Danger in Luzern

Seit dem überwältigende Erfolg der deutlichen Ansage in «Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt» durch Danger Dan stand eben jener schon ziemlich lange nicht nur auf der eigenen Wunschliste; entweder ziemlich rasch ausverkauft oder aber terminlich und örtlich unpassend. Beim dritten Versuch hat es nun endlich geklappt und eines der letzten Tickets konnte ergattert werden. Die Vorfreude war riesengross, das Wetter prima und mit etwas zeitlichem Vorsprung konnte nun auch die architektonische Schönheit KKL näher in Augenschein genommen werden. Das freitragende Dach und der Balkon ganz oben stilvoll und mit schöner Aussicht aufs Alpenglühen. Wirklich eine kleine Preziose dieses Luzerner Konzerthaus!

Zur Einführung kokettierte der Kurator schon ein wenig mit seinem Publikum, als er aus dem bildungsbürgerlichen Blatt NZZ vorlas, welches ein sich dezidiert politisch äussernden Liedermacher auf einem Klavier-Fest als Fehlbesetzung hinterfragte. Zitat: «Ob das alles noch von der Idee eines traditionellen Klavierfestivals gedeckt ist, steht auf einem anderen Blatt.» Doch Igor Levit und Danger Dan hatten Heimspiel sowieso und Auswärtsfans waren quasi nicht zugelassen.

Das den Wert der Tradition so nicht unbedingt teilende Publikum betrachtete die kurze Lesung als muntere Auflockerung und quittierte mit lautem Lachen und ironischem Applaus.

Foto: © Patrick Hürlimann

Zunächst mit Solo-Programm alleine auf der Bühne, später dann mit einem engagierten Heck Quartett und noch etwas später, als der Liedermacher am E-Piano anscheinend nicht mehr weiter wusste, half der vom Publikum mit Igor-Rufen geforderten Edelpianist selber aus und zeigte, welche Töne aus den Tasten zu holen sind, wenn man Noten lesen kann. Denn das DER Unterschied – Levit hatte sogar einen Assistenten, der das iPad mit Ständer auf die Bühne brachte, von dem fleissig abgelesen wurde…

Foto: © Patrick Hürlimann

Daniel und seine Freunde lieferten – donnernd und bebend tobte der bis zum 4. Rang gefüllte Saal und fast alle machten mit, als Danger Dan darum bat die Handylampen zu einem Liebeslied aufleuchten zu lassen. ESC? Noe. Schlager kann auch Antifa.

Foto: © Patrick Hürlimann

Trotz aller professionellen Bühnenpräsenz liess Danger Dan in den Zwischenansprachen immer auch das menschliche und politische Ansinnen durchscheinen, besonders als von den Streichern eine sich gegen den Nazi-Terror richtende Komposition «Mein Vater wird gesucht» von 1935 musikalisch eindrücklich und berührend gegeben wurde. All das sicher keine Pose, sondern ernsthafte Haltung, wenn es weiter um rechte Rattenfänger, Sextouristen in Thailand oder den alles verzehrenden Kapitalismus wie in Ölsardinienindustrie ging.

Nach der zum Kafka-Jahr passenden Verwandlung und vollends glücklich berauscht rollte der äusserst gelungene Luzerner Abend noch selig mit im Zug retour nach Zürich.

Aber dann kommt die Angst so zu sein, wie du warst
Löst die Ängste aus deiner Vergangenheit ab
Du erinnerst dich nicht, aber ganz genau das
Was du bist, wolltest du nie werden, hast du gesagt
Die Angst so zu sein, wie du warst
Löst die Ängste aus deiner Vergangenheit ab
Eines Morgens wachst du auf in der Gestalt eines Käfers
Die Verwandlung kommt über Nacht


PS: Ein herzliches MERCI an den Fotografen Patrick Hürlimann, über den ich einige seiner schicken Bilder direkt vom Lucerne Festival erhalten konnte. Das natürlich Kirsche auf dem Sahnekuchen!

PPS: Vom Festival selbst gab es es für alle Gäste noch einen netten Rückblick auf Youtube.

 

Igor kanns

Zur Begrüssung hat Pianist und Kurator Igor Levit das Programm vom Luzerner Klavier-Fest kurz vorgestellt, nicht ohne besonderen Hinweis auf seinen ebenfalls politisch voll korrekten Bro, nämlich den gefährlichen Daniel, welcher am Sonnabend laut Levit nur wegen ihm sein einziges Solokonzert in 2024 spielen wird! Vermutlich wird zur Kunstfreiheit referiert und der Hobbyschweizer kann den konzertanten Vorsommer weiterhin livehaftig geniessen. Ob das Klavier eventuell mit Strom verstärkt wird, wird sich weisen dann.

Zum Aufwärmen der puren Handarbeiten am Eröffnungsabend gab es etwas Bach, gefolgt von einem hübschen Brahms-Konzert und nach der Pause die wirklich tolle Interpretation der 3. Sinfonie von Beethoven in der Klavier-Version von Liszt. Nach der gefühlvollen und heftigen viersätzigen Bearbeitung des Flügels schwappte der stehende Applaus nur so durch den Saal, Bravo-Rufe allerorten und auch sonst war für CH-Verhältnisse eine sehr ausgelassene Stimmung im Saal – alle waren hin und weg von der faszinierenden Darbietung eines wahren Könners.

Als Betthupferl gabs fürs artige Publikum noch den Mittelsatz aus der Pathétique-Sonate vom Beethoven-Zyklus zum sanften Runterkommen. Richtig wohltuend und mir war bereits vorher klar, dass der Igor zum Schluss noch einen Beethoven-Joker ziehen wird. Überragend gespielt Herr Levit!

Apropos, falls Nemo mit seiner Scheibe gewönne stünde mit dem KKL ein prima ESC-Austragungsort zur Verfügung, kleine aber feine Schuhschachtel mit überragender Akustik!

