Sprachapp

22. September 2019


Cybercompost

8. September 2019

Alexander Giesche, vormals Münchner, jetzt Zürcher Kunstschaffender inszenierte einen mit Trockeneisnebel gefüllten farbig-bunten Kubus, in dem das einfallende Sonnenlicht zig Farbnuancen erzeugt, welche im Nebel in weitere Farbtöne reflektieren, zerfallen und ersticken. Eine immersive analoge Scheinwelt, deren Ein- wie Ausdruck durch dreisprachige Audio-Collagen noch etwas befeuert wird. Als Annäherung an die neue Intendanz und Spielzeit des Schauspielhauses Zürich durchläuft die DAS INTERNET titulierte Installation vier Etappen quer durch die Stadt, um schliesslich am Schiffbau festzumachen. Vorm Jakob traf dann der schauspielernde Kompostmann zufällig (?) den obdachlosen Blumenmann, verhandelte Kompostwerdung generell und propagierte zwischenmenschlichen Kompostaustausch. Zum Finale gab es live eingeschweisste Kompost-Starterpacks to go. Mir ging Internet und Kompost nicht ganz so zusammen, auch die vom Darsteller rezitierte profane Farbgleichung alle Farben gemischt ergibt Braun erschloss sich mir zumindest kontextuell nicht wirklich. Ist das Internet jetzt bloss braune Kacke?


Nesselhaft

31. August 2019

Der Zwergensiedlungsasylant kommt mächtig ins Schwitzen.

Derweil die Temperaturen sich spätsommerlich in verblüffend hohe Bereiche verirren, tut der innerstädtische Geräuschpegel auf Strassen, Gassen und Höfen dergleichen – es ist LAUT. Durch die Nacht, bis zum Morgen. Der Pizzaservice gegenüber wärmt seinen Ofen nachtnächtlich bis um 5 Uhr, das Gewerbecenter vis-à-vis schliesst erst um 3 Uhr seine Pforten. Parkierende PKW, knatternde Töffs, Spätheimkehrer, Frühaufsteher, Angetrunkene, glucksende Pärchen, orientierungslose Nachtschwärmer, emsige Nachtarbeiter halten mich erfolgreich wach. Zusätzlich fungiert die Pizzeria gleichzeitig als eritreischer Männertreff und atmet permanent hektisch diskutierende Draussenraucher. Eine Nacht, zwei Nächte, drei Nächte. Bis sich schliesslich die Blattern breit machen und zu einem sehr hartnäckigen Reizhusten dazu gesellen, na danke, geht doch. Prima. Erschrecken, Erstaunen, Unglaube, nicht-wahrhaben-wollen kosten zunächst Zeit und Nerven bevor das Antihistaminikum endlich zu wirken beginnt. Allergisch sediert sieht die Welt dann schon ganz anders aus.

Die bei der Vorab-Besichtigung nicht wahrgenommene grandiose Remise neben dem für Zürcher Verhältnisse ziemlich verwahrlosten Hinterhaus. Erst die mit einmaldrei Meter überdimensionierte und beleuchtete Hausnummer weckt meine Aufmerksamkeit. 166. Der Spalt zwischen Vorhang und Fenster. Im Treppenhaus beim Aufstieg sicherlich kein Scharfblick, eher Irritation — Whirlpool, Monitore mit eindeutigen Filmsequenzen. Körpersilhouetten hinter Sichtblenden, dauerrotierende flackerhafte Discobeleuchtung. Eine neugierige Abscheu. Das Internet weiss alles über das euphemistische Gewerbecenter Grandios. Räume, Mieter, Angebote. Such is real life.

Eines frühen morgens höre ich einige Frauen auf dem Hof ungarisch reden – würde soziologisch passen, denn der Schweizer Markt für Sexarbeiterinnen ist noch immer osteuropäisch dominiert. Womöglich ist der Status einer vorübergehenden Untermieterin aka Empfangsdame in einem Gewerbecenter im Vergleich zu normaler Strassenarbeit oder gar Verrichtungsboxen  sogar noch erträglich. Dass Frischfleisch immer auf der Durchreise ist, um ja nicht zu langweilen sieht man am einsichtigem Gepäckzimmer, das die üblichen plastifizierten Rollkoffer en masse beherbergt. Auch mein selbstgewähltes Exil findet immerhin sein automatisches Ende. Und beim nächsten Mal besser alle Augen auf im nervigen Strassenverkehr.


