball, Rugby und Handball samt eingeklemmten Stock zwischen den Beinen sieht ulkig aus und hat dennoch Drive. Beim einzigen Vollkontaktsport mit gemischten Teams wird versucht, einen bunten Volleyball in die senkrecht zur Spielfläche auf Pfosten stehenden meterbreiten Ringe zu werfen. Der Gewinn des Schnatzes wird mit 30 Punkten gleich dreimal höher als ein normaler Ringtreffer gewertet und beendet das Spiel augenblicklich. Die Turicum Thinderbirds von Quidditch Zürich wurden kürzlich trotz Rücklage durch Schnatz nationaler Meister und dürfen im Europacup nun gegen den amtierenden Champ Berlin Bluecaps ran.


Sprachapp

22. September 2019


Cybercompost

8. September 2019

Alexander Giesche, vormals Münchner, jetzt Zürcher Kunstschaffender inszenierte einen mit Trockeneisnebel gefüllten farbig-bunten Kubus, in dem das einfallende Sonnenlicht zig Farbnuancen erzeugt, welche im Nebel in weitere Farbtöne reflektieren, zerfallen und ersticken. Eine immersive analoge Scheinwelt, deren Ein- wie Ausdruck durch dreisprachige Audio-Collagen noch etwas befeuert wird. Als Annäherung an die neue Intendanz und Spielzeit des Schauspielhauses Zürich durchläuft die DAS INTERNET titulierte Installation vier Etappen quer durch die Stadt, um schliesslich am Schiffbau festzumachen. Vorm Jakob traf dann der schauspielernde Kompostmann zufällig (?) den obdachlosen Blumenmann, verhandelte Kompostwerdung generell und propagierte zwischenmenschlichen Kompostaustausch. Zum Finale gab es live eingeschweisste Kompost-Starterpacks to go. Mir ging Internet und Kompost nicht ganz so zusammen, auch die vom Darsteller rezitierte profane Farbgleichung alle Farben gemischt ergibt Braun erschloss sich mir zumindest kontextuell nicht wirklich. Ist das Internet jetzt bloss braune Kacke?


Nesselhaft

31. August 2019

Der Zwergensiedlungsasylant kommt mächtig ins Schwitzen.

Derweil die Temperaturen sich spätsommerlich in verblüffend hohe Bereiche verirren, tut der innerstädtische Geräuschpegel auf Strassen, Gassen und Höfen dergleichen – es ist LAUT. Durch die Nacht, bis zum Morgen. Der Pizzaservice gegenüber wärmt seinen Ofen nachtnächtlich bis um 5 Uhr, das Gewerbecenter vis-à-vis schliesst erst um 3 Uhr seine Pforten. Parkierende PKW, knatternde Töffs, Spätheimkehrer, Frühaufsteher, Angetrunkene, glucksende Pärchen, orientierungslose Nachtschwärmer, emsige Nachtarbeiter halten mich erfolgreich wach. Zusätzlich fungiert die Pizzeria gleichzeitig als eritreischer Männertreff und atmet permanent hektisch diskutierende Draussenraucher. Eine Nacht, zwei Nächte, drei Nächte. Bis sich schliesslich die Blattern breit machen und zu einem sehr hartnäckigen Reizhusten dazu gesellen, na danke, geht doch. Prima. Erschrecken, Erstaunen, Unglaube, nicht-wahrhaben-wollen kosten zunächst Zeit und Nerven bevor das Antihistaminikum endlich zu wirken beginnt. Allergisch sediert sieht die Welt dann schon ganz anders aus.

Die bei der Vorab-Besichtigung nicht wahrgenommene grandiose Remise neben dem für Zürcher Verhältnisse ziemlich verwahrlosten Hinterhaus. Erst die mit einmaldrei Meter überdimensionierte und beleuchtete Hausnummer weckt meine Aufmerksamkeit. 166. Der Spalt zwischen Vorhang und Fenster. Im Treppenhaus beim Aufstieg sicherlich kein Scharfblick, eher Irritation — Whirlpool, Monitore mit eindeutigen Filmsequenzen. Körpersilhouetten hinter Sichtblenden, dauerrotierende flackerhafte Discobeleuchtung. Eine neugierige Abscheu. Das Internet weiss alles über das euphemistische Gewerbecenter Grandios. Räume, Mieter, Angebote. Such is real life.

Eines frühen morgens höre ich einige Frauen auf dem Hof ungarisch reden – würde soziologisch passen, denn der Schweizer Markt für Sexarbeiterinnen ist noch immer osteuropäisch dominiert. Womöglich ist der Status einer vorübergehenden Untermieterin aka Empfangsdame in einem Gewerbecenter im Vergleich zu normaler Strassenarbeit oder gar Verrichtungsboxen  sogar noch erträglich. Dass Frischfleisch immer auf der Durchreise ist, um ja nicht zu langweilen sieht man am einsichtigem Gepäckzimmer, das die üblichen plastifizierten Rollkoffer en masse beherbergt. Auch mein selbstgewähltes Exil findet immerhin sein automatisches Ende. Und beim nächsten Mal besser alle Augen auf im nervigen Strassenverkehr.


Avanti l´estate

21. Juni 2019