Schneeschub

Vor dem dräuenden Weltuntergang besser noch eine Genussrunde einlegen, dachte sich der Hobbyschweizer und nach erfolgreichem Wetter- und Routenstudium ging es zeitig los.

Der durch einen Kälteeinbruch ankündigte und eingetroffene Neuschnee bis auf 800 Meter motivierte für einen letzten Saisonausritt auf den wirklich empfehlenswerten MSR. Eine als eher schwierig bezeichnete Etappe sollte mit ca. 600 Höhenmetern im Dreiviertelkreis durch das Mythengebiet führen. Der Beginn war vielversprechend bei klarer Sicht und strahlendem Blau-Weiss, gut wurde die frühest mögliche ÖV-Verbindung in die Urschweiz gewählt. Der frisch gefallene Schnee war super angenehm, vor allem im Stolpern und Fallen – die Decke mit 50 bis 70 cm eben sanft gepolstert. Im Anstieg rann der Schweiss, die Sonne leuchtete (noch) strahlend und von den Bäumen gab es permanent Schneeduschen. Im hellen März immer wieder besonders beeindruckend das Glitzern und Funkeln der Kristalle im Gegenlicht. Magie nur Hilfsausdruck.

Auf einem Vorgipfel ein kleiner Werbehinweis auf Seniorenschlitten; eigentlich stünde ja der Grindelwalder «Velogemel» bereits länger zur Disposition, doch könnte die voraussichtliche 13. Monatsrente ebenso gut in einen bequemen Mythenrodel investiert werden. Mol luege.

Die letzten steilen Meter auf den Furggel waren aufgrund vom Trainingsrückstand etwas hart; glücklicherweise pappte der Schnee trotz Lawinenwarnstufe 3 ganz gut zusammen. Oben dann leider keine Aussicht, ausser einem kurzen Lichtblick auf die Urner Alpen war kaum etwas zu erspähen und der Grosse Mythen in der Nebelsuppe nun gänzlich ersoffen. Respekt und Bewunderung aber für den vergnügt schneebadenden Gipfelstürmer, der tatsächlich im T-Shirt und Barfuss seine Durchblutung tüchtig förderte. Als Warmduscher mutete derart Ritual schon etwas befremdlich an.

Mangels Aussicht ging es nach der benötigten Kalorienzufuhr bergab rasch weiter, allerdings kam immer mehr Hochnebel auf – gut hatte es hier und da deutliche Verkehrszeichen.

Beim queren der Skipisten war der spätsaisonale Frühsportler froh, dass fast kein Betrieb herrschte. Immer gut, wenn man mitten in der Woche auf Tour gehen kann. Vorbei an Bright Vader wurde alsbald die digitale Karte bemüht, da völlige Orientierungslosigkeit drohte.

In der Folge kam es zu einem Zusammenschluss mit einer ebenfalls die richtige Spur suchenden Mitläuferin und gemeinsam bewältigten wir das letzte Teilstück zur Rettungsgondel. Interessant sprach die Schwyzerin tatsächlich von Inner- und Ausserschweiz, dachte bislang diese Nomenklatur gäbe es nur im Wallis. Tja, Schweiz hobbytechnisch halt weites Feld. Jedenfalls wärmte das Bergrestaurant noch kurz und kräftig auf und offerierte überdies eine ganz neue und überraschende Idee: nämlich ein wenig nächtigen direkt vor Ort, gefolgt vom Aufstieg mit Stirnlampe zum Sonnenaufgang auf dem versoffenen Berg. Tönt prima immerhin.

Die Gondelfahrt hinunter ins Tal gab schloss das letzte Viertel des heutigen Kreises und in der Kabine gab es noch die Erzählungen eines über 80-jährigen Skifahrers, der mitschwebend von seinen Erlebnissen auf diversen 4000ern berichtete. Scheint als hielten Berge jung und die gut 10 Kilometer auf Schnee machten durchaus Spass und Lust auf mehr im Frühsommer dann. Die Partnerin vom Orientierungslauf brachte mich freundlicherweise rasanter als das Postauto runter ins Dorf, und die Mitbringsel aus Einsiedeln dann wie üblich von Walhalla, gleich vis-à-vis vom Bahnhof.

Traumaberg

Gleich beim ersten ernsthaften Einsatz am Berg in der vom Wetter prima unterstützten alpinen Auszeit kam die erkenntnisreiche Erinnerung noch weit vor dem Gipfelziel jäh wie ein Blitz. Im Zwiegespräch bergan tauchte wie so oft die Frage nach dem Warum auf. Warum schwitzen, schnaufen, quälen. Warum die permanente aerobe Kontrolle und warum bist du eigentlich hier. Die Verlockung auf Aussicht? Oder etwa Traumabewältigung?

Kinderlandverschickung

Jene Massnahme sorgte für Furcht vor, während und noch lange nach dem Aufenthalt in Oberstdorf im Allgäu. Fünf quälend lange Wochen dauerte die Zeit in einem ärztlich verordneten Kinderheim. Mehrbettzimmer, alle anderen Jungs älter und grösser. Haut auf der Frühstücksmilch, Kümmelgeschmack im Marmeladebrot, viele Wanderungen und tägliche Bewegung an der frischen Luft. Zum ersten Mal im Leben wurde vom Stadtkind dort Kuhdung gerochen. Und das täglich und ausgiebig. Kühe aber interessant, die hatten laut schellende Glocken um den Hals.

Für den gerade noch Sechsjährigen ein gravierender Einschnitt – der Abschied bei der Übergabe im Stuttgarter Bahnhof war schlimm und voller Trennungsschmerzen. Lange hielt sich der Gedanke an eine Art familiärer Verstossung. Warum sonst musste ich so weit weg in eine bergige Gegend, von der der Kinderarzt überzeugt war, dass sie die Konstitution stärke. Gut 20 Jahre vorher hat der doch bestimmt die Tauglichkeit der Hitlerjugend attestiert. Mir kleinem Pimpf hatte er bereits Lebertran verordnet. Lieber Lebertran als Berge, soviel stand fest. Doch Doktor Herz setzte die Verschickung durch, war diese nicht auch ein Relikt aus dem schrecklichen Reich?

Post-Allgäuer Drama

Von den Eltern wurde ein wenig Sackgeld mitgegeben, das als grosser Schatz angesehen wurde, welcher unbedingt der Wachsamkeit bedurfte. Waren es ein Fünfmarkschein oder deren zwei? Jedenfalls reichte es für eine Ansichtskarte, für die beim Schreiben noch Hilfe der dortigen Schwestern benötigt wurde; die Einschulung folgte dann erst im Herbst darauf. Dass die Miniatur-Kuhglocke, welche fast täglich durch die Schaufensterscheibe des Souvenirgeschäfts angestarrt, taxiert und natürlich erst nach mindestens ebenso oftmaligem Nach- und Durchrechnen (Budget!) ausgewählt und unter meiner Zeugenschaft eingepackt wurde (Schwestern halfen beim Kofferpacken am Vorabend der Abreise) nach der freudigen Rückkehr aus dem Straflager beim Kofferöffnen nicht mehr im dem selbigen aufzufinden war – Drama pur!

Abgrundtiefe Traurigkeit gepaart mit blankem Entsetzen gefolgt von massloser Enttäuschung, fiel doch der Verdacht auf die grossen Jungs im Mehrbettzimmer, die bestimmt die Glocke aus dem Koffer nahmen, als ich schlief. Anders war dieses Ungemach nicht zu erklären, zumal ein Film von der in Seidenpapier eingewickelten Glocke am bestickten Lederband zuoberst im Koffer immer wieder ablief. Allgäuer Aufenthalt also recht bescheiden und nun blieb nicht mal ein Andenken.

Bergecho

Als 30 Jahre später der Corvatsch in Bünden heimtückisch mit einem Kreislaufkollaps drohte, weil leichtsinnig schnurstracks auf 3.300 hoch gegondelt wurde, half schnell die Büchse Cola, um gerade wieder genesen an der Talstation noch den ehrfürchtigen Blick eines orthodoxen Jünglings auf das IDF-Shirt zu erhaschen. Nein, mit Bergen schien weiterhin keine Symbiose möglich.

Wenig später dann ein Trip nach Südtirol und die hübsche Terrasse des Ausflugslokal zeigte Bergsicht auf die Dolomiten oder sonst was, jedenfalls live mit einem wohl gealterten und kenntnisreichen Luis-Trenker-Verschnitt bei Speis & Trank rustikaler Art öffnete die Augen auf etwas, was zuvor nicht gesehen oder vielmehr spürbar war: nämlich Resonanz.

Denn fast nichts macht mehr Freude, als den Kampf mit sich selbst im Einklang zu beenden. Und wenn dies im Interim zwischen Erde und Himmel geschieht, entsteht dabei manchmal sogar eine Art Wohlklang, eine derart positive Schwingung mit der umgebenden Natur, dass vielleicht gar ein Juchz entfleucht. Und dazu dann gerne ein Gewürzbrot mit süssem Aufstrich, aber bitte keine Milch mit Haut.

 

Herbstfrische

Anreise

Die Südostbahn nach Locarno wegen Röhrenproblem im Gotthard wie üblich gut besucht. Am Urner See wurde einer Mitreisenden, die im Hang auf ihrem Koffer sass der eigene Sitzplatz angeboten. Sie um 10 Uhr erkennbar nicht ganz nüchtern, lehnte aber ab, da sie ihr Quantum Schnaps noch in Ruhe goutieren wollte. Litt wohl an Reisefieber auch.

Der Pronto Shop am Etappenziel hat täglich von 6 bis 23 Uhr geöffnet, Transitstrecke halt und praktisch für die Kalorienzufuhr. Auto Uri hat das Postauto ersetzt und die Frequenz auf Stundentakt erhöht. Leider aber entfällt nun der Transport der Milchkannen auf dem Anhänger; schade aber auch, Hänger wäre sicher praktisch für Velo-Verlad.

Obwohl die Kabine der Seilbahn mit nur sieben Personen (davon zwei Kindern) besetzt war, wurde die Frage nach einer Mitfahrgelegenheit mit einem kategorischen NEIN verweigert. An der Kabine ist die maximale Personenanzahl mit acht angeschrieben. Egal, die Gondeln waren fast non-stop unterwegs, da eine Hochzeitsgesellschaft oben feiern wollte. Mit einigen dazu eingeladen Twens, meist in Pärchenform, ging es dann nach oben, natürlich zu acht.

Reisestress

Oben wurden die Rinderherden sichtlich nervös und schon etwas erregt, als die Reisetasche wegen schierem Übergewicht auf Rollen den Pfad entlang donnerte. Die Reaktion der Bullenherde sorgte für eine gewisse Anspannung, da beruhigendes Zureden nicht half – es wurde munter weiter geblökt und von überall kamen immer neue Tiere im Galopp an den Weg, schauten und schnaubten.

Aber gut gibt es diese dünnen Bänder mit oder ohne Strom, welche meist rhythmisch schnalzen und die konditionierten Tiere tatsächlich auf kurze Distanz hielten. Auf dem etwas begrasten Mittelstreifen gewechselt machten die Rollen nurmehr gedämpften Lärm, die Tiere muhten nun nicht mehr, aber gaben weiterhin beidseitigen Geleitschutz der erst endete, als eine weitere Begrenzung der Weide erschien, auf die tapfer und zielsicher zugehalten wurde. Die Viecher blickten dem Störenfried noch lange nach, selbst als nach einem halben Kilometer der Hügel zum Ferienhaus erklommen wurde. Sicherheitshalber wurde die direkt vor dem Domizil liegende Jungbullen-Weide gar nicht erst nicht gequert, sondern wagemutig ein Stück Stacheldrahtzaun hochbeinig überstiegen. Doch was musste bei der Gepäckaufgabe festgestellt werden – die an den Henkeln der Rumpelkiste angebrachten Renegades waren weg! Fressen Rinder Lowa?

Durchreise

Keine allzu grossen Sorgen, war der grosse Bruder von Meindl ja ebenfalls am Start und fix an den Füssen montiert, da die Vollledernen schlicht zu schwer fürs Gepäck. Und sowieso stand noch ein Trip ins Reusstal an, da das am Bahnhof parkierte Velo noch abgeholt werden sollte. Und beim Abstieg siehe, beide Lowa nicht verfuttert sondern warteten brav nebeneinander am Wegesrand. Mit Auto Uri also wieder runter, vorbei am Tag der offenen Tür bei Weltmarktführer GIBO AG, der erstaunlich viele Ürner anlockte. Velo sprang sofort an und auch ohne Plan fand es den direkten Weg zum Tell-Denkmal, wo schräg gegenüber der Maroni-Mann balkanische House-Musik abspielte.

Rückreise

Tour retour dann eher Tortour – am See entlang alles leicht und flüssig, aber die 600 Höhenmeter reine Hölle. Vor allem im Kehrtunnel, wo die Motorfahrzeuge aufgrund der eigenartigen Akustik ein wahrhaft donnerndes Geräusch verursachten, welches wie zukommende Panzer tönte. Als später ein fetter Traktor plus Anhang einfuhr, kamen Gedanken an eine mächtige Lokomotive mit Panzerbegleitung auf. Oft musste eher gestossen als getreten werden, das Einkaufserlebnis wog schwer.

Endlich im Hauptort angelangt die notwendige Atempause zum kurzen Gang zum Fistbruder, der mit etwas Wasser in Kreuzform auf dem Grab geehrt wurde. Eigentlich war die 17 Uhr Gondel laut Marschtabelle geplant, doch der heftige Hungerast führte rasch zur völligen Erschöpfung. Tatsächlich wurde den ganzen langen Tag vergessen zu essen, und das ohne Frühstück.

Zwischenlager vielleicht ratsam

Die immerhin brutalen 3’600 Höhenmeter brutto trugen bestimmt auch noch ihr Scherflein zum dann doch überraschend rapiden Verfall des Kreislauf- und Stoffwechselsystems bei. Dafür konnte am Wasserloch an der Talstation das Flüssigkeitsdefizit etwas reduziert werden, da die 17.30er noch gemütlich abwärts schwebte. Aufgrund der hitzigen Ausdünstungen danach waren die Fenster der Kabine flugs beschlagen, obwohl die Gondel siebenfach unterbesetzt war.

Rückblick aus Gondel im Abendlicht auf Schlieren und Uri Rotstock

Heimreise

Oben dann die Hochzeitsgesellschaft im vollen Ornat, Fototermin in der Restsonne. Kurzes Grüezi im Alpbeizli, die Wirtin gab mir statt «mit» den sauren Most «ohne». War jedoch genau dir richtige Medizin für die Unterzuckerung. Labsal nur Hilfsausdruck. Auf dem Heimweg wurde dann im schwindenden Tageslicht Filmstar Aschwanden Sepp erblickt, der mit Sense in der Hand von einer der steilen Hänge abstieg. Beispiel für Mensch-Natur-Symbiose: Wildheuen könne man solange wie es das Wetter erlaube, also bis in den Oktober hinein. Interessant: Wildheuen beugt Lawinen und Erdrutschen vor.

Nach dem stärkenden Abendbrot dann einige vergebliche Suchläufe und die Überraschung im DAB-Empfänger: auf DLF tatsächlich ein Schweizer Idiom. Das wirklich tolle Hörstück mit und über den Schriftsteller Gerhard Meier wurde extra für den happy Hobbyschweizer ausgestrahlt. Es gibt sie also doch: pure positive Bergstrahlung!

Hitziges Bergeln

Die fast völlig ausgetrockenete Luft bildet die Konturen der bergigen Landschaft scharf ab. Alles scheint nah und fern zugleich. Eine temporäre Verharmlosung des Unbills der kommenden Wetter. Die anhaltende Seuche der Irr- und Umwege trotz Ortskenntnissen wurde direkt vom Hausberg importiert. Aufstieg dennoch in Rekordzeit, Tagesausflug gerettet – der Trainingsfleiss scheint Wirkung zu zeigen. Bewusste Trinkpausen erlauben dem Puls die Warnzone zu verlassen. Pater Michael empfiehlt anlässlich der Hitze zwei Bier. Die Alphörner schwören auf Wasser. Eine Warteschlange an der begehrten Grillierstation lässt nurmehr eine Cervelat zu. Die beim Warten dort angetroffene Ex-Wirtin vom Hotel Uri Rotstock war einst auf demselben. Wegen Schwierigkeitsgrad wurde der wunderschöne pyramidenförmige Gipfel bislang stets ausgeschlossene, sieht aber schon sehr verlockend aus. Der rüstige Holzhacker aus dem Isenthal inspiziert die Vorräte auf seinem gemächlichen Kontrollgang. Den frischen Ürner Chrütertee verspricht Knieweis auf Ende September. Passt perfekt zur Herbstklausur mit Handwerkstag.

Menschenkicker

Tight Club

Deutlich absehbar war, dass sich auf dem Event im Kurgarten ein trinkfestes Publikum einstellen würde, hatte die organisierende katholische Landjugend am Vortag gleich drei Getränkestände plus Schnaps-Bar im Festzelt aufgebaut.

Mittels Gerüststangen wurde ein Käfig-artiger Spielplatz hergerichtet; auf lange Metallstangen wurden dabei PVC-Rohre mit Handschlaufen übergestülpt, an denen die Mitspieler ihre Hände befestigen mussten (selbst die Torwächter!). Nur gemeinsam konnte sich somit die jeweilige Zweierkette nach links und rechts bewegen.