Avanti l´estate

21. Juni 2019


The female is future

17. Juni 2019

Der Nationale Frauenstreik, rein eventmässig etwas ungeschickt gleich anderntags von der eintönig hedonistischen Tangente Zurich Pride schon rein abfalltechnisch fast torpediert, war schlicht enorm. Massenwirkung durch gute Laune – Frauenpower pur, eine ganz spezielle Energie versetzte die Atmosphäre in Vibration. Fast 200.000 alleine in Züri (quasi die Hälfte der BewohnerInnen), weit über eine Million schweizweit (immerhin ein Achtel) waren auf den Gassen, Strassen und Plätzen und taten kund, was weiter im Argen liegt: unbezahlte Reproduktionsarbeit, schlechter entlohnte soziale Arbeit und patriarchal zementierte Normen. War nicht immer so, wird nicht immer so sein. Männer sterben schliesslich früher (aus). Natürlich war die Eidgenössische Historie des arg verspäteten Frauenstimmrechts (1972!) mitsamt sehr zögerlicher Umsetzung von Gleichstellung ein neuerlicher Auslöser für die grösste politische Kundgebung der vergangenen Jahrzehnte, sicherlich sind die Strukturen in vielen anderen europäischen Ländern (Kriege, Männer, Tod, Frauen erobern Männerberufe) völlig anders. Als outgesourcter Randständiger war die weibliche Flut inspirierend und beängstigend zugleich. Vaginal reduzierte Plakate wechselten mit freizügigen Outfits, eine Demonstrantin trug mutig und stolz nur wenig mehr als ein transparentes Etwas. Die permanente Spiegelung von lüsternem Abschätzen und altherrrenklugem Verständnis für korrekte Anliegen war blamabel. Dass bei Tampons der Staat aber steuerlich profitiert, bleibt jedoch skandalös und findet die väterliche Solidarität unbedingt.

Atmen. Punkt. Schleichberechtigung.


Punkt. Amen.

13. Juni 2019

Zum nationalen Frauenstreik inklusive Vollgeläut.


Vaterstolz #11

30. Mai 2019


Zwinglisch

8. April 2019

Der olle Wintermann musste sich zum Zürcher Frühlingsfest Sächsilüüte eine Zwinglikappe überziehen, bevor es ihm den mit Schwarzpulver ordentlich gefüllten Grind als beliebtes Sommerorakel schlussendlich krachend zerriess. 1064 Sekunden hats dann doch gedauert, eine eher mittelmässige Prophezeiung fürs Zwingli-Jahr 2019 also. Diese aber darf wegen Klimawandel getrost noch etwas angepasst werden. Weil Aberglaube bringt Unglück. Sowieso. Seltsam bleibt auch, dass bei dem kostümierten Umzug weiterhin nur Männer paradieren, während willfährige Frauen diesen auf dem Weg Blumen überreichen. Wohl gibt es eine Frauenzunft, welche jedoch nicht offiziell, sondern nur als Gast und bis 2022 befristet verschämt mit tun darf. Den sturen zünftigen Patriarchen sollte es mal ruhig den ganzen Sommer verhageln…


Prima Klima

6. April 2019

Früher war no future heute more. «Gopfrid Stutz jäzz Klimaschutz!» lautet eine der Parolen. Auffällig viele Grosseltern und Eltern. Samstags muss kein Unterricht oder Job geschwänzt werden, und so sind es zu Zürich sicher um die 20.000 Mitläufer.

Kleine und grosse Leute, rote und schwarze Fahnen, Pfadis aus Belgien («On est plus chauds que le climat!») und klimastreikende Frauen, die schon jetzt zum Frauenstreik am 14. Juni aufrufen. Manche müssen erst noch lernen ihr Transparent

plakativ zu gestalten, andere sind Dosenbier trinkend schon nach wenigen Metern nicht mehr ganz klimaneutral und ziemlich heiser. Einige grüssen, Kundschaft aus der weiten Gemeinde und ich frage mich, wo und wie man den Funk nach Frankfurt zur Zeitmessung unterbricht. Eine Turmuhr zeigt in der Stadt bereits fünf vor zwölf.

Alle sind gut drauf, sogar die Nachhut, welche mit Abfallgreifern und Kübeln ausgerüstet all das aufsammeln, was die Vorgänger auf dem Weg verloren bzw. liegen haben lassen. Saubere Sache denke ich noch, Schweiz nur Hilfsausdruck.


After Extra Time

28. März 2019