Qualitativer Umschlag

Im aktuellen Schweizer Wahlkrampf hat die SVP wie immer das nötige Kleingeld für ihre Gaga-Propaganda. Sachthemen sind out, alberne Wahlspots in. Im September hatte die volkstümlich auftretende aber von Milliardären gesteuerte und finanzierte Partei den Titel einer Pendlerzeitung für ihre Banalitäten nebst üblicher Angstmache gebucht.

Jetzt wurde von über 12000 Crowdfundern dagegen gehalten und Titel plus Seite 2 gekauft:

Mir langets, SVP, Wahlkampf Schweiz 2015, CH Wahl 2015, Wahlwerbung

Offener Brief an die Chefredaktion des 20 Minuten

Ich gratuliere Ihnen! Heute, am 14. Oktober 2015, haben Sie es nach all den Jahren geschafft, eine gute Titelseite zu publizieren; erhellend ist, dass Sie für dieses Gelingen 138’531 Franken einstreichen und dass dieser geglückte Umschlag direkt an Ihr Versagen geknüpft ist. «Grundsätzlich» könne jede Partei inserieren und den Umschlag buchen, so formulierte es Ihr Sprecher Christoph Zimmer. Vielen Dank! Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich das die meisten Parteien nicht leisten können. Ein trocken zynischer Satz also? Nicht nur. Das Brisante liegt vielmehr im Wort «grundsätzlich». Man kann buchen, egal wer, egal was, «grundsätzlich» ist alles möglich, Hauptsache, der Batzen stimmt. Wir wissen um die Unsentimentalität des Kapitalismus, aber wie steht es mit Ihren Grundsätzen? Der Gebrauch des Wörtchens «grundsätzlich» weist geradezu obszön auf die Abwesenheit von Grundsätzen hin. Journalistische Ethik? Eine demokratische Grundsatz-Diskussion, ob es (in Zeiten des Wahlkampfes) vertretbar ist, den Umschlag zur «Buchung» freizugeben? Es steht jedenfalls fest, dass Sie sich an eine hetzerische Ideologie verkauft haben, deren Kaufkraft eine eminente Macht bedeutet; die Ideologie ist (auch) das, was sie zu kaufen vermag. Sie sind also – ohne eine Haltung zu haben – zum Steigbügelhalter des Populismus geworden, dafür müssen Sie sich verantworten. Fairerweise muss ich sagen, dass in Ihrem Fall wenigstens klar ist, dass Sie gekauft worden sind. Andere Zeitungen und Zeitschriften sind diesbezüglich schwieriger zu «lesen», das heisst, im Normalfall wird der brisante «Zusatzstoff» bei Medienprodukten nicht deklariert – warum eigentlich nicht? Aber diese Frage stelle ich jetzt an die Chefredaktion des «Du».

© Melinda Nadj Abonji, Zürich, Oktober 2015

6 Gedanken zu „Qualitativer Umschlag

  1. Ich wünsche mit, dass ganz viele Menschen diesen Artikel lesen. Mich stören die Wahlkampagnen extrem und ich finde, sie gehören in dem Ausmaß verboten. Genau wie die unsachliche und oft lügnerische Propaganda vor diversen Abstimmungen. Schrecklich.
    (Wahre) Fakten und Absichten sachlich und neutral aufzählen und fertig. So sollte es sein.

    1. Das ist sicher richtig, aber leider schafft es die SVP seit Jahren mit den gleichen Themen und prallem Portemonnaie das nationale Gewissen zu beschäftigen.

      Die mangelnde Transparenz von Geldgebern ist halt ein eidgenössischer Grundwert, schliesslich hält man gerne dem libertären Freisinn die Stange, siehe Bankgeheimnis. Dass man allerdings zuhauf Plakate eben einer bestimmten Partei wahrnimmt – v. a. auf dem Land – ist einfach ein Unding. Diese omnipräsente Stimmungsmache gepaart mit einer Politik der Angst verfängt bei der Klientel leider seit Jahren; da muss man die Werbeagentur fast loben, die stilgetreu solche dreisten Kampagnen immer wieder erfolgreich führt…

      1. Ich amüsiere mich ja oft über die Reaktionen, wenn ich jemandem ganz nebenbei erzähle, dass ich Muslima bin. “Waaaas? Wirklich? Äääh…” Und dann die unausgesprochene Frage, wie das sein kann, wo ich so gar nicht unterdrückt werde und nicht mal ein Kopftuch trage.

        1. Das kann ich mir vorstellen. Wenn du das nächste mal so einen dummen Kommentar bekommst bezüglich Kopftücher, dann sag einfach es wäre eine andere Unterdrückung. Vielleicht musst du noch gebückt gehen, damit man es dir abkauft.
          Dumme Leute hat es leider überall.

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