Ein Team umfasste jeweils fünf Spieler im 1-2-2-System. Es wurde ziemlich kräftig gegen den Ball getreten und nicht wenige davon landeten im Gesicht, Unterleib oder dem vorbeifliessenden Bach. Immerhin 12 Teams aus der näheren Umgebung hatten gemeldet, darunter so klangvolle Namen wie die Peterstaler Hexen, das rein weibliche Team Bierzellona oder die in knalligem Magenta grossartig scheiternde Barfuss Bethlehem.

Trikotwerbung

Schon im Auftaktspiel der Veranstaltung fiel dann die Rückennummer von einem gewissen Mattis ins Auge, der offensichtlich ein Anhänger der Theorie vom norwegischen Psychiater Finn Skårderud sein musste, dessen interessante wie abwegige Spekulation von einem um 0,5 Promille zu niedrigem menschlichen Blutalkoholgehalt im Oscar-prämierten Film «Der Rausch» dramaturgisch bravourös umgesetzt wurde.

Im Kurzinterview wurde jedenfalls die Grundüberzeugung des halben Promillegehalts gerne bestätigt und es war eben jener Mattis selbst, welcher am Ende freudetrunken die eigens entzündete Signalfackel auf der Siegerehrung in Händen hielt.

Beim erstmalig ausgetragen Menschenkicker-Cup im Kurort konnte sich nämlich tatsächlich die Mannschaft des heimischen SV Schwarzwald Bad Peterstal im Finale mit einem 1:0 Sieg gegen die Feuerwehr Oppenau II glücklich, aber verdient durchsetzen und damit für die am Wochenende zuvor erlittene zu Null Schlappe auf dem Grossfeld eindrucksvoll rehabilitieren.

Nachwuchsarbeit

Neben einem Sekt-Präsent war ein Gutschein für das Braunbergstüble die Siegesprämie für die zumeist feuchte Angelegenheit. Die etlichen Regenpausen führten dazu, dass das Finale erst gegen 22 Uhr ausgetragen werden konnte, was die Wirkung der Leuchtfackel in der Dunkelheit wunderschön verstärkte und bei den noch sehr jungen Fans bestimmt einen bleibenden Eindruck hinterliess.

Bierkleber

Nach einem sonnigen Beginn musste der Wettbewerb erstmalig am späten Nachmittag aufgrund gleich mehrerer heftiger Wolkenbrüche unterbrochen werden, was der PA im aparten Festzelt jedoch erlaubte die trinkfreudige Kundschaft mit teutonisch-mallorquinisch angehauchten Gassenhauern à la Bieraktivist lautstark zu beschallen. Bis anhin waren dem staunenden auswärtigen Sommerfrischler derartig plumpe Trinkanleitungen mangels Bedarf noch völlig unbekannt.

Gleich mehrere animierende Durchsagen verwiesen auf die abwechslungsreiche Getränkekarte, welche unter choralen Anfeuerungsrufen brav rauf und runter gebechert wurde. Und jetzt alle!

Wasserschlacht

Eine leider etwas zu kurze Regenpause liess uns Schaulustige auf der vorübergehenden Flucht bereits nach wenigen hundert Metern im traurig verwaisten Freibad stranden, wo der vor Ort leider beschäftigungslose Bademeister überraschend freundlich ein wasserdichtes Obdach gewährte und im kurzen Gespräch sein persönliches Leid aufgrund des nun auf ihm lastenden Schwarzen Peters schilderte. Eine für alle Beteiligten unfassbar dramatische und zugleich unentwirrbar komplexe Provinz-Posse!

Womöglich waren wir Schutzsuchende die einzigen Gäste in jener ausfallenden Bade-Saison, welche direkt vor Ort im Regen standen…

Feuchte Angelegenheit

Das Halbfinale und Finale sollte nach etlichen Güssen dann natürlich wieder live erlebt werden und hatte es wirklich in sich. Zum einen musste ein Elfmeterschiessen aus vier Metern über den Finaleinzug entscheiden, zum anderen waren etliche Stürze auf dem zusehends aufgeweichten Boden unvermeidlich, was der Begeisterung im Publikum und Spielfreude der Beteiligten keineswegs schadete, sondern allesamt mächtig erheiterte. Humor ist wenn man trotzdem lacht und so war auch der Alkoholpegel auf dem Festplatz parallel zum rauschend strömenden Sturzbach spürbar angestiegen.

Landliebe

Für die jungen Erwachsenen war dieser sommerliche Saisonhöhepunkt jedenfalls ein Mordsspass, den sie sich durch das von Pfützen übersäte Geläuf keineswegs verderben liessen, sondern tapfer weiter schön tranken. Für den Sommerfrischler hingegen ein exotischer Ausflug in den obskuren Dschungel der gelebten Provinzalität, die an jenem Abend stocknüchtern betrachtet zwar folkloristisch passend, aus Stadtsicht allerdings schon etwas schräg war.

Dekonstruktion

Ferien sind eine anstrengende Beschäftigung, die man erst zu geniessen beginnt, wenn sie vorbei sind.

Renchtaler Kreidekreis

Direkt vor dem Parkplatz-Café wird es offenbar – es gibt zwei Welten und eine Spiegelung. Zwar versprächen beide Hinweise die Öffnung des kaukasischen Himmeltraums, doch der herbe Widerspruch namens Realität lässt den Eingang leider fest verschlossen.

Willkommen heisst anders und der Traum verwandelt sich zusehends ins Trauma.

Kein WC-Papier im Revier!

Die nächste grobe Enttäuschung farbecht in Grau-Weiss. Wo früher Saison übergreifend, egal welche Liga, welches Torverhältnis, welche Unwetter, noch welcher Kontostand eindeutig Blau-Weiss regierte, herrscht nun blanko Szenario. Weder Mast, noch Fahne. Der zugegeben halbwegs anständig geschmiedete Metallzaun kann die erkennbar mit Fussball in Verbindung gebrachte Inschrift nurmehr schlecht kaschieren – doch vom S04 zum E-Jugendmeister ist eine schon etwas strenge Abfahrt.

Vorspiel

Der totale Schock folgt dann sofort: das örtliche Freibad bleibt wegen eines Rechtsstreits zwischen Gemeinde und Betreiber einfach geschlossen. Kein Wespentanz im Pommesduft. Dabei wurde die zuhause vergessene Badehose beim nötigen Umstieg quasi en passant mit einem nagelneuen Modell ersetzt! Eingesetzt wird das neumodische Teil schon allein aus Trotz und die soziologischen Studien bunt tätowierter Badegäste müssen halt im Nachbarort durchgeführt werden.

Als wäre das Fass der Tränen gleich am ersten Ferienwochenende noch immer nicht voll genug, hat die lokale Fussball-Mannschaft einen deftigen 0:5 Kollaps auf heimischem Geläuf offensichtlich schwer zu verdauen (Stichwort dritte Halbzeit!).

Nachspiel

Doch bevor die süddeutschen Ferien nun gänzlich verwässern, kommen erste Lichtblicke. Eine Spassvariante des immerwährenden Spiels lockt intendiert juvenile Mitspieler sowie touristische Zaungäste an. Eine lobende Erwähnung gebührt dabei der Katholische Landjugendbewegung, welche ein Party-Zelt aufstellen wird. Bericht folgt.

Eine weiter aufbauende An- und Aussicht vermittelt ein selbstgebastelter Kalenderspruch, welcher direkt am Stall des wie immer heimeligen Ponyhofs dokumentiert werden konnte.

Meteorologisch bessert sich die Lage täglich und so wird der sehnsuchtsvolle Rückblick auf die Sommerfrische jedenfalls nicht gänzlich am Wetter scheitern…

Elektroschub

Reiselust

Das europäische Zentrum für hochenergetische Teilchenphysik mit dem zwischen Frankreich und der Schweiz 100 Meter tiefergelegten weltweit längsten Teilchenbeschleuniger war das Traumziel – der Large Hadron Collider – die grösste Maschine, die je von Menschenhand erbaut wurde.

Mit dem Zug ging es durchs nette Fribourger Werteland, wo gleich drei (3!) Füchse auf freier Wildbahn aus dem Zugfenster erspäht werden konnten. Kurz später dann auf der Corniche der grandiose Ausblick auf den Lac Léman, wenn einen die Aussicht auf die aufgrund der Rhône-Mündung leicht türkis glitzernde Côte mit der Haute Savoie auf französischer Seite fast blendet. Eines der tatsächlich schönsten Motive der Postkarten-Schweiz, drüben die Bergriesen in Frankreich, etwas hinten dann der gigantische Mont Blanc, der bei Lausanne ziemlich breite See, welcher sich in Fahrtrichtung Genf leicht verengend krümmt. Auf Schweizer Seite die zahlreichen Weinberge des Laveaux, links die sich erhebende Pforte ins pittoreske Wallis und rechts der Höhenzug des Mittelgebirges Jura. Bald rückt dann der Jet d`eau in Genf mit seiner 140 Meter hohen Wasserfontäne ins Bild. Beim Staunen aus dem Fenster fiel mir ein, dass es tatsächlich 10 Jahre her sind, seit ich zuletzt diese Tour machte.

Durstiges Abenteuer

Geplant war eigentlich (ja genau, dieses Wort deutet wie meist das schiere Gegenteil an) die Strecke des unterirdischen Teilchentunnels ausgehend beim Besucherzentrum des Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire (CERN), dem in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg gegründeten Zentrum für die (friedliche) europäische Kernforschung, oberirdisch mit dem Fahrrad zu befahren. Es gibt eine 55 Kilometer lange Velotour und wohlweislich wurden extra dafür (Höhenmeter!) E-Bikes am Bahnhof Genf reserviert, damit auch meine genetisches Mitteilchen Lust an der Sache gewänne. Doch an einem der heissesten Tage dieses Sommers war jenes Unternehmen vielleicht doch etwas zu gewagt und wir stellten das Programm grosszügig um. Die sorgsam recherchierte Tour ist aufgehoben, aber natürlich nicht aufgeschoben, versprochen! Zumal im Herbst das neue Besucherzentrum beim CERN öffnen wird…

Velocity

Das E-Biken selbst macht zugegeben schon ganz schön viel Spass; so ein sanfter Teilchenbeschleuniger im Hintern ist eine zwar dem Zeitgeist entsprechend leicht hedonistische, doch durchaus angenehme Anschuberfahrung. Quasi Warp für Arme, ein weitgehend schweissfreies obschon Nabelschnur gebundenes Versprechen aufs Perpetuum mobile, eine auf Kinderarbeit basierte überhand nehmende Seuche und dabei permanent auf der Veloüberholspur. Und tatsächlich – wer bremst verliert. Kavalierstart, gelbdunkelrote Ampeln und andere Verkehrsdelikte sind gewissermassen immanent, wenn Energie im Überfluss vorhanden ist. Typisch Entropie halt. Schlussendlich redigiert das Chaos die Verwässerung.

Particle of the Universe

Beim CERN angekommen stand zunächst der Besuch des Science Doms an, eine multimediale und interaktive Ausstellung zum direkt an der Landesgrenze gelegenen Olymp der internationalen Gilde der Teilchenforscher. Schön haben sie potente Sponsoren für das schicke Gebäude gefunden, ein vorbildlich recyceltes Relikt von der Schweizer Landesausstellung Expo.02.
Kulturell interessant und etwas belustigend die bekanntlich meist dramatisierenden Wortschöpfungen in Sachen CERN: Urknallmaschine, Gottesteilchen sowie die absurde Gefahr eines künstlich erzeugten schwarzen Lochs, als die damals völlig freidrehende und heute mutmasslich querdenkende Beschwerdeführerin 2010 vor dem deutschen Bundesverfassungsgericht ihre unbegründete Angst vor einem Neustart des LHC ernsthaft verhandeln liess. Von mir aus hätte das CERN für derartige Clownerien gerne ein schwarzes Löchlein aus dem Hut zaubern können.

Unbekannt ist oft, dass das WWW wie wir es lange schon kennen und schätzen eben dort erdacht und entwickelt wurde. Bei insgesamt 23 beteiligten Nationen bestimmt nicht die schlechteste Kommunikationstechnik, zumal die überwiegende Mehrheit der Forscherinnen nicht in situ sondern remote mitarbeitet.
Im Science Dome konnten auf den Bildschirmen Infos abgerufen werden; nebenstehend die Ansicht von oben des grossen Teilchenbeschleunigers LHC, auf 11 Uhr der Flughafen Genf, Detektor LHCb nebenan. Standort Dome ist bei ATLAS auf 14 Uhr; ATLAS ist dabei der grösste der Teilchendetektoren. Jenes Gerät ist immerhin 25 Meter hoch und 46 Meter lang, Atlas hierfür Hilfsausdruck. Die Grösse und Vielschichtigkeit des Detektors sorgt dafür, dass sowenig Information wie möglich entfleucht und dafür alle möglichen und unmöglichen Teilchenteile aufgespürt und dokumentiert werden können. Irre gigantisch, irre responsiv, irre Teilchenphysik.

Rekordzahlen

An einem solch heissen Tag war gut zu wissen, dass sie vor Ort den kältesten Kühlschrank auf Erden haben – Minus 271 Grad, damit die supraleitenden Metalle quasi keinen inneren Widerstand bilden.

Nur so schaffen sie es dort die Protonen auf 99,9999991 % (!) der Lichtgeschwindigkeit mit Hilfe von Elektro-Magneten zu beschleunigen. Ob nachhaltig, später dann.

Während die Teilchen in dem 27 km langen Tunnel rasend schnell und zwecks beabsichtigter Kollision gegenläufig unterwegs sind, sind an vier Stellen sog. Detektoren aufgebaut, also Experimente, welche den Zerfall bzw. dessen Endprodukte aufspüren und messen. Dadurch versuchen die Wissenschaftlerinnen so nahe wie möglich dem Urknall auf die Spur zu kommen und bestenfalls herauszufinden, was die dunkle Materie (dunkel weil bislang unbekannt) ausmachen könnte.

Dunkle Materie und dunkle Energie (Variable Λ bzw. Lambda, jene bislang ebenfalls unbekannte kosmologische Konstante) haben tatsächlich 96% Prozent Anteil am grossen Ganzen – Lebewesen wie wir und sämtliche Materie in den Sternen und Gaswolken dazwischen machen hingegen gerade mal 4 % der Masse im Universum aus.

Wissen schafft Unwissen

Dies führt zu einer naheliegenden Paradoxie: je mehr man weiss, umso mehr weiss man nicht. Bekanntlich gibt es das Gewusste, das Wissen um das Unwissen und – als unsichtbare Kirsche auf der Sahne – das Nichtwissen um das Unwissen.

There are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns – the ones we don’t know we don’t know. (D. Rumsfeld)

Fertigteilchen

Nach der Laune machenden multimedialen Lerneinheit folgte das ermüdend lange Warten an der Rezeption, um einen der Zutrittscodes für die 90-minütige Führung zu erhalten. First come first serve and no online booking stand auf der Homepage; schlechte Erfahrungen hätten zu dieser nicht eben gastfreundlichen Prozedur geführt. Sollen sie doch nen Taler nehmen dafür, könnten sie wieder ein Kilo Strom davon kaufen. Vielleicht aber auch Deal mit den Steuerzahlern. Jedenfalls verblieb nach erfolgter Registrierung und Start der Kurztour ein Bruchteil Zeit für einen persönlichen Teilchentest.

Dieser erfolgte jenseits der Grenze direkt bei einem Carrefour, der dank der schnellen Elektronen via Velo in Nullkommanix erreicht wurde. Die Teilchen wurden für ganz passabel befunden und die mechanische Spaltung erfolgte geschwind. Etwaige Zerfallsprodukte konnten nicht eindeutig detektiert werden, zu süss und klebrig war die Masse.

Radioactivity – is in the air for you and me

Flugs retour bei der Führung wurde uns dann ein mittlerweile ausser Dienst gestellter ehemalige Teil eines Beschleunigers plus Detektor gezeigt; leider ist es für Laien nicht möglich unter die Erde zu gelangen, um das aktuelle Gerät vor Ort in Augenschein zu nehmen. (Dort wäre ebenfalls eine Velotour möglich, Radweg wäre vorhanden) Hehres Ziel bleibt, beim nächsten Besuch nicht mehr ganz als Laie zu gelten.

Bei der Fragerunde zum Abschluss im hübsch ausgeleuchteten Teilchendetektor stand unsere Führung Rachel auffallend weit vorne an der leicht geöffneten Türe nach draussen, als sie eine Frage nach Radioaktivität bejahte und mitteilte, dass erst seit 10 Jahren der Besuch zu der Alt-Anlage überhaupt möglich sei. Eine Rest-Strahlung sei dabei noch immer in der von ihr entferntesten Ecke des Raumes messbar. Darum also stand sie im heissen aber strahlungsarmen Türspalt! Sicher reiner Vernunftsentscheid, macht man mehrere Führungen pro Tag.

Tatsächlich hatte ich das Warnschild hinten glatt übersehen, wahrscheinlich wegen der bereits erhaltenen heftigen solaren Strahlendosis eines glühenden Sommertages. Vielleicht aber auch, weil es im nur spärlich beleuchteten Raum auf etwa Kniehöhe angebracht war. Dosimeter gab es keine zum Zugangs-Badge.

Gescheites Werkzeug immer wichtig beim Forschen; beim jährlichen Boxenstopp der vibrierenden Teilchen werden die Muttern der Röhre dann alle wieder schön festgeschraubt.

Gigantonomie

Das Graffity am Kontrollzentrum gibt ungefähre Grössenvorstellungen von ATLAS wieder, virtueller Rundgang dort. Die Anlage selbst wird im 3-Schicht Betrieb rund um die Uhr gefahren, Wartungsarbeiten sind jeweils im Winter (wegen Strombedarf, der übrigens aus Frankreich kommt – Atom, ick hör dir trapsen).


Das Forschungszentrum CERN benötigt laut Rahel ein Terawatt pro Jahr; gemäss Wikipedia beläuft sich die installierte Windkraftleistung ganz Europas (Stand 2022) auf 255 Gigawatt, gerade ein Viertel der allein vom CERN benötigten elektrischen Energie. Sie wollen aber künftig Strom sparen, versprach unsere Tour-Guide. Das Aufspüren des Higgs-Boson in 2012 war der bisherige Höhepunkt am CERN. Ein Lego-Modell von ATLAS mit der Unterschrift des zum Ritter geschlagenen Peter Higgs steht in einer Vitrine und auch im Kontrollzentrum (vorne rechts unten).

Alle Signale standen auf grün, die Teilchen rotieren fröhlich vor sich hin und das Higgs-Feld jubiliert. Das ist nämlich das wirklich verrückte an diesem Boson: es hat selbst gar keine Masse, verleiht aber anderen Teilchen welche durch das von ihm erzeugte Feld. Quantentheoretische Mechanik halt. Für mich eine weiterhin rätselhafte Welt von obskuren Partnerteilchen ohne feste Bindung. Ganz zu schweigen von irgendwelchen Austausch- oder gar Geisterteilchen.

Geht doch: bei über 23 Billiarden Kollisionen immerhin fast 12 Millionen Higgs-Bosone;
macht 1 Higgs pro 1,988916 Milliarden Bangs, falls der Taschenrechner nicht schwindelt.

Einen netten Einblick in den ATLAS-Detektor, dessen Grösse und Installation sowie die Arbeit vor Ort nebst immanenten wie frustrierenden Nicht-Wissen gibt der erst jüngst veröffentlichte und hochinteressante Vortrag aus der LMU München von Prof. Dr. Otmar Biebel auf Youtube.


Der Kanal Urknall, Weltall und das Leben, auf welchem das obige Lehr-Video veröffentlicht wurde, ist übrigens immer einen Besuch wert. Man erhält hier mehrmals pro Woche durch fachkundige Überbringer interessante Botschaften aus dem Kosmos und darüber hinaus. Keineswegs Nerdfunk, sondern faktenbasierte Wissenschaft für wissbegierige Laien. Dem aufrichtigen Kommentar von User @faktisletztenendes kann ich mich bedenkenlos anschliessen: «Ich bin so dankbar, dass es diesen Kanal gibt, er bewahrt mich vor der vollkommenen Verdummung. Ich behaupte nicht, dass ich alles verstehe, aber zumindest macht es mich nicht blöder als ich bin. Danke für eure Angebote.»

Grösser, schneller, weiter

Der wissenschaftliche Fortschritt erscheint fast wie Hase gegen Igel, Theorie gibt vor und der Praxistest verifiziert anschliessend. Oder auch nicht. Wie viel Wunsch ist wohl hier die Mutter der Gedanken? Sabine Hossenfelder bemängelt schon länger die Überhandnahme der theoretischen Wissenschaft und die Mängelliste der ungelösten physikalischen Probleme ist mittlerweile ziemlich lang geraten. Nach Hossenfelders Überzeugung «sind die zahlreichen Postulate neuer Teilchen typisch. Darin macht sie ein karriereförderndes Schema aus: Man identifiziere ein bekanntes offenes Problem, das auf natürliche Weise durch Einführung eines neuen Teilchens gelöst werde, wobei es von Vorteil sei, dieses mit Eigenschaften auszustatten, die erklärten, warum es bisher nicht entdeckt worden sei und warum das in nicht allzu ferner Zukunft doch möglich sein werde. Durch Modifikation der Eigenschaften könne dieser Zeitpunkt immer weiter in die Zukunft hinausgeschoben werden» (aus Hossenfelders-Wikipedia Eintrag).

The Lords of the Ring

Um entscheidend weiterzukommen – durch mehr Energie und mehr Radius –  wollen die Kern-Wissenschaftler gerne einen 100 Kilometer-Ring bauen, falls die europäischen Steuerzahler dies genehmigen. Ein Beschluss zum Future Circular Collider soll möglichst vor dem Ablauf der erwarteten Einsatzzeit des LHC Mitte der 2030er Jahre fallen. Die Kosten pro Einwohner der internationalen Trägerschaft belaufen sich momentan auf einen Kaffee pro Person pro Tag rechnete die rasend schnelle Führerin lapidar vor. Vielleicht käme dann noch Gipfeli dazu, rechne ich im Stillen weiter. Dabei haben die CERN-Wissenschaftler bereits heute eine Datenmenge, welche erst 2040 abgearbeitet sein wird. Doch vielleicht hilft die eine oder andere Besucherin ja bald mit.

Noch Fragen?

Ob wirklich alle Menschheitsfragen durch die Forschung im CERN beantwortet werden können, bleibt zweifelhaft. Wobei dies gar nicht nötig wäre und ein Rest Geheimnis als immer währendes Rätsel gewissermassen durchaus ein geistiger Gewinn sein könnte. Ob als Spielfeld für Religion, Philosophie oder andere Rituale bliebe hierbei egal. Ein Leerfeld muss nicht immer zwingend besetzt werden, selbst wenn der menschliche Forschungsdrang und Wissensdurst dies so sehr erstrebt. Dass die Redundanz unserer geistigen Kapazität überhaupt erlaubt über die reine Lebenserhaltung hinaus grosse Fragen stellen zu können, könnte ein Fingerzeig der Evolution in Richtung kosmischer Achtsamkeit sein.

Peace